BaumärkteDeutschland im Lot

Wenn die Welt schon nicht zu ändern ist, reparieren wir eben unser Haus. In den Baumärkten kommt die Republik ganz zu sich. von 

Das Gedankengebäude der Deutschen ist das Einfamilienhaus, sein Bewohner ist der Heimwerker. Allein die Ambivalenz dieses Typs! Einerseits die Arbeit im Zuhause, andererseits am Zuhause. Man sagt "Heimwerker", und ein ganzer Motivkreis öffnet sich von selbst. Von Eigenheimzulage, Sparvertrag und Zinssatz bis zum Moment, da endlich die folgenschweren Worte fallen: "Wir bauen!"

Und kurz darauf steht man schon in einem Bankfoyer mit Zimmerspringbrunnen und überlegt, was der wohl kosten würde. Ein Sachbearbeiter reicht Kaffee und man blättert gemeinsam durch die Misere der heutigen Architektur. Man lässt sich inspirieren: Musterfamilien vor Musterhäusern, Landhauslook, Toskanastil, Townhouse oder Jodlerhütte, natürlich später alles individuell gestaltbar.

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Dann geht es in den Baumarkt. Wohin sonst, zumal in Deutschland.

Fast nirgends in Europa ist die Baumarktdichte höher als hier, fast nirgends ist ein Land so sehr bei sich. Ohne Zahlen ist der Heimwerker verloren, deshalb: 2.381 Märkte, 13 Millionen Quadratmeter, Branchenumsatz 18,6 Milliarden Euro, etwa 224 Euro von jedem Deutschen. Der Schlachtruf lautet: "Mach es zu Deinem Projekt!" 

So hieß der cleverste Werbespruch, der der Heimwerkerbranche je passieren konnte. Mit einem Satz war das Heimwerken in der Sprache des urbanen Spätkapitalismus angekommen, im Jargon von Agenturen und Medienbüros, in denen nichts mehr Arbeit heißt, sondern man ständig an Projekten rumsitzt und seinen milchschaumgeborenen Ideen nachjagt. Es gibt ja immer was zu tun.

Ein nächster Markt rief sogleich "Hier hilft man sich" und beschwor damit das Dilemma von kollektiver Fürsorge und existenzieller Verinselung. Ein anderer Mitbewerber konnte der Post- und Kompostmoderne nicht viel abgewinnen und konzentrierte sich weiterhin auf niedere Instinkte: zwanzig Prozent auf alles, außer Tiernahrung.

Und jener Markt, so heißt es jetzt, ist pleite. Im Internet verbreitet sich seither der Witz, der Theoretiker habe endlich den Praktiker besiegt, und das sei doch etwas zum Feiern. Aber was macht der klügste Theoretiker, wenn im Turm die Spüle tropft? Da muss selbst der Radikalkonstruktivist was tun. Rausgehen zum Beispiel. Dorthin, wo die Radikalkonstrukteure sind, raus ins Industriegebiet, wo man mit Anhängern vorfährt, mit Miettransportern und Kleinlastern.

Hier tendiert die Endlichkeit des Stoffes gegen Null

Nun ist es ja nicht so, dass sich Theorie und Praxis, Philosophie und Baumarkt kategorisch ausschließen. Wenn laut Leibniz das größte metaphysische Übel die Endlichkeit des Stoffes ist, des Materials, wie man so sagt, dann gibt's im Baumarkt immer Nachschub. Nur am Wochenende wird es manchmal knapp.

Wer einen Baumarkt betritt, bemerkt schnell: Gäbe es ein Parfum für Deutschland, und röche das nicht nach Mittelklasseneuwagen oder nach Hartmut Mehdorn, dann kitzelte uns der Duft von Kieferlatten, dort drüben gerade frisch gesägt. Aber spricht die Säge, ach, so spricht sie schon nicht mehr. Überhaupt: lieber sägerau oder gehobelt? Das sind so Fragen.

