Jonathan-Meese-ProzessWir Vergangenheitsbewältigungsweltmeister

Jonathan Meese ist freigesprochen worden. Doch der Prozess um seinen Hitlergruß spiegelt unsere Vergangenheitsbewältigung wider. Sie tritt lärmend auf der Stelle. von Maximilian Probst

Ach, wir Deutschen. Exportweltmeister, heißt es, seien wir bald oder bereits nicht mehr. Aber Vergangenheitsbewältigungsweltmeister: Diesen Titel wird uns so bald keiner nehmen, nicht wahr? Allerdings ist es zweifelhaft, ob wir uns darauf, und das galt in Sachen Export auch, überhaupt etwas zugute halten können. Schon im Wort Vergangenheitsbewältigung klingt Ungutes mit. Wenn nicht Gewalt so doch Schweiß, Mühe, harte Arbeit, Kampf, oder besser noch Krampf.

Dieses verkrampfte, man könnte auch sagen hysterische Verhältnis zur Vergangenheit trägt einen Januskopf. Das eine Gesicht bilden die krankhaften Normalisierungsversuche, die uns ein für alle Mal aus dem Schatten des Dritten Reichs herausführen wollen (wir sind wieder wer, und eigentlich waren wir schon immer wer, eine Kulturnation zum Beispiel, die Nazis, diese zwölf Jahre, was sind die schon dagegen…). Das andere Gesicht zeigt sich im obsessiven Herumwühlen in der alten Nazi-Scheiße. Beides bedingt sich, beides bringt sich in einer zirkulären Struktur gegenseitig hervor – wie sich gerade im Justizfall von Jonathan Meese beobachten lässt.

Anzeige

Warum stand Meese in Kassel vor Gericht? Weil er den Hitlergruß bei einer Performance gezeigt hat. Warum hat Meese den Hitlergruß gezeigt? Weil er verboten ist. Warum ist der Hitlergruß verboten? Weil er als Störung, als Verletzung, als Bedrohung der Normalität empfunden wird. Warum muss die Normalität gesetzlich vor dem Hitlergruß geschützt werden? Weil es Typen gibt, die vom Hitlergruß und all den Nazi-Symbolen nicht loskommen. Warum kommt Meese nicht von Hitler los? Weil er damit die Normalität stören, verletzen, bedrohen kann. Und wenn ihn die Normalität, also das Gesetz, dafür jetzt zur Rechenschaft zieht? Dann wird Meese erst Recht im Glauben bestärkt, richtig gehandelt zu haben, gezeigt zu haben, wie verkrampft die Normalität doch sei, dann wird Meese sich erst recht krampfhaft ins alte Nazi-Deutschland krallen.

Nicht weniger aufschlussreich ist der Fall der Düsseldorfer Wagner-Inszenierung vor einigen Wochen. Das Publikum war gekommen, den Tannhäuser zu sehen. Zu sehen bekam es Gaskammern, Nazischergen und Erschießungsszenen. Es folgte das übliche Geschrei ("Skandal!"), das, schon weniger üblich, sogleich Gehör fand. Die Inszenierung wurde abgesetzt und die Oper in Düsseldorf nur noch konzertant gegeben. Geradezu perfekt spiegelbildlich wurde so die Drastik der Inszenierung reproduziert: erst im schrillen Protest der Zuschauer und anschließend mit der völlig irren sofortigen Absetzung des Stücks. Krass, all das!

Aber reichlich überflüssig. Denn zu neuen Erkenntnissen führen uns diese "Skandale" nicht. Die großen Schlachten in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit scheinen ohnehin geschlagen. In den Nachkriegsjahren kam die NS-Zeit hauptsächlich aus einer Verdrängungs-  und Entschuldungsperspektive in den Blick. Die 68er-Generation arbeitete sich an personellen Kontinuitäten aus der NS-Zeit ab, an ihren Vätern. Ab den späten siebziger Jahren rückte die Shoa ins allgemeine Bewusstsein, mit Auschwitz als Chiffre für ein singuläres Menschheitsverbrechen.    

Mit dem Historikerstreit stand die Vergleichbarkeit dieses Verbrechens unter dem Oberbegriff des Totalitarismus zur Debatte. Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker und die Wehrmachtsausstellung räumten in den neunziger Jahren mit der alten Mär auf, dass das Gros der Deutschen an den NS-Verbrechen gar nicht beteiligt gewesen sei. Die nuller Jahre waren schließlich geprägt von der Frage, wie weit das Tätervolk der Deutschen auch einen Opferstatus, Stichwort "Bombenkrieg" und Vertreibung, für sich reklamieren kann.

Leserkommentare
  1. Den Porzess hätte man sich sparen können. Der Hitlergruss von Meese gehört ganz offensichtlich in einen künstlerischen Kontext, d.h. er ist eine Darstellung. Ob deise nun gelungen ist oder nicht, ist völlig Wurscht. Genausogut könnte man auch einen Filmregisseur anzeigen, der einen Film über das 3. Reich dreht, wo ja der Hitlergruns aus dramaturgischen Gründen angezeigt ist.

    9 Leserempfehlungen
  2. wenn du das hier liest... Ich finde dich toll!! du bist der genialste künstler. ich will gerne noch eine performance von dir sehen, du warst der wahnsinn. der gruß stört mich nicht. ich will auch deine oper sehen, das wird bestimmt tollstens :) will jetzt karten..

