DatenschutzWir lassen uns nicht verschlüsseln

Weitermailen! Weitertwittern! Weitermachen! Der Rückzug aus dem digitalen Raum ist keine Antwort auf Prism und Tempora. Eine Replik auf Ludwig Greven. von 

Ja, der Wald. Er muss wohl sein, wenn es um die Einsamkeit geht und das Leben, das sich den neugierigen Blicken entzieht. Im Gefolge der Prism genannten, skandalösen Überwachungsaktion des US-amerikanischen Geheimdienstes bietet er wieder Zuflucht, als Verschlag gegen die Zumutungen, die das digitale Leben so mit sich bringt.         

In seinem Text Wer nicht belauscht werden will, sollte nicht überall reden schlägt der Kollege Ludwig Greven auf ZEIT ONLINE vor, den größten weltweiten Leseangriff in der Geschichte des Internets unter anderem mit dem Waldgang zu beantworten. Wie damals in der DDR, als die Stasi mithörte, als die Wände Ohren hatten und die Türen Augen, so sei es auch jetzt: "Big Brother wacht überall, der Staat liest und hört im Zweifel immer mit." Der Ratschlag des Artikels ist einfach: "Wer private Dinge privat halten will, sollte sie daher nur selten oder gar nicht preisgeben und gegebenenfalls auf Internet oder Telefon verzichten." 

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Eine befremdliche Ohnmacht seufzt durch so einen Satz. Eine Passivität, die sich als letzter Gestus des mündigen Menschen tarnt: "Datensparsamkeit" sei die einzige Möglichkeit, sich vor dem unrechtmäßigen Zugriff auf seine digitale Existenz zu schützen. Dem zugrunde liegt allerdings eine Verwechslung. Schließlich geht es bei Prism nicht um die Freizügigkeit einer 16-Jährigen, die auf Facebook zu einer Party einlädt und sich wundert, wer plötzlich alles vor dem Haus steht. Es geht nicht um die Gedankenlosigkeit, mit der wir im Netz Kreditkartennummern hinterlassen oder Fotos hochladen oder Befindlichkeiten hinausblasen, weil wir Privates und Öffentliches nicht mehr recht auseinander halten können.  

"Fußschweiß des Fortschritts"

Prism ist eine staatlich betriebene Überwachung, die nicht von der Nachlässigkeit unseres privaten Datenschutzes gefüttert wird, sondern von der Neugier einer Behörde. Jeder Hinweis auf eigenverantwortliches Handeln verschiebt hier den Fokus ein Stück weg vom staatlichen Vergehen hin zum Individuum. Und somit verlagert sich auch die Zuständigkeit. Ein Trick, der in westlichen Gesellschaften schwer in Mode ist: Für ein systemisches Problem wird eine individuelle Lösung gesucht. Bei Lichte besehen könnte damit nur der vollständige Rückzug aus dem digitalen Raum gemeint sein – zumindest solange es Regierungen gibt, die alles kontrollieren, weil es technisch möglich ist.      

David Hugendick
David Hugendick

David Hugendick ist Redakteur im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das bedeutet die vollständige Resignation sowohl vor dem Staat als auch vor einem technologischen Dilemma, das so alt ist wie die Technik selbst. Ja, es stimmt, dass jede Erfindung gleichsam die Möglichkeit ihres Missbrauchs enthält. Das ist eine der großen Aporien jeder technologischen Entwicklung, sozusagen der "Fußschweiß des Fortschritts" (Karl Kraus): Der Erfindung des Hauses folgte die Erfindung des Einbruchs, nach der Erfindung des Türschlosses kam die des Dietrichs, das Auto brachte die Raserei hervor, an deren Ende der Unfall steht; mit dem Telefon begann nicht nur das Zeitalter beschleunigter Kommunikation. Es begann auch die Ära des großangelegten Angriffs auf das Private, welcher jetzt, Jahrzehnte später im Internet zu einem neuen Kristallisationspunkt gelangt ist.   

