ArchitekturMisstrauen gegen die eigene Geschichte

Die Gebäude der fünfziger und sechziger Jahre sind keineswegs alle hässlich. Warum nur verachten wir die Architektur der Nachkriegsmoderne so sehr? von 

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.  |  © Vera Tammen

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör, heißt ein alter Kalauer, und daran ist richtig, dass die Kunst der Ingenieure mehr zur Veränderung unserer Lebenswelt beiträgt, als uns zumeist bewusst ist. Damit sind nicht nur die kühnen Konstruktionen von Brücken und Fußballstadien gemeint. Derlei kann man sehen, bewundern oder auch tadeln.

Eine ebenso bedeutende Leistung der Ingenieure hingegen kann man nicht sehen – oder nicht mehr. Es handelt sich um die noch nicht hinreichend gewürdigte Kunst der spurlosen Beseitigung, kurz: um den Abriss.

Anzeige

Wer nach wenigen Monaten Abwesenheit in seine Heimatstadt zurückkehrt, dem kann es leicht passieren, dass er ratlos vor einer Baulücke steht und sich in Erinnerung zu rufen versucht, was da bis vor Kurzem noch gestanden hat.

Anlass dieser Glosse ist der bevorstehende Abriss der ehemaligen Oberfinanzdirektion in Frankfurt am Main. Das 1953 von Hans Köhler entworfene Hochhaus ist allerdings ein Bau, an den sich jeder erinnert, der ihn einmal gesehen hat. Das 120 Meter lange, 35 Meter hohe Gebäude besticht durch seine leichtfüßige Eleganz. Es zeugt von jenem Geist des Aufbruchs und des Optimismus, den es in den fünfziger Jahren eben auch gegeben hat.

Als Student bin ich oft daran vorbeigefahren, und immer erschien mir das farbenfroh leuchtende Hochhausband als Zeichen einer neuen Ära, errichtet gegen die Gips-Engelchen, Brokat-Deckchen und Messerbänkchen der Spießer.

Die Zeiten ändern sich und damit auch der Geschmack. Heute erntet die Architektur der Nachkriegsmoderne in der Regel Verachtung. Und weil sie den Bestimmungen des Brandschutzes und der Wärmedämmung, den Ansprüchen hinsichtlich der Raumgröße und des Komforts nicht mehr genügt, reißt man sie ab.

Die Abbruchbranche hat Konjunktur. Während früher Sprengmeister dramatisch zu Werk gingen, arbeiten heute effiziente Maschinen am unauffälligen Verschwinden. Und selten erhebt sich Protest. 

Warum?

Wahr ist leider, dass diese Architektur nur selten heimatliche Gefühle weckt, niemand weint ihr nach. Doch mangelnde Qualität ist nicht der einzige Grund für diese Kaltherzigkeit. Gründerzeit-Bauten, seien sie noch so hässlich, und Fachwerk-Häuser, seien sie noch so ärmlich, erregen unsere Anteilnahme weit mehr. Ein Haus erscheint uns umso wertvoller, je älter es ist. Und Kitsch wirkt in unserer Welt aus Stahl und Glas wie ein Trost.

Etwas kommt hinzu: eine Art Blindheit, eine selektive Wahrnehmung unserer Herkunft. In der Missachtung der Nachkriegsmoderne äußert sich ein Misstrauen gegen die eigene Geschichte. Die Gebäude der fünfziger, sechziger Jahre sind keineswegs alle hässlich.

Manche sind sogar schön und wären leicht zu modernisieren. Wir sind mit ihnen mehr verwandt als mit dem Stuck und mit den Eichenbalken.

Vielleicht ist diese Verwandtschaft der Grund dafür, dass wir sie nicht mögen. Doch letztlich bleibt es absurd, dass wir vielhundertjährige Ruinen aufmöbeln und gut erhaltene, 40 bis 60 Jahre alte Bauten über Nacht beseitigen. 

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Viele dieser Gebäude wurden anders als bis hin zum weiten Weltkrieg nicht für die Ewigkeit gebaut - insofern ist das Ablaufen der natürlichen Lebensdauer normal.

    Gründerzeitgebäude wurden immer gescholten, besitzen aber einen Charme, der sogar eine finanziell unsinnige Entkernung rechtfertigt - Wohngebäude aus den 50er nicht.

    Vor allem Nutz und aber auch Wohngebäude aus den 50er und 60ern sind auf bestimmte Nutzuzngskonzepte hin gebaut worden. Bsp tief gestaffelte Grossraumbüros. Diese Konzepte sind hinfällig, so arbeitet niemand mehr freiwillig - was soll man also damit anfangen? Leute darin einsperren?
    Hinzu kommt die Vielzahl an neuen Vorschriften. Bei einer tiefgehenden Sanierung muss das Gebäude praktisch auf den Stand "Neubau 2013" gebracht werden. Das ist häufig teurer als Neubau.
    Pilotprojekte die das trotzdem schaffen - etwa Greenhouse für Studenten - geniessen meist eine besondere finazielle Ausstattung und eine extrem freundliche Genehmigungsumgebung.