Die Antwort braucht keine Metaphysik, sondern den Mitarbeiter beim Kantholz (Folgen Sie den Infopfeilen). Selten wird der Mythos des Fachmanns so gepflegt wie auf diesen Tausenden Quadratmetern. Erkennbar am Blaumann, der auch so heißt, wenn er rot oder orange ist. Das ist aber die einzige Verwirrung, die man sich hier leistet.

David Hugendick
David Hugendick

David Hugendick ist Redakteur im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Dem Fachmann nähert man sich am besten im Zustand demütiger Inkompetenz, weil die Welt nicht nur in Gut und Böse sich trennt, sie kennt auch linke und rechte Hände. Die mit den zwei rechten Händen, die Profikunden, haben meistens auch Blaumänner an oder Farbkleckse auf dem T-Shirt oder Sicherheitsschuhe und beraten zuweilen mit, wenn die Service-Schalter gerade unbesetzt sind. Zu den anderen gehört man meistens selbst.

Sehen Sie, sagen sie, so eine Oberfräse wirkt Wunder. Und versuchen Sie mal Ytong. Und schon von der neuen 18-Volt-Serie gehört?

Manchmal prüfen sie gedankenverloren einen Sack Universalmörtel,  der das meiste gebrechlich Ding im Innersten zusammenhält. Ohne den Fachmann oder den Profi findet man sich weder im geheimnisvollen Reich des Sanitärbedarfs noch bei den Bodenbelägen zurecht. Wie leicht kann man verloren gehen zwischen Kork oder Parkett, Hauptsache trittschallgedämmt, die Kinder!, die Nachbarn!

Leserkommentare
  1. super Artikel, Hr. Hugendick.

    Haben Sie schon mal im Baumarkt zu erkennen gegeben, dass Sie Abitur haben? - Probieren Sie es aus ......super Sozialstudie...

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    Freier Autor

    ... immer vorausgesetzt, Herr Hugendick hat Abitur - immer diese Vorurteile Journalisten gegenüber!

    Dass Baumärkte und Kultur wunderbare Symbiosen eingehen können, hat kein geirngerer als Blixa Bargeld bewiesen: http://www.youtube.com/wa...

  2. Sinn und Zweck dieses Textes erschließen sich mir leider nicht im Geringsten. Soll das ein Seelenportrait der Deutschen sein? Oder einfach nur ein ablästern über Heimwerker? Eine Kritik am Marketing von Baumärkten? Oder geht es lediglich darum, dass ein Autor ein paar sinnfreie Zeilen abliefern musste, um seine Miete zu bezahlen? Sorry, dieses Agglomerat an Klischees, möchtegern lustigen Beobachtungen und pseudointelligenter Wortklauberei ist kein Journalismus, kein Essay sondern schlicht gequirlte Kacke. Und auch wenn Sie diesen Kommentar nicht veröffentlichen, können Sie ihn gerne an den Autoren weiterleten.

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    "Sinn und Zweck dieses Textes erschließen sich mir leider nicht im Geringsten"- na ja, es kommt eben auf die Prioritäten an, die man sich im Leben setzt, oder die man gesetzt bekommt rein genetisch bedingt...

  3. Freier Autor

    ... immer vorausgesetzt, Herr Hugendick hat Abitur - immer diese Vorurteile Journalisten gegenüber!

    Dass Baumärkte und Kultur wunderbare Symbiosen eingehen können, hat kein geirngerer als Blixa Bargeld bewiesen: http://www.youtube.com/wa...

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    Antwort auf "Danke...."
  4. "Sinn und Zweck dieses Textes erschließen sich mir leider nicht im Geringsten"- na ja, es kommt eben auf die Prioritäten an, die man sich im Leben setzt, oder die man gesetzt bekommt rein genetisch bedingt...

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    • Gardio
    • 12. Juli 2013 12:47 Uhr

    aber bekanntermaßen ist die Eigenheimquote in Deutschland relativ niedrig,
    Wir können also kaum das Volk der Carport-Bauer sein. Und auch sonst: Leute, die in einer Mietwohnung ein Edel-Bad einbauen, dürften wohl eine kleine Minderheit sein. Die meisten halten sich an Tapeten, Farben und Bodenbelägen - da kann man natürlich keinen so schönen Text drüber schreiben

  5. Nirgendwo sonst finde ich so wunderbare, unbekannte Dinge! Im Baumarkt guck ich nie auf die Uhr - es gibt so vieles zu entdecken, so vieles zu lesen und zu beobachten.
    Gäbe es Bänke an den belebtestens Regalen - ich säße dort in den freien Stunden und guckte voller Wonne auf die Bastler und Heimwerkerinnen.