Alles, was wir über Prism bisher wissen, verdanken wir Edward Snowdens Akt des zivilen Ungehorsams. Allein deshalb sollte uns nun dazu ein bisschen mehr einfallen, als nur der Rückzug in den Wald, wie Thoreau es einst tat. Natürlich: Wir könnten unsererseits aufrüsten, verschlüsseln, die Möglichkeiten wären da. Doch wohin führte uns diese Logik? Sollen wir uns damit abfinden, dass wir überwacht werden, weil wir ja kryptografisch aufgemöbelte Mails schicken können? Sollen wir fürderhin wieder so reden und schreiben, wie es Schriftsteller zu Sowjetzeiten tun mussten, in Codes und Uneigentlichkeiten, hier und da mal ein subtiler Gruß an den Geheimdienst? Sollen wir ernsthaft so tun, als lebten wir plötzlich in einer Diktatur und nicht in einer Demokratie, in der wir nichts sagen können oder ändern, weil es eh sinnlos und "weltfremd" ist, wie Ludwig Greven schreibt? Oder löst man es einfach damit, dass wir alle seufzend das Feld räumen, die Tür zur weltweit vernetzten Zivilisation abschließen und den Schlüssel wegwerfen?     

Mit einem leicht zu decodierenden Satz: Nö.

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Leserkommentare
    • TAR86
    • 24. Juni 2013 20:59 Uhr

    Nichts schließt sich aus:

    - Private Kommunikation privat
    - Elektronische Kommunikation verschlüsselt
    - Und PRISM/TEMPORA den Kanal voll machen

    8 Leserempfehlungen
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    Die Lösung ist ganz einfach: Nicht von unten sich verstecken, oder verschlüssel, von oben aktiv werden. Die Regierungen müssen die Botschafter der ausspähenden Staaten einbestellen, mit dem Abbruch der Beziehungen drohen, wenn die Überwachung nicht gestoppt wird. Wozu haben wir überhaupt eine Regierung, wenn sie nicht in der Lage ist, die Freiheitsrechte ihrer Bürger zu schützen.

    • TAR86
    • 24. Juni 2013 21:03 Uhr

    ZO könnte auch ein Zeichen setzen und auf https:// wechseln. Geht das irgendwen außer die Redaktion an, wer hier was schreibt?

    17 Leserempfehlungen
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    • Acamat
    • 24. Juni 2013 21:34 Uhr

    das wünsche ich mit auch. Https und eine Korrekturfunktion.

    Falls sie sich https wegen der Überwachung wünschen, leider umsonst.

    Bei dem Aufbau des https-Systems und der Vertrauenseinstellungen der meisten Browser gegenüber den "wildesten" Zertifikat Autoritäten vertraut ihr Browser der NSA und GCHQ blind. Die spielen Man-in-the-Middle und weder Sie noch der Zeit-Online Server kriegen das mit.

    Aber immerhin zählt der Gedanke... ;-)

  1. 4. Dito!

    Nein. Non. Njet (Moin Five Eyes!). Und last but not least: No! Das wäre doch auch eine schöne Entgegnung unserer Regierung ...

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    Was Herr Greven in dem anderen Artikel gefordert bzw. empfohlen hat ist nichts anderes als die bedingungslose Kapitulationserklärung der freiheitlichen Demokratie und ihrer über Jahrhunderte hinweg blutig erkämpften Grundwerte.

    Mit einer totalen Rundum-Überwachung gilt nicht mehr die Meinungsfreiheit, sondern es regiert die Schere im Kopf. Dies ist subtiler als die Meinungskontrolle durch die Chinesen, aber nicht minder effektiv. Es kann kein öffentlicher und freier Diskurs entstehen, wenn sich jeder zweimal überlegen muss, ob er es sich überhaupt leisten kann, seine Meinung zu sagen. Ohne einen solchen freien Diskurs kann aber eine Demokratie schlicht nicht funktionieren.

    Es spielt auch keine Rolle, ob man meint, man habe ja nichts zu verbergen. Erstens entscheiden die Überwacher, welches Verhalten ihnen nicht gefällt und daher verfolgungswürdig ist, zweitens können sich diese Kriterien jederzeit ändern, sodass Dinge, die heute noch harmlos erscheinen, morgen schon ein Problem sein können.

