Fünf vor acht / Architektur : Misstrauen gegen die eigene Geschichte

Eine Kolumne von
Die Gebäude der fünfziger und sechziger Jahre sind keineswegs alle hässlich. Warum nur verachten wir die Architektur der Nachkriegsmoderne so sehr?

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör, heißt ein alter Kalauer, und daran ist richtig, dass die Kunst der Ingenieure mehr zur Veränderung unserer Lebenswelt beiträgt, als uns zumeist bewusst ist. Damit sind nicht nur die kühnen Konstruktionen von Brücken und Fußballstadien gemeint. Derlei kann man sehen, bewundern oder auch tadeln.

Eine ebenso bedeutende Leistung der Ingenieure hingegen kann man nicht sehen – oder nicht mehr. Es handelt sich um die noch nicht hinreichend gewürdigte Kunst der spurlosen Beseitigung, kurz: um den Abriss.

Wer nach wenigen Monaten Abwesenheit in seine Heimatstadt zurückkehrt, dem kann es leicht passieren, dass er ratlos vor einer Baulücke steht und sich in Erinnerung zu rufen versucht, was da bis vor Kurzem noch gestanden hat.

Anlass dieser Glosse ist der bevorstehende Abriss der ehemaligen Oberfinanzdirektion in Frankfurt am Main. Das 1953 von Hans Köhler entworfene Hochhaus ist allerdings ein Bau, an den sich jeder erinnert, der ihn einmal gesehen hat. Das 120 Meter lange, 35 Meter hohe Gebäude besticht durch seine leichtfüßige Eleganz. Es zeugt von jenem Geist des Aufbruchs und des Optimismus, den es in den fünfziger Jahren eben auch gegeben hat.

Als Student bin ich oft daran vorbeigefahren, und immer erschien mir das farbenfroh leuchtende Hochhausband als Zeichen einer neuen Ära, errichtet gegen die Gips-Engelchen, Brokat-Deckchen und Messerbänkchen der Spießer.

Die Zeiten ändern sich und damit auch der Geschmack. Heute erntet die Architektur der Nachkriegsmoderne in der Regel Verachtung. Und weil sie den Bestimmungen des Brandschutzes und der Wärmedämmung, den Ansprüchen hinsichtlich der Raumgröße und des Komforts nicht mehr genügt, reißt man sie ab.

Die Abbruchbranche hat Konjunktur. Während früher Sprengmeister dramatisch zu Werk gingen, arbeiten heute effiziente Maschinen am unauffälligen Verschwinden. Und selten erhebt sich Protest. 

Warum?

Wahr ist leider, dass diese Architektur nur selten heimatliche Gefühle weckt, niemand weint ihr nach. Doch mangelnde Qualität ist nicht der einzige Grund für diese Kaltherzigkeit. Gründerzeit-Bauten, seien sie noch so hässlich, und Fachwerk-Häuser, seien sie noch so ärmlich, erregen unsere Anteilnahme weit mehr. Ein Haus erscheint uns umso wertvoller, je älter es ist. Und Kitsch wirkt in unserer Welt aus Stahl und Glas wie ein Trost.

Etwas kommt hinzu: eine Art Blindheit, eine selektive Wahrnehmung unserer Herkunft. In der Missachtung der Nachkriegsmoderne äußert sich ein Misstrauen gegen die eigene Geschichte. Die Gebäude der fünfziger, sechziger Jahre sind keineswegs alle hässlich.

Manche sind sogar schön und wären leicht zu modernisieren. Wir sind mit ihnen mehr verwandt als mit dem Stuck und mit den Eichenbalken.

Vielleicht ist diese Verwandtschaft der Grund dafür, dass wir sie nicht mögen. Doch letztlich bleibt es absurd, dass wir vielhundertjährige Ruinen aufmöbeln und gut erhaltene, 40 bis 60 Jahre alte Bauten über Nacht beseitigen. 

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ich wohne in einem Gründerzeithaus ...

... und davor habe ich einem dieser Nachkriegsbauten gelebt. Nicht, daß ich von hier jemals wieder wegwollte, aber es gibt ein paar Nachteile meiner jetzigen Wohnung, die mich erstmals die Vorteile der vorherigen erkennen lassen haben.

- Der Grundriß war sehr durchdacht. Ich hatte auf 20 qm weniger fast genauso viel Platz wie jetzt und sogar - was ich jetzt nicht mehr habe - eine kleine Abstellkammer. Die Küche lag mittig zwischen den Zimmern, das heißt, es gab kurze Wege, wenn man das Abendessen im Wohnzimmer anrichten wollte.

In Stuttgart verscherbelt die Patrizia gerade einige der LBBW-Wohnungen, die sie vor zwei Jahren gekauft hat, das sind auch Fünfziger-Jahre-Bauten. Bei denen fällt mir auch auf, daß sie solche Grundrisse haben.

- Das Bad wurde in den Fünfzigern in der Regel mit Wanne geplant. In Gründerzeithäusern mußte man beim nachträglichen Badeinbau improvisieren, es gibt skurrile Ergebnisse wie Badewanne in der Küche, aber meistens wurde irgendwann ein (kleines) Duschbad eingebaut, auf Kosten der zuvor großen Küche, die nun zu klein war für eine Wohnküche.

- Der wunderschöne Holzdielenboden hat den Nachteil, daß ich die üblichen Laufwege der Mieter über mir an die Decke malen könnte. Es ist laut: Man hört jede Bewegung, die die Leute machen, und zeitweise hatte ich nachts eine akustische Peepshow über mir. Solche Geräuschkulissen kannte ich vorher nicht.

- Gründerzeithäuser wurden gebaut, als Tageslicht noch kein Thema war. Sie können düster sein.