Downloadportal Boox.to"Wir sind Verleger, keine Ladendiebe"

Kein Portal bietet hierzulande mehr illegale E-Book-Downloads an als Boox.to. Davon geht aber die Buchbranche nicht unter, behaupten die Betreiber. von Kolja Mensing

Boox.to, gegründet Ende 2012, ist nach eigenen Angaben die größte Plattform für den illegalen Download von E-Books im deutschsprachigen Raum. Bis zu 1,5 Millionen Bücher werden auf dieser Website in Form von Raubkopien angeblich jeden Monat heruntergeladen. Beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels geht man davon aus, dass die Zahl realistisch ist. Die Branchenvertretung hat deshalb die "Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen" (GVU) damit beauftragt, Ermittlungen im Fall von Boox.to anzustellen. Die Betreiber der illegalen E-Book-Plattform haben angekündigt, ab Oktober ihr "Geschäftsmodell" umzustellen und eine Nutzungsgebühr einzuführen. Boox.to verstößt damit weiterhin gegen das Urheberrecht, was zivilrechtliche und strafrechtliche Folgen haben kann. Das Interview mit "Spiegelbest", einer der anonymen Personen hinter der Website, wurde per E-Mail geführt.

Frage: Ihnen ist schon klar, dass Boox.to gegen bestehendes Recht verstößt, oder?

Anzeige

Spiegelbest: Juristisch gesehen verletzen wir bewusst massenhaft Urheberrechte, keine Frage. Aber: Die Dateien der Autoren landen sowieso im Netz. Ob sie nun von uns "befreit" werden oder von irgendwelchen Russen, ist egal. Alles von Interesse landet im Netz. So betrachtet gibt es im Netz kein Eigentum. Das ist unsere Grundannahme.

Frage: Was sind denn Ihre Top Ten, was wird zur Zeit am häufigsten heruntergeladen?

Spiegelbest: Im Moment steht Das Komplott von John Grisham ganz oben. Im letzten Juli war unser eigener Scan von Stephen Kings Joyland sehr erfolgreich. Als E-Book erschien der Titel nur bei uns, den Buchpiraten. Stephen King selbst hat ihn nicht digitalisieren lassen.

Frage: Sie stehlen also Bücher. Wie machen Sie das genau?

Spiegelbest: Die Idee ist: Einer kauft ein Buch, alle können mitlesen, also "shared reading". Wir funktionieren wie ein Filesharer, nur dass wir uns – bisher – über Spenden finanzieren. Die Spendenbereitschaft ist sehr hoch. Auch die Server bezahlen wir mit Spenden. Ich glaube, das Projekt ist – so groß aufgezogen – einmalig. In dem Sinne sind wir also eine Download-Plattform für E-Books, wobei wir uns von anderen auch dadurch unterscheiden, dass unser Angebot breit angelegt ist, wie eine Bibliothek.

Frage: Also gut organisierte Urheberrechtsverletzung im großen Maßstab?

Spiegelbest: Ich sag’s ganz offen: Uns interessiert die Rechtsauffassung deutscher Verlage nicht. Wer im Netz Geschäfte machen will, spielt nach den Regeln des Netzes. Wir sehen uns als Anbieter am Markt, wie Amazon und der stationäre Buchhandel.

Frage: Diese Auffassung wird wohl niemand in der Branche mit Ihnen teilen.

Spiegelbest: Die Verlage haben nicht erkannt, dass sie es nicht mit Ladendieben, sondern mit einer neuen Art Verlag zu tun haben. Wir sind ein gefährlicher Konkurrent. Wir "verkaufen" unser Produkt für null Euro.

Frage: "Spiegelbest" ist Ihr Pseudonym. Gerne wüssten wir ein bisschen mehr über Sie.

Spiegelbest: Ich bin beruflich nicht weit von einem Buchhändler entfernt.

Frage: Wie viele Leute stehen hinter dem Projekt?

