Morgens früh der Anruf: "Am Taksim ist was los, schalte den Fernseher ein!" –  "Welchen Sender soll ich einschalten, welchen?" – "Versuch es mit Halk TV." Dieser Sender, übersetzt Volks-TV, sendete in der Nacht von Tayyip Erdoğans Ankunft eine Pinguin-Dokumentation. Aus Protest, weil zuvor ein anderer Sender in der Nacht des Angriffs auf die Demonstranten im Gezi-Park diese Tiersendung statt einer Live-Übertragung zeigte.

Ich suche Halk TV im Internet und finde einen Live-Stream. Dann sehe ich die ersten Bilder. Auf dem Taksim stehen die Toma, so heißen die gepanzerten Wasserwerfer der Polizei. Eine Moderatorin führt mit einem Protestierer aus dem Gezi-Park ein Telefongespräch. Der Mann schreit wütend: "Wir bleiben, wir gehen nicht!"

Seine Stimme wird immer lauter.

Das Fernsehbild ist ein Fiasko, man kann sich kaum konzentrieren. Das Gespräch wird per Telefonschalte aus dem Gezi-Park geführt, gezeigt wird jedoch der Taksim Platz; es sind Live-Aufnahmen von Dienstag Vormittag. Das Gespräch handelt von der brutalen Räumung des Platzes einige Stunden zuvor. Der Bildschirm ist zweigeteilt. Auf der einen Hälfte der Platz. Auf der anderen Hälfte die Moderatorin im Studio. Aus dem Off der Protestierer aus dem Gezi-Park. Unten läuft ein Werbebanner.

Dann Schalte aus dem Studio. Die Moderatorin versucht mit einem Gesprächspartner, die Livebilder  von 9.00 Uhr einzuordnen.

Moderatorin: "Jetzt im Moment sieht man, wie 1.000 Polizisten gegen 10 Jugendliche kämpfen."

Gesprächspartner: "1.000 Polizisten? Es sind 10.000 Polizisten."

Moderatorin: "Ja, gut, 10.000 Polizisten."

Die Fernsehleute versuchen, die stundenlangen Übertragungen mit etwas Sinnvollem zu füllen. Die Talkshows und Fernsehschalten dauern Stunden an, überall ausuferndes Gequatsche, in der Zeitung hingegen hat kaum ein Artikel mehr als 3.000 Zeichen. So kommt es, dass aus 1.000 Polizisten 10.000 gemacht werden, gezeigt wird aber ein Wasserwerfer.

Von der Räumung des Platzes selbst gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Bilder, nur Erzählungen darüber, wie man am Metroausgang ohne Vorwarnung mit Gas empfangen wird. Es gibt eine Szene in der Liveschaltung gegen 10.00 Uhr auf dem Taksim, die mich irritiert. Ein Wasserwerfer verfolgt beharrlich drei Menschen, die Schutzschilde vor sich hertragen. Eine halbe Stunde lang schaue ich zu, wie die Wasserwerfer immer wieder daneben zielen und die drei Männer stets genügend Zeit haben, sich neu zu formieren und Molotow-Cocktails zu werfen.

Ich kann es nicht glauben. Wie kann ein Wasserwerfer, der Tage zuvor in einer zügigen Aktion innerhalb kürzester Zeit den ganzen Platz und Park wegfegte, so beharrlich mit einem halberigierten Strahl ständig danebentreffen? Und wenn er trifft, fällt der Beschossene gar nicht um. Werden da gerade Bilder produziert? Wer sind diese drei angeblich Jugendlichen? Parallel zu den Bildern sagt die Moderatorin das, was die Regierung verlauten ließ: Es ginge lediglich darum, Banner, Transparente und Schilder zu entfernen.

Warum aber steigt kein Polizist aus und nimmt den Männern die Schilder weg? Sollen diese Bilder sagen: Schaut her, alle reden von brutalen Protesten, aber so brutal ist das Ganze nicht? Einer aus dem Studio sagt: "Es hat etwas von einem Szenario." Das bleibt so stehen. In den sozialen Netzwerken kursiert das gleiche Gerücht, diese Bilder seien gestellt. 