    Und mal erhrlich: auch der Autor möchte nicht in einer 50er Jahre 2,5 Zimmer Wohnung wohnen, mit der ganze Bomben-Gegenden etwa in HH und B aufgeforstet worden sind. Bei den Wohnungen ist es doch die Ärmlichkeit, die diese schnell hingerotzten Häuser unattraktiv macht. Bzw nur der Preis macht sie interessant

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xila
    • 30. August 2013 11:14 Uhr

    ... und davor habe ich einem dieser Nachkriegsbauten gelebt. Nicht, daß ich von hier jemals wieder wegwollte, aber es gibt ein paar Nachteile meiner jetzigen Wohnung, die mich erstmals die Vorteile der vorherigen erkennen lassen haben.

    - Der Grundriß war sehr durchdacht. Ich hatte auf 20 qm weniger fast genauso viel Platz wie jetzt und sogar - was ich jetzt nicht mehr habe - eine kleine Abstellkammer. Die Küche lag mittig zwischen den Zimmern, das heißt, es gab kurze Wege, wenn man das Abendessen im Wohnzimmer anrichten wollte.

    In Stuttgart verscherbelt die Patrizia gerade einige der LBBW-Wohnungen, die sie vor zwei Jahren gekauft hat, das sind auch Fünfziger-Jahre-Bauten. Bei denen fällt mir auch auf, daß sie solche Grundrisse haben.

    - Das Bad wurde in den Fünfzigern in der Regel mit Wanne geplant. In Gründerzeithäusern mußte man beim nachträglichen Badeinbau improvisieren, es gibt skurrile Ergebnisse wie Badewanne in der Küche, aber meistens wurde irgendwann ein (kleines) Duschbad eingebaut, auf Kosten der zuvor großen Küche, die nun zu klein war für eine Wohnküche.

    - Der wunderschöne Holzdielenboden hat den Nachteil, daß ich die üblichen Laufwege der Mieter über mir an die Decke malen könnte. Es ist laut: Man hört jede Bewegung, die die Leute machen, und zeitweise hatte ich nachts eine akustische Peepshow über mir. Solche Geräuschkulissen kannte ich vorher nicht.

    - Gründerzeithäuser wurden gebaut, als Tageslicht noch kein Thema war. Sie können düster sein.

    • J-M
    • 30. August 2013 8:08 Uhr

    Grundsätzlich haben Sie recht, dass auch jene Kulturleistungen erhaltenswert sind, die nicht jedermann gefallen. Aber bei diesen Bauten sprechen auch andere Gründe gegen den Erhalt. Wer mal in einem Gebäuder der 50er wohnte und ausziehen musste, weil es wegen der falschen Dämmung gänzlich verschimmelt war, weiß, wovon ich rede. Auch wirtschaftliche Gründe sprechen dagegen. Das ICC in Berlin war bspw. noch nie ausgelastet und kostet den Steuerzahler nur Geld. Ganz abgesehen davon, dass es hässlich ist. Hier nicht den Presslufthammer anzusetzen, wäre glaube ich verfehlt.

    2 Leserempfehlungen
  2. Ich finde die Liebe zu allen älteren Bauten und die Abneigung zu allem Modernen auch sehr unheimlich. Mittlerweile frage ich die Leute, ob denn wieder Gründerzeithäuser gebaut werden sollen. Meisten erhalte ich dann keine Antwort.
    Ich lebe selber in einem Haus aus den 50iger Jahren. Es ist zwar sehr einfach bzw. schlicht in der Architektur, aber unglaublich funktional und mittlerweile auch mit Wärmedämmung. Was viele Altbauten nicht haben: Es hat eine wunderbare Durchlüftung!

    Bei den Führungen durch die IBA in Hamburg stelle ich immer wieder fest, dass das dahinterstehende Konzept der Architektur auch die Schönheit eines Hauses erklärt. Es geht ja nicht nur um das Aussehen, sondern auch um die Idee des Bauens. Vielleicht brauchen wir mehr Führungen durch die Städte der 50iger Jahre.

    Eine Leserempfehlung
  3. Auch die Gebäude der Nazizeit sind keineswegs alle hässlich. Warum nur verachten wir die Architektur des Nationalsozialismus so sehr?

    4 Leserempfehlungen
    • ikstej
    • 30. August 2013 9:08 Uhr

    Man könnte die deutsche Architektur der 50 und frühen 60er auch als 'Verliererarchitektur' bezeichnen - Architektur, aus der nicht nur die Beschränkung auf weniger als das lebensnotwendige (nämlich das überlebensnotwendige) spricht, sondern auch ein mutloser Blick in die Zukunft.