Spiegelbest: Im einstelligen Bereich. Aber Boox.to wird natürlich nicht nur von mir betrieben. Die technische Seite der Plattform ist auf sehr hohem Niveau. Das machen professionelle Software-Entwickler nebenher, als Hobby. Das finden Sie häufig in unserer Szene, dass Informatiker in ihrer Freizeit solche Projekte unterstützen.

Frage: Klingt idealistisch. Trotzdem wollen Sie jetzt eine Art Nutzungsgebühr einführen. Welcher Betrag schwebt Ihnen vor?

Spiegelbest: Im Moment sind wir bei 10 Euro für drei Monate. Wir müssen sehen, wie lange wir mit dem Geld hinkommen. Durchaus möglich, dass wir für diese 10 Euro später eine Jahresflat anbieten werden. Es kommt auf die Nutzerzahl an.

Frage: Was wollen Sie mit dem Geld machen?

Spiegelbest: Wir bezahlen neue Server und kaufen E-Books – deutlich mehr Titel als früher. Wir versuchen, mit dem Wachstum Schritt zu halten. Das kann bei fast 20-prozentiger Steigerung der Downloads von Monat zu Monat eine echte Herausforderung sein. Wenn wir in den nächsten zwölf Monaten nur annähernd so weiterwachsen, dann wissen wir nicht, wie es weitergehen soll. Wir rechnen damit, im Herbst nächsten Jahres jeden Monat zehn Millionen Downloads zu haben.

Frage: Und welchen Teil der Einnahmen stecken Sie sich selbst in die Tasche?

Spiegelbest: Wir verdienen kein Geld mit dem Portal. Im Moment zahlen wir sogar drauf, jeder von uns etwa 100 Euro im Monat.

Leserkommentare
  1. warum man dem Menschen noch eine Plattform geben muss, um seine kommunistischen Thesen zu verbreiten. Wenn es nach ihnen ginge gäbe es in fünf Jahren gar keine Bücher mehr, weil niemand mehr damit Geld verdienen kann.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt, um das Beispiel aus dem Interview aufzugreifen, bei uns auch keine Pferde mehr, weil damit seit dem Siegeszug der Autos kein Geld mehr zu verdienen ist.

    Fast gleiches mit den Himbeeren. Seit der Geschmack für den Jogurt aus Holzspänen gemacht wird, sind Himbeeren praktisch abgeschafft.

  2. rie rund um die Kreativen benutzt, Mitbewerber aus dem Markt zu drängen. Es wird der NSA ein Vergnügen sein, sämtliche Beteiligte zu tracen und der GVU die Infos rüber zu schieben. Denn verhinderte Anschläge auf vorsorglich geschlossen Botschaften halten nicht ewig als Existenzrechtfertigung. Freunde bei den Medien werden dringend gesucht.

    2 Leserempfehlungen
  3. Es gibt, um das Beispiel aus dem Interview aufzugreifen, bei uns auch keine Pferde mehr, weil damit seit dem Siegeszug der Autos kein Geld mehr zu verdienen ist.

    Fast gleiches mit den Himbeeren. Seit der Geschmack für den Jogurt aus Holzspänen gemacht wird, sind Himbeeren praktisch abgeschafft.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hufschmiede werden heutzutage in der Tat nur noch wenige gebraucht.
    Aber die Bücher, die "spiegelbest" vertreibt, müssen weiterhin von Autoren geschrieben, von Lektoren betreut, von Layoutern und Designern gestaltet und, damit sie überhaupt bekannt werden, von Verlagen beworben und vertrieben werden.

    Insofern ist das, was "spiegelbest" hier zum besten gibt, ausgesprochen dummdreist.

  4. ...für den Hinweis! Die Seite kannte ich noch nicht...

    7 Leserempfehlungen
  5. Auf alles eine Antwort. Die Verlage haben versagt. Es gibt "Regeln des Netzes", denen sich alles zwangsläufig unterordnet. Hufschmied-Vergleiche.

