Tiefe Dunkelheit hüllt die Zuschauer ein. Noch sind vereinzelt Gespräche zu hören, Getuschel, ein letztes Handy protestiert gegen die Stille, die sich ausbreitet wie eine am Horizont versinkende Abendsonne. Im großen Saal der Berliner Festspiele sitzen tausend Menschen in zauberischer Finsternis, jetzt ist nur noch Violinenspiel zu hören. Das geht so vielleicht zwanzig Minuten. Man konzentriert sich, fühlt sich frei. Die Geigerin Amandine Beyer scheint mit Johann Sebastian Bachs Partita durch den Raum zu schweben, sie ist allein auf der Bühne, wirklich solo. Die melodischen Linien dehnen sich und ziehen sich zusammen wie ein lebendiger Organismus, die Zeit des vorangegangenen, eben erst überstandenen Tages hat sich aufgelöst. Das fühlt sich gut an, das möchte ewig weitergehen ...

Bald darauf wird das Licht eingeschaltet. Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz betreten die Bühne. Sie sind die Choreografen und die Tänzer von Partita 2, des Stücks, dessen tänzerischer Teil erst jetzt beginnt. Das Duett ist von Klarheit und Strenge geprägt, doch es bleibt am Boden, verliert sich auf der Riesenbühne, eher eine Studioarbeit, aber darum geht es nicht. Denn der Beginn war so zart, so mächtig, ein grandioses Versprechen.

Partita 2 wurde im Mai in Brüssel uraufgeführt, eröffnete Ende Juni die "Foreign Affairs" in Berlin, ist jetzt im Juli in Avignon zu sehen, im September bei der Ruhr-Triennale und später in Paris beim Festival d’Automne. Partita 2 ist ein typisches Produkt der Festivalwelt Europas, eine Multi-Koproduktion, künstlerisch eher auf der glücklichen Seite.

Viele Stücke und Performances präsentieren sich mit dieser scheinbar offenen Gestik, die sagen will: Kommt rein, macht es euch bequem. Lasst euch ein bisschen quälen, wie auch immer. Ebenso gibt es den Drang der Zuschauer, in die Stücke einzutreten, sie ein oder zwei Stunden lang zu bewohnen, im Theater einzuchecken, als wär’s ein Hostel. Die mit Johann Sebastian Bach umspielte Dunkelheit war ein solches Gehäuse, ein Aufenthaltsraum. Viele Besucher haben ihn als angenehm, ja erhebend empfunden.

Spielen Sie mit!

Matthias Lilienthal, der langjährige Leiter des Hebbel am Ufer, hat jene Reihe entwickelt, die das Hotel-Theater schon im Titel trägt: X Wohnungen. Künstler nisten sich zu Hause bei Privatleuten ein, denken sich eine kleine Show aus, und die Zuschauer gehen wie bei der Schnitzeljagd von einer Adresse zur nächsten. Zuletzt hat Lilienthal damit Beirut bespielt, bespaßt, erkundet. Das Nature Theater of Oklahoma – Berlin ist voll mit seinen Plakaten – lud in den vergangenen Wochen die Hauptstadtbewohner ein, Teil eines Festivalprojekts zu werden, mitzuspielen. Auch der 13-Stunden-Marathon der New Yorker geht in diese Richtung: Man nistete sich geraume Zeit im Leben eines amerikanischen Vorstadtmädchens ein.

Immer mehr hat sich das Theater der Bildenden Kunst angenähert – die ihrerseits zum Performativen drängt. Die Schnittstelle ist das Video und die Installation. Bei den "Foreign Affairs", die am Sonntag zu Ende gingen, wäre da vor allem der Franzose Philippe Quesne zu nennen mit seinem Swamp Club. Seine Akteure vegetieren in einem Kunstgarten vor sich hin, in einem Glaspavillon spielt ein Streichquartett Schubert. Das sieht interessant aus, man schaut und hört es sich eine Weile an, dann könnte man aufstehen und gehen. Denn es geschieht nichts weiter. Nur dass die Vorstellung noch ein oder zwei Stunden weiterläuft, ohne nennenswerte Veränderung im Tempo, in der Tonlage. Die Vorstellung existiert, sie entfaltet sich nicht. Nicht wenig zeitgenössisches Performance-Theater hat diesen pflanzlichen Charakter.

Auf der Documenta in Kassel, der Biennale in Venedig oder Berlin zieht man dann weiter, zur nächsten Installation, zum nächsten Video. Im Installationstheater aber sitzt der Zuschauer fest wie eh und je, selbst wenn von den Theaterleuten gelegentlich angeboten wird, dass ein Kommen und Gehen nicht nur möglich ist, sondern erwünscht.

Ein nicht zu lösender Widerspruch: Ich soll mich im Theater häuslich einrichten, fühle mich aber schnell erschöpft und gelangweilt und kann nicht wirklich ein Sandwich auspacken, eine Flasche Bier köpfen, schnell mal telefonieren oder meine Nachbarin umarmen. So weit geht die Lebenssimulation in der Regel nicht, es bleibt der Kunstvorbehalt. Wer es härter will, wird beim Performancekollektiv Signa individuell bedient. Die One-to-One-Show Club Inferno, kürzlich von der Volksbühne organisiert, ist der vorerst letzte Entwicklungsgrad oder die jüngste Schwundstufe dessen, was einmal Theater war und Interaktion.