    Neben all den praktischen Tipps, Tricks und Kaufmöglichkeiten, neben den vielen zielstrebigen Suchenden, den stolzen VerkäuferInnen und nistenden Vögeln locken auch Kaffee, grandiose Heimwerkerfilme und so viele schöne, absurde Ideen!

    Im Baumarkt kann ich alles anfassen - egal, wie alt ich bin.

    Im Baumarkt habe ich das Gefühl, ich kann alles, ein ganzes Haus bauen sogar mit Keller und fließendem Wasser!

    Ich wäre sogar bereit, Eintritt zu zahlen.

    4 Leserempfehlungen
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    • bayert
    • 12. Juli 2013 13:27 Uhr

    gerade Jörg Maurer "Unterholz" gelesen. Da sieht man die Werkzeuge (insbesondere die Gartenabteilung) mit anderen Augen.

  6. und Projektophilie habe ich herzlich lachen müssen. Wer sich da als Mann nicht wenigstens punktuell wiedererkennt, dem ist nicht mehr zu helfen...
    ;-)
    Man kann in Baumärkten, so man ein Handwerk erlernt und etwas Menschenkenntnis mitbringt, Charakterstudien machen – angefangen bei der pseudo-elitären Schöner-Wohnen-Fraktion über den ambitionierten Laubenpieper, bis hin zu den Alleskönnern – und Wissern, die alle anderen nicht beachten, oder aufdringlich-abschätzend „beraten“ u.a.m.

    Herrlich auch das Treiben auf den Parkplätzen und an den Imbissbuden, man merkt am „Mahlzeit“-Gruß und Duzen sofort, wer hier Stammgastprivilegien und Profiallüren, inkl. Goldcard, zu pflegen hat.

    Es gibt immer was zu tun? Jippijajajippijippijey, sag ich nur...

    Heimwerken hat, so will es das Marketing, etwas Heldisches und auf den Fluren oft auch etwas Ritterliches, hier darf ein kräftiger Blaumann oder Allrounder ggü der weibl. Welt noch zuvorkommend und ggf. bei schwerem Material/Gerät auch zupackend sein, ohne eine Abstrafung befürchten zu müssen – es ist ja sein Revier, klar.
    Ja, hier feiert die körperliche Arbeit, handwerkliche Fachsimpelei und das „geht-nicht-gibt´s-nicht“ noch Triumphe, ein Refugium für deutsche Wertarbeit und männliche Selbstverwirklichung in privater Mission.

    So bleibt die unwirtlichere Welt außen vor, wenn man nicht gerade zu nah am Deich gebaut hat und die nächste Jahrhundertflut für die private Pleite oder dafür
    daß es immer was zu tun gibt
    sorgt.
    ;)

    2 Leserempfehlungen
    • kaila
    • 12. Juli 2013 13:13 Uhr

    War ich doch letztens im Baumarkt und es waren keine Farbrollen mehr da. Sagte der Verkäufer nur "Renovieren gerade alle". Bekomme ich bei Bekannten mit wie sie vor dem Umzug in die Neue Wohnung mit Liebe jedem Raum (Nach "zuHause im Glück" Manie mit Mustertapete und Farbe individuell gestalten. Alle im Bekanntenkreis suchen Immobilien, Bauen selbst etc. also anscheinend muss man sich selbst verwirklichen, dann hat man auch was zum zeigen und erzählen. Schöner Artikel und trifft den Kern. Irgendwie schaffen es gewisse Werbungen/ Märkte tatsächlich die Gesellschaft zu verändern. Kann aber auch andere Gründe haben :)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hobby | Handwerk | Baustoff | Gartenbau | Wohnungsbau
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