    Natürlich gibt es formidable Ausnahmen. Zur gleichen Zeit feierte in den USA ja einer der hervorragendsten, schönsten und innovativsten Baustile - die kalifornische Moderne - ihren Höhepunkt, und auch in Deutschland wurde mancher dadurch beeinflusst.
    Leider äußerte sich das manchmal nur auf sehr zaghaft und letztlich zu inkonsequente Weise, so auch beim obigen Beispiel in Hamburg.

    Ich bin, was Denkmalschutz angeht, gerne politisch inkorrekt: meiner Meinung nach wären hier und da auch Teilabrisse angebracht, es muss ja nicht immer alles schwarz/weiss sein. So wäre es m.E. zum Beispiel sinnvoll, sich von den Nebengebäuden vom Flughafen Tempelhof zu verabschieden und nur den ikonischen Hauptteil zu belassen. Im Hamburger Beispielfall wäre es sicher die beste Lösung, den Glaspavillon zu erhalten und auf den Rest zu verzichten, usw.

    Was auch eine fantastische Lösung für durch Zeilenbauten verschandelte Innenstadtbereiche ist: intelligente Blockrandbebauung mit guter Architektur, dadurch (heutzutage anders als früher sehr wünschenswerte) Verdichtung der Innenstadt und ein zusammenwachsendes, lebendiges Stadtbild, die Zeilenbauten verschwinden im Innenhof und keiner muss ausziehen.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ikstej
    • 30. August 2013 9:58 Uhr

    Ich meine natürlich Frankfurt wenn ich oben von 'Hamburg' spreche, entschuldigen Sie meinen Fehler.

    In diesem Sinne: Frankfurt oder Hamburg, Hauptsache Italien!

  4. Normalerweise baut man aus einer Situation des Wohlstandes heraus: Man ist aus seinem bisherigen Umfeld herausgewachsen, empfindet es als ungenügend und möchte größer, schöner und moderner leben. Man entscheidet sich freiwillig für einen Neubau und investiert erhebliche Mittel, damit es schön wird und lange hält.

    In den 50er war es anders (siehe Kommentar 3) und das sieht man den Bauten an. Man musste bauen, konnte es sich eigentlich gar nicht leisten und sparte überall. Hinz kommt, dass man sich später die notwendige Bauunterhaltung nicht leisten konnte oder wollte und die Häuser verfallen ließ.

    Mal abgesehen von Sonderfällen wie der beschriebenen Oberfinanzdirektion betrifft die Abrisswelle eher die Bauten, die nie anders als einfach und billig sein sollten und die überlebten auch früher ihre Epochen nicht. Wo sind z.B. die Arbeiterwohnungen aus der Vorkriegszeit? Abgerissen, und das ist auch gut so. Wer würde heute dort wohnen wollen?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Arbeiterwohnungen aus den 20er und 30er Jahren sind bei uns begehrte Objekte. Wobei tatsächlich die aus den 20er dem heutigen Städtergeschmack näher kommen, in den 30ern wurde aber auch viel weniger gebaut.

  5. ...aber wurden diese Gebäude nicht so gebaut um 50 oder 60 Jahre zu halten und dann ersetzt zu werden?
    Ist schon lange her das ich was über Architektur gelernt habe, aber ich glaube mich daran erinnern zu können, das man nach dem Krieg die Langlebigkeit der Funktionalität und vorallem dem Geld opferte.

    2 Leserempfehlungen
    • ikstej
    • 30. August 2013 9:25 Uhr

    Noch eine Bemerkung zur architektonischen Grundqualität: diese ist in Bauten der 50er und 60er (und natürlich auch in vielen anderen Bauten aus anderen Epochen) einfach mangelhaft.

    Einerseits die zu geringe Deckenhöhe (wer einmal die Raumluftqualität eines Altbaus mit >3m Decke genossen hat, will nichts anderes mehr), dann die problematische Bauqualität (weder dickwandige, zuverlässige Altbaukonstruktion noch wirklich moderne Bauausführung nach heutigen Neubaustandards), unzureichende Fensterflächen/Fenstergrößen sowie Fenster ohne Oberlichter, schlecht umnutzbare Grundrisse, und die unerträgliche Tristesse die sich dadurch ergibt, wenn ein Bauträger mal eben ein ganzes Viertel hochreisst und ein Haus sich vom anderen nur durch die Hausnummer unterscheidet.

    Letzteres ist übrigens auch heute noch eine brennene Problematik und eine Aufgabe für die Politik: es muss endlich aufhören, dass große Baugrundstücke in Innenstadtbereichen an kommerzielle Bauträger vergeben werden, die dort Kunstsiedlungen errichten. Architektur und Stadbild profitieren nicht von Massenproduktion, wie es beim Produktdesign ist, sondern leiden darunter einfach nur.
    Die Antwort sind Stadthaus-Siedlungen, in denen Grundstücke einzeln verkauft werden und (unter einem ästhetischen Leitbild) vom Privatkäufer individuell bebaut werden, wie z.B. in der Gebäudegruppe an der Bernauer Strasse in Berlin-Mitte.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service