Am Montag stellte Apple das neue iOS7 in San Francisco vor. © Kim White/Getty Images

Die Welt soll wieder flacher werden. Nicht nur entnervte Almwirte, auch die Designer von Windows-Betriebssystemen fordern das seit Jahren. Jetzt sieht es offenbar sogar der Erzfeind Apple ein und wagt es, seinen virtuell-dreidimensionalen Schaltflächen die Tiefe zu nehmen: Das neue iOS 7 fürs iPhone, das im Herbst auf den Markt kommen soll, befreit sich von optischer Opulenz und analogimitativen Icons. Die Entwicklerbranche pflichtet bei: Skeuomorphismus ist out.

Dieses Wortungetüm hat es tatsächlich schon 1890 ins englische Lexikon geschafft. Auf Deutsch könnte man "Werkzeuggestalt" sagen. Es bezeichnet ein Alltagsdesign, das sich an historischen Gegenständen orientiert, deren Funktionalität allerdings nichts mit dem Designobjekt zu tun hat. Das unvergessliche Beispiel: Warum wird uns die Speicherfunktion eines zeitgenössischen Computers durch das Bild einer Diskette vermittelt?

Skeuomorphem Software-Design kam während der vergangenen 25 Jahren die Aufgabe zu, den Menschen die Angst vor der Maschine zu nehmen: Auch wenn sie technischer wird – die alte Welt geht nicht unter. Weiße Zellulose symbolisiert ein neues Textdokument. Das Röhrenmikrofon aus Pixeln nimmt unsere Tonaufnahmen entgegen. Und wenn wir heute eine E-Mail verschicken, klingt es, als rausche uns ein Papierflieger um die Ohren.

Eben durch diese Humanisierung der Technik zog Apple seine Kunden an. iBook, iPod, MacBook, iPhone, sie sahen immer gut aus, waren zuverlässig und intuitiv bedienbar. Nicht der Mensch musste sich an die Sprache des Neulings anpassen, sondern der Computer integrierte sich in die Gesellschaft. Obwohl Windows immer noch das weltweit meistgenutzte Betriebssystem ist, hat Apple das digitale Erleben in den Industrieländern wie kein anderes Unternehmen verändert. Spätestens seit der Einführung des iPhones im Jahr 2007: Das Wischen auf dem Touchscreen wurde zur universellen Geste.

Apples glatte, glänzende, gründlich in die dritte Dimension hinabschattierte, hyperrealistische Bedienoberflächen, die virtuellen Spiralblöcke, ledergebundenen Kalenderansichten, holzfurnierten Bücherwände, das grüngefilzte Spielkasino, sie erwärmten den Mikroprozessor und gaben dem Nutzer ein heimeliges Gefühl. Das Spiegelbild analoger Bürgerlichkeit legte sich wie ein wohliger Umschlag auf sein kulturelles Gedächtnis. Die Gegenwart mit der Vergangenheit zu füllen war zeitgleich zur Alltagsmode geworden. Ende der nuller Jahre schlug sich die Retromanie in Popmusik, Kleidung, Design, persönlichem Habitus und Werteempfinden nieder. Apples Skeuomorphismus, den Steve Jobs bis zu seinem Tod gegen alle Widerstände im eigenen Haus vorantrieb, passte perfekt in diese Ära.