    Die Lösung kann nicht sein, sich im Wald zu verstecken und ansonsten immer brav die Klappe zu halten. Die Lösung muss sein, dass die USA und GB ihre Überwachung schnellstens zumindest auf ein vertretbares und grundrechtekompatibles Niveau zurückfahren. Darauf müsste unsere Regierung, im Verbund mit anderen betroffenen Staaten, nun mit Entschlossenheit drängen - nur das ist von dieser Regierung kaum zu erwarten. Ich jedenfalls wäre sehr überrascht.

  2. Danke! Dieser Beitrag trifft es wesentlich besser.

    Es gibt nicht DIE eine Lösung.

    Leidenschaftlich Demokrat sein, eine Meinung haben, Fehlentwicklungen benennen auch demonstrieren, Zivilcorage zeigen.

    Wie "Die Ärzte" singen: "Nur weil die Angst regiert, heißt das nicht, daß Du auch welche hast".

    Und die Schlapphüte mit Zeug vollmüllen, sie mit Ihrer eigenen Gier mästen. Dazu finden sich in meinen Mailsignatur die üblichen Schlüsselwörter.
    Um die 50 Stück, in Schriftgröße ein Punkt, Schriftfarbe weiß (so irritiert es nicht den Empfänger).

    - Auf daß Ihre Stasi-Rechner bei jeder Belanglosigkeit gleich mitschneiden.

    Und ich hebe mein Geld ab und zahle bar. Jeder kann sich was einfallen lassen. Mir wird es langsam ein Sport.

    9 Leserempfehlungen
  3. Alles wird abgehört - so what? Hat irgendeiner angenommen, dem sei nicht so? Und hat das irgendeinen gekümmert? Genau! Niemand hat bis dato irgendeinen Problem damit gehabt, also warum sollte sich daran irgendetwas ändern?

    In einer Woche ist das eh schon wieder vergessen und die nächste Sau wird durch das digitale Dorf gejagt ...

    2 Leserempfehlungen
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    Datensicherheit und Datenschutz ist schon lange ein Thema und wird z.B. sehr massiv vom CCC angesprochen.

    Wenn Sie damit leben können, vom Anbeginn ihres Lebens bis zum letzten Atemzug von den Regierungen als permanenten Deliquenten angesehen zu werden, ok, das ist dann Ihre Einstellung, ABER meine, und die vieler Anderer, ist das nicht.

    Der Esel ist noch lange nicht vom Eis ;-)

    sehe ich es auch. Wir wurden doch auch vor Herrn Snowdon schon abgehört von den Geheimdiensten. Und das deren Sammelwut grenzenlos und deren Kontrolle chancenlos ist, weiß eigentlich auch jeder denkende Mitbürger.
    Und es war bis letzte Woch auch allen egal. Warum darf es uns nicht weiter egal sein?

  4. Die Antwort auf die illegalen Abhöraktionen ist ganz einfach:

    Wehrt Euch!

    Lasst euch nicht hinters Licht und auch nicht vorführen. Schaltet Euer Hirn ein!

    Die NSA spioniert also wegen Terrorgefahr? Na klar, deshalb zapfen sie auch die chinesischen Datenleitungen an, wegen der vielen chinesischen Taliban!

    Diskutiert die Dinge, die ans Tageslicht gefördert wurden mit Euren Kndern, Freunden und Kollegen. Am Stammtisch und in der Partei.

    Die Technik ist nicht inbesiegbar, sie ist nir Mittel zum Zweck. Die Haltung dazu ist entscheidend. Und wenn Regierungen es nicht schaffen, Haltung und Werte zu bewahren, dann sorgen wir dafür, dass die Dinge wieder zurecht gerückt werden. Gewaltfrei,vaber hartnäckig!

    Empört euch!

    Steht ein für das was uns zusteht, für unsere Rechte, für rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien.

    Lasst nicht locker und bringt die Dinge zur Sprache, auf den Tisch und wieder in Ordnung.

    Wenn wir das nicht tun, wird es auch sonst niemand tun. Es ist unser Job, unsere Pflicht und es wird nicht unser Schaden sein. Egal wo und egal wie, hauptsache wir lassen uns das nicht gefallen.
    Legt los. Jetzt!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Prism | Datenschutz | Facebook | Geheimdienst | Internet | Missbrauch
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