    "Es fehlt ein attraktives digitales Angebot der Verlage" – auch so ein Argument. Neue Alben bekommt man als Download für einen Bruchteil der Kosten von vor 10, 15 Jahren, es gibt digitale Verleihmodelle wie Skoobe, Spiele aus dem Vorjahr werden einem nachgeworfen, man kann einen Computer nur mit Open-Source-Software oder Freeware betreiben.

    Das "attraktive Angebot" ist null Euro und davon kann niemand leben.

    Die "Branche" von "Spiegelbest" lebt von Werbung und Sharehoster-Provisionen. Andere Buchscanner haben in ähnlichen Interviews freimütig zugegeben, damit schon ein paar hundert Euro im Monat zu verdienen.

    Spielt euch doch nicht als Samariter auf.

    5 Leserempfehlungen
  6. ...die Aufregung um diese Seiten nicht. Früher holte man sich die Bücher halt aus der Bibliothek (und ich tus immer noch sehr gerne) für so gut wie gar kein Geld. Wo genau ist der Unterschied zu den Internetangeboten? Vor kurzem lief mir erst ein nettes Jugend-Fantasy-Buch im Internet über den Weg und nachdem ich die Lektüre beendet hatte, dachte ich mir, es würde meiner kleinen Schwester wahrscheinlich gut gefallen und deswegen ist ein Kauf zum Geburtstag fest eingeplant. „Echte“ Bücher werden doch immer gekauft: In der Schule müssen die Kinder sich mit den Klassikern rumschlagen, im Studium braucht man sie, damit man auch schön farbig anstreichen und Kommentare an den Rand kritzeln kann und als Geschenke haben sich Bücher bewährt. Und die Lieblingsbücher möchten doch nach wie vor viele im Regal stehen haben. Dann kann man sie nicht nur immer wieder hervor holen, es sieht auch noch nett aus. Übrigens finde ich, das Angebot von 10 Euro für 3 Monate ist absolut bezahlbar und ich bin sofort dabei, wenn man mir verspricht, das ich nicht irgendwann Post von einem Abmahnanwalt bekomme.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @MeinenSie:

    Der Unterschied zw. illegalem Angebot im Netz und öffentl. Bibliothek ist der, dass in der Bilbliothek ein analoges Buch vorhanden ist, das immer nur ein Leser ausleihen kann. Die Reichweite dieses Buches ist also sehr begrenzt. Ganz im Gegensatz zum illegalen Angebot im Netz. Dieses kann weltweit von jedem heruntergeladen werden und so theoretisch die weltweite Nachfrage nach diesem Buch vollständig befriedigen. Damit werden der Urheber und der Verlag, die beide Aufwand in Form von Arbeit (Urheber) und Geld (Vervielfältigung des Buches, Werbung, Lektorat) in das Buch etc. gesteckt haben, der Möglichkeit beraubt, ihre Kosten zu decken und Gewinne zu erzielen, um von ihrer Arbeit leben zu können. Sie werden sich immer schwerer tun, weitere Bücher zu veröffentlichen und können nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Die Betreiber der illegalen Seite haben wenig Kosten (sie zahlen ja weder Urheber noch Verlag etwas) und können über Werbung oder ihre angedachte Monatsgebühr viel Geld verdienen (bei kino.to waren das siebenstellige Beträge). Das sind also keine Robin Hoods sondern Menschen, die der Kulturlandschaft in parasitärer Weise schaden. Sven Regener hatte das letztes Jahr eigentlich schon deutlich gemacht... ;-).

  7. dass der Spiegel hier einer illegalen Platform eine Bühne bietet. Wie wäre es bloss, wenn die dauernd illegal "Spiegel-Beiträge" ins Netz stellen würden?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    P.S.:Mit "der Zeit" wäre das natürlich auch nicht zu machen

  8. 8. Zusatz

    P.S.:Mit "der Zeit" wäre das natürlich auch nicht zu machen

    Antwort auf "Ist schon erstaunlich"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Amazon | Download | E-Book | E-Book-Reader | Euro | Flatrate
Service