Dem Ingeniör ist nichts zu schwör, heißt ein alter Kalauer, und daran ist richtig, dass die Kunst der Ingenieure mehr zur Veränderung unserer Lebenswelt beiträgt, als uns zumeist bewusst ist. Damit sind nicht nur die kühnen Konstruktionen von Brücken und Fußballstadien gemeint. Derlei kann man sehen, bewundern oder auch tadeln.

Eine ebenso bedeutende Leistung der Ingenieure hingegen kann man nicht sehen – oder nicht mehr. Es handelt sich um die noch nicht hinreichend gewürdigte Kunst der spurlosen Beseitigung, kurz: um den Abriss.

Wer nach wenigen Monaten Abwesenheit in seine Heimatstadt zurückkehrt, dem kann es leicht passieren, dass er ratlos vor einer Baulücke steht und sich in Erinnerung zu rufen versucht, was da bis vor Kurzem noch gestanden hat.

Anlass dieser Glosse ist der bevorstehende Abriss der ehemaligen Oberfinanzdirektion in Frankfurt am Main. Das 1953 von Hans Köhler entworfene Hochhaus ist allerdings ein Bau, an den sich jeder erinnert, der ihn einmal gesehen hat. Das 120 Meter lange, 35 Meter hohe Gebäude besticht durch seine leichtfüßige Eleganz. Es zeugt von jenem Geist des Aufbruchs und des Optimismus, den es in den fünfziger Jahren eben auch gegeben hat.

Als Student bin ich oft daran vorbeigefahren, und immer erschien mir das farbenfroh leuchtende Hochhausband als Zeichen einer neuen Ära, errichtet gegen die Gips-Engelchen, Brokat-Deckchen und Messerbänkchen der Spießer.

Die Zeiten ändern sich und damit auch der Geschmack. Heute erntet die Architektur der Nachkriegsmoderne in der Regel Verachtung. Und weil sie den Bestimmungen des Brandschutzes und der Wärmedämmung, den Ansprüchen hinsichtlich der Raumgröße und des Komforts nicht mehr genügt, reißt man sie ab.

Die Abbruchbranche hat Konjunktur. Während früher Sprengmeister dramatisch zu Werk gingen, arbeiten heute effiziente Maschinen am unauffälligen Verschwinden. Und selten erhebt sich Protest. 

Warum?

Wahr ist leider, dass diese Architektur nur selten heimatliche Gefühle weckt, niemand weint ihr nach. Doch mangelnde Qualität ist nicht der einzige Grund für diese Kaltherzigkeit. Gründerzeit-Bauten, seien sie noch so hässlich, und Fachwerk-Häuser, seien sie noch so ärmlich, erregen unsere Anteilnahme weit mehr. Ein Haus erscheint uns umso wertvoller, je älter es ist. Und Kitsch wirkt in unserer Welt aus Stahl und Glas wie ein Trost.

Etwas kommt hinzu: eine Art Blindheit, eine selektive Wahrnehmung unserer Herkunft. In der Missachtung der Nachkriegsmoderne äußert sich ein Misstrauen gegen die eigene Geschichte. Die Gebäude der fünfziger, sechziger Jahre sind keineswegs alle hässlich.

Manche sind sogar schön und wären leicht zu modernisieren. Wir sind mit ihnen mehr verwandt als mit dem Stuck und mit den Eichenbalken.

Vielleicht ist diese Verwandtschaft der Grund dafür, dass wir sie nicht mögen. Doch letztlich bleibt es absurd, dass wir vielhundertjährige Ruinen aufmöbeln und gut erhaltene, 40 bis 60 Jahre alte Bauten über Nacht beseitigen.