Erdoğan bekommt seine Bilder

Dann das: Relativ gemütlich steht ein junger Mann am Bildrand und hat eine Fahne in der Hand. Er rollt sie auf und man hat das Gefühl, er hat unendlich Zeit. Er wartet sogar, bis er die richtige Position hat, damit die Fahne richtig flattert, so dass man sehen kann, wessen Foto er gerade in die Höhe schwenkt. Die Kamera fängt es genüsslich ein. Der Mann trägt Abdullah Öcalans Konterfei über den Platz.

Jetzt hat man genau das Bild zu den Gerüchten, die Regierungschef Erdoğan die ganzen Tage verbreitete. Nämlich, dass es sich bei den Protestierern um Mitglieder von Terrororganisationen handle. Der Mann trägt seine Fahne natürlich nicht lange: Wasserwerfer, Gewusel, Fahne weg. Aber die Bilder haben sich eingebrannt. Etwa zur selben Zeit sollen Anwälte, die Inhaftierte verteidigen wollen, so berichten es Augenzeugen, aus dem Gerichtsgebäude auf dem Boden herausgeschleift worden sein. Dazu habe ich im Fernsehen keine Bilder gesehen. 

Bei NTV, der zu einer privaten türkischen Sendergruppe gehört, sind die Bilder wenigstens ruhiger und das Ganze sieht professioneller aus, das ist der Preis für unseriöse Nachrichten, ich nehme es in Kauf.

Dasselbe Szenario. Beharrliche Wasserwerfer-Aktion gegen die drei Männer. Dafür steht ein Reporter auf dem Platz und berichtet. Er geht später in den Gezi-Park und wird sofort angerempelt. Man hat dort nicht vergessen, dass auch dieser Sender sich dafür entschied, tagelang nicht von den Unruhen zu berichten.

Der Premierminister vom anderen Stern

Einige Stunden später sehe ich die Ansprache Erdoğans vor seiner Partei. Da steht keiner, der sich rechtfertigt für die Brutalität, das Gas, die Wasserwerfer, die fortwährenden Repressalien. Nein, da steht ein stolzer Ankläger. Und was für einer. Jede Geste sitzt, jeder Griff zum Anzugknopf, leichte Drehung rechts, Stimme anheben, leichte Drehung links, kein Ääh, kein Ööh, wie ein durchchoreografiertes Schauspiel, einfach perfekt!

Jede Geste, jeder Ton stimmt, wie viele Stunden Unterricht hat er wohl genommen? Was er sagt, hat mit dem, was die Menschen auf dem Taksim erlebt haben, nichts zu tun. Was er dort alles vorträgt, ist so weit weg vom Geschehenen, sodass man das Gefühl bekommt, da ist einer vom anderen Sternensystem gelandet.

Rücktrittsforderung

Er fordert, dass der Oppositionsführer zurücktritt, schließlich handele es sich bei den Protestierern um Menschen, die sich von der kemalistischen Partei CHP haben bezahlen lassen. Später nennt er die Protestierer Terroristen, die aus ethnischen Gründen den Staat zersetzen wollen. Dann wieder handele es sich bei den Demonstranten um solche, die sich von einer "Zinslobby" instrumentalisieren lassen.

Er erzählt, was für eine Türkei er übernahm, nämlich eine, in der Menschen ihre Arbeit verloren, weil ihre Ehefrauen Kopftücher trugen. Er beklagt sich darüber, dass man ihm vorwerfe, er sei nicht kultiviert: "Sie sagen, wie verstünden nichts von Kunst, wir verstünden nichts von Kultur. Sie glauben, wir sind Schwarze!"

Wieder ist da dieser Gegensatz zu den zuvor gesehenen Bildern und diesen. Dort Randale, Angriffe, Konfrontation und hier Beschwichtigung, Relativierung, Ordnung. Der ruhige Vater, der alles in der Hand hat und sein braves Volk lobt. Sogar von Küssen auf die Augen ist die Rede, aber auch davon, dass die Geduld ans Ende gelangen werde. Und wieder ist man irritiert, weil doch der Geduldsfaden mit der Aktion am frühen Dienstagmorgen und der Räumung des Platzes mithilfe von Gummigeschossen, Gas und Wasserwerfern bereits gerissen zu sein schien.