Serie Türkische Tage : Auf einmal sind sie alle Kurden

Der kurdische Künstler Şener Özmen ist oft diskriminiert worden. Dem neuen "Wir sind alle eins"-Motto der Gezi-Park-Bewegung traut er nicht.
Der Künstler Şener Özmen © Mely Kiyak

Zwei Herren im Anzug reiten auf Pferd und Esel durch die südostanatolische Steppe. Auf ihrer beschwerlichen Reise irgendwo im Hinterland von Diyarbakir treffen sie einen Bauern und fragen ihn nach dem Weg zur Tate Modern. Der Bauer antwortet: "Bis vor zum Berg und dann links!"

Die Videoinstallation The Road to Tate Modern von Şener Özmen und Cengiz Tekin sah ich das erste Mal 2010 in der Berliner Galerie Tanas. Bis dahin war mir nicht bewusst, dass es im Osten der Türkei bildende Künstler gibt. Ich kannte bloß die politischen Fakten: 40.000 Tote, 3.000 zerstörte Dörfer. Und dann auf einmal dieses Video, in dem sich zwei Künstler auf den Weg ins Zentrum der europäischen zeitgenössischen Kunst machen.

Die beiden Reiter scheinen den Blickkontakt zueinander zu vermeiden, um nicht loszulachen. Denn Şener Özmen hakt noch nach: "Ist der Weg lang?" – "Ja sicher", sagt der Bauer, "allein bis zum Berg dauert es schon eine Weile."

Ich habe mich von Istanbul auf den Weg gemacht und bin 1.500 Kilometer weit in den Osten gereist. Es ist eine Reise, die ich schon längst hätte machen müssen, denn ich habe viele Fragen. Auch an Şener Özmen.

Seit Wochen bin ich mehrmals Zeugin der Unruhen auf dem Taksim-Platz geworden. Den Schlachtruf "Wir sind alle Kurden" habe ich in Istanbul häufig gehört, von den Demonstranten selbst und von den Medien, die ihn bewundernd zitierten. In der Türkei sei eine neue zivile Bewegung geboren, hieß es, die trotz massiver, staatlicher Repressalien an ihren Forderungen für mehr Demokratie und Mitspracherecht festhält. Das ist die eine Seite.

Mely Kiyak

Jahrgang 1976, ist Publizistin und Schriftstellerin. Zuletzt bereiste sie die verschiedenen politischen Brennpunkte in der Türkei. Über ihre Begegnungen in Istanbul, Anatolien und an der türkisch-syrischen Grenze berichtet sie regelmäßig in der Serie Türkische Tage auf ZEIT ONLINE. Vor wenigen Wochen erschien von ihr "Istanbul Notizen" im neu gegründeten Digitalverlag Shelff.

Die andere Seite ist hinter der unsichtbaren Grenze, die ziemlich genau ab Diyarbakir verläuft. Denn das, was sich in Istanbul seit drei Wochen um den Gezi-Park ereignet, nämlich die Drangsalierung des eigenen Volkes durch Wasserwerfer und Pfeffergasangriffe, kennen die Menschen hier seit 30 Jahren. Mehr als das: Panzer, Hausdurchsuchungen, Haft und Folter – alles im Namen des Kampfes gegen die PKK. Kriegszustand.

Seit einigen Monaten befindet sich die Türkei im Friedensprozess. Ich bin in Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden, und die Waffen schweigen. Fast. Vor Kurzem ist in Lice, einem Ort bei Diyarbakir, ein Demonstrant erschossen worden. Die dortige Bevölkerung fragte auf ihrer Kundgebung lediglich nach, warum mitten im Friedensprozess ein Militärkontrollposten gebaut werde. Der Staat reagierte nicht mit Wasserwerfern und Gas, sondern mit scharfer Munition.

Um Şener Özmen zu treffen, muss man durch verwinkelte Gassen laufen. Als Treffpunkt hat er ein Lokal im Zentrum von Diyarbakir genannt. Auf dem Weg dahin begegnet man Kindern, die kaum über ihren Holzkarren mit frischen Kräutern schauen können, so jung sind sie. Vorbei an Schmieden und Bäckern und Ständen mit eingelegtem Gemüse und den berühmten Melonen aus Diyarbakir, von denen manche so groß sind, dass man sie als Frau nicht heben kann.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Der Feind meines Feindes

ist mein Freund, oder wie war das. Zumindest so lange bis der gemeinsame "Feind" besiegt ist oder keine Rolle mehr spielt, schätze ich. Dass hinter so einem augenscheinlichem Meinungswandel tatsächlich echtes Umdenken steckt bezweifle ich ebenfalls, auch wenn das in Einzelfällen eventuell stimmen mag.