Ja, der Wald. Er muss wohl sein, wenn es um die Einsamkeit geht und das Leben, das sich den neugierigen Blicken entzieht. Im Gefolge der Prism genannten, skandalösen Überwachungsaktion des US-amerikanischen Geheimdienstes bietet er wieder Zuflucht, als Verschlag gegen die Zumutungen, die das digitale Leben so mit sich bringt.         

In seinem Text Wer nicht belauscht werden will, sollte nicht überall reden schlägt der Kollege Ludwig Greven auf ZEIT ONLINE vor, den größten weltweiten Leseangriff in der Geschichte des Internets unter anderem mit dem Waldgang zu beantworten. Wie damals in der DDR, als die Stasi mithörte, als die Wände Ohren hatten und die Türen Augen, so sei es auch jetzt: "Big Brother wacht überall, der Staat liest und hört im Zweifel immer mit." Der Ratschlag des Artikels ist einfach: "Wer private Dinge privat halten will, sollte sie daher nur selten oder gar nicht preisgeben und gegebenenfalls auf Internet oder Telefon verzichten." 

Eine befremdliche Ohnmacht seufzt durch so einen Satz. Eine Passivität, die sich als letzter Gestus des mündigen Menschen tarnt: "Datensparsamkeit" sei die einzige Möglichkeit, sich vor dem unrechtmäßigen Zugriff auf seine digitale Existenz zu schützen. Dem zugrunde liegt allerdings eine Verwechslung. Schließlich geht es bei Prism nicht um die Freizügigkeit einer 16-Jährigen, die auf Facebook zu einer Party einlädt und sich wundert, wer plötzlich alles vor dem Haus steht. Es geht nicht um die Gedankenlosigkeit, mit der wir im Netz Kreditkartennummern hinterlassen oder Fotos hochladen oder Befindlichkeiten hinausblasen, weil wir Privates und Öffentliches nicht mehr recht auseinander halten können.  

"Fußschweiß des Fortschritts"

Prism ist eine staatlich betriebene Überwachung, die nicht von der Nachlässigkeit unseres privaten Datenschutzes gefüttert wird, sondern von der Neugier einer Behörde. Jeder Hinweis auf eigenverantwortliches Handeln verschiebt hier den Fokus ein Stück weg vom staatlichen Vergehen hin zum Individuum. Und somit verlagert sich auch die Zuständigkeit. Ein Trick, der in westlichen Gesellschaften schwer in Mode ist: Für ein systemisches Problem wird eine individuelle Lösung gesucht. Bei Lichte besehen könnte damit nur der vollständige Rückzug aus dem digitalen Raum gemeint sein – zumindest solange es Regierungen gibt, die alles kontrollieren, weil es technisch möglich ist.      

Das bedeutet die vollständige Resignation sowohl vor dem Staat als auch vor einem technologischen Dilemma, das so alt ist wie die Technik selbst. Ja, es stimmt, dass jede Erfindung gleichsam die Möglichkeit ihres Missbrauchs enthält. Das ist eine der großen Aporien jeder technologischen Entwicklung, sozusagen der "Fußschweiß des Fortschritts" (Karl Kraus): Der Erfindung des Hauses folgte die Erfindung des Einbruchs, nach der Erfindung des Türschlosses kam die des Dietrichs, das Auto brachte die Raserei hervor, an deren Ende der Unfall steht; mit dem Telefon begann nicht nur das Zeitalter beschleunigter Kommunikation. Es begann auch die Ära des großangelegten Angriffs auf das Private, welcher jetzt, Jahrzehnte später im Internet zu einem neuen Kristallisationspunkt gelangt ist.   

Alles, was wir über Prism bisher wissen, verdanken wir Edward Snowdens Akt des zivilen Ungehorsams. Allein deshalb sollte uns nun dazu ein bisschen mehr einfallen, als nur der Rückzug in den Wald, wie Thoreau es einst tat. Natürlich: Wir könnten unsererseits aufrüsten, verschlüsseln, die Möglichkeiten wären da. Doch wohin führte uns diese Logik? Sollen wir uns damit abfinden, dass wir überwacht werden, weil wir ja kryptografisch aufgemöbelte Mails schicken können? Sollen wir fürderhin wieder so reden und schreiben, wie es Schriftsteller zu Sowjetzeiten tun mussten, in Codes und Uneigentlichkeiten, hier und da mal ein subtiler Gruß an den Geheimdienst? Sollen wir ernsthaft so tun, als lebten wir plötzlich in einer Diktatur und nicht in einer Demokratie, in der wir nichts sagen können oder ändern, weil es eh sinnlos und "weltfremd" ist, wie Ludwig Greven schreibt? Oder löst man es einfach damit, dass wir alle seufzend das Feld räumen, die Tür zur weltweit vernetzten Zivilisation abschließen und den Schlüssel wegwerfen?     

Mit einem leicht zu decodierenden Satz: Nö.