    2 Leserempfehlungen
    • L.J.
    • 14. August 2013 19:01 Uhr

    beweisen doch das wir nach wie vor ein Problem mit unserer Vergangenheit haben und es noch sehr lange dauern wird bis wir sie verarbeitet/bewältigt haben.

    Wird uns zumindest eingeredet.

    Aber als 72er bin ich wohl zu jung oder alt um die Debatte zu verstehn, wenn ein Künstler meint er müsse als Aufmerksamkeitshascherei bissl Nazi-Symbolik verwenden dann soll er halt froh werden damit.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Du scheinst keine Ahnung von dem Künstler zu haben um den es geht. Mit ein "bissle Aufmerksamkeitshascherei" hat das nichts zu tun. Jonathan Meeses immer wieder auftauchendes Motiv ist das der Diktatur der Kunst: "In der Allmacht der Kunst geht es nicht um das Machtgehabe des Künstlermenschen oder um die Machtfantasien von Selbstverwirklichern und Realitätsfanatisten, sondern um die antinostalgische, alternativlose Macht der Kunst, also der Sache. Kunst stellt die Machtfrage, nicht der Künstler."
    Was eignet sich dazu besser als das möglicherweise krasseste Symbol einer "kollektiven-Diktatur."

    [Zitat: "Gerade solche Artikel
    beweisen doch das wir nach wie vor ein Problem mit unserer Vergangenheit haben und es noch sehr lange dauern wird bis wir sie verarbeitet/bewältigt haben."]

    M.E. kann es so etwas wie eine Bewältigung dieser Vergangenheit gar nicht geben, wenn damit gemeint ist, irgendwie eine endgültige allgemeinverbindliche Einordnung zu treffen oder die Sache gewissermaßen abzuhaken. Mir hat jedenfalls noch keiner so recht nahebringen können, wie ein Zustand endgültiger Bewältigung aussehen soll.

    • TDU
    • 14. August 2013 19:08 Uhr

    Zit.: "Sie würde uns aber erlauben, diese Frage besonnen zu stellen, eingedenk des Abstands, der uns von der NS-Zeit trennt und eingedenk all der Fragen und Antworten, die uns dazu schon vorliegen."

    Und als Warngrundlage für das was noch kommen könnte, wenn die Wertschätzung der Demokratie weiter abnimmt,d ie verhältnisse sich verschlechtern und Politik nach der richtigen Gesinnung mit Heilsversprechen und -Glauben Vorrang erhält vor dem pragmatischem Versuch des Interessensausgleichs.

    Eine Leserempfehlung
    • europat
    • 14. August 2013 19:12 Uhr

    Vielleicht sollte man Jonathan Meese und dem Verbotsgeber, der Bundesrepublik Deutschland, für die freundliche Unterstützung und Mithilfe, einen gemeinsamen Kulturpreis verleihen.

    3 Leserempfehlungen
  3. Nicht die Wertschätzung der Demokratie nimmt ab, sondern es kommen den Bürger zunehmend Zweifel, ob wir in einer demokratischen Gesellschaft leben.

    "Mehr Demokratie wagen" wäre ein Spruch, den man wieder einmal ernst nehmen sollte.

    3 Leserempfehlungen
    • Joactin
    • 14. August 2013 19:29 Uhr

    Der Begriff ‘Tätervolk’ kann nur einem Hirn entspringen, das von der gleichen Mentalität beherrscht ist, von der auch die Nazis geprägt waren. Und die wäre? Verleugnung des Individualitätsprinzips.

    4 Leserempfehlungen
  4. Du scheinst keine Ahnung von dem Künstler zu haben um den es geht. Mit ein "bissle Aufmerksamkeitshascherei" hat das nichts zu tun. Jonathan Meeses immer wieder auftauchendes Motiv ist das der Diktatur der Kunst: "In der Allmacht der Kunst geht es nicht um das Machtgehabe des Künstlermenschen oder um die Machtfantasien von Selbstverwirklichern und Realitätsfanatisten, sondern um die antinostalgische, alternativlose Macht der Kunst, also der Sache. Kunst stellt die Machtfrage, nicht der Künstler."
    Was eignet sich dazu besser als das möglicherweise krasseste Symbol einer "kollektiven-Diktatur."

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gerade solche Artikel"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... und ich habe versucht, ihm etwas abzugewinnen. Doch ich muss eingestehen, dass ich mir auf vieles, was er sagt, keinen Reim machen konnte.

    Er scheint einen gewissen Namen in Künstlerkreisen zu haben und ist offensichtlich kein Rechtsextremer (ich bezweifel, dass er sich überhaupt so einfach einordnen lässt). Daher war zumindest für mich klar, dass das was er macht - obwohl ich es nicht verstehe - Kunst ist. Andere Leute erfreuen sich daran oder sind von ihm und seinen Werken fasziniert. Für mich reicht das, um jede nationalsozialistische Nähe auszuräumen und den Hitlergruß als das zu sehen was es ist - ein kruder Ausdruck in der Kunstwelt Messes.

    Daher hätte man sich den ganzen Prozess sparen können. So lange wir uns so schwer tun, zwischen Satire, Kunst und tatsächlichem Rechtsextremismus zu unterscheiden, so lange haben wir mit unserer Vergangenheit zu kämpfen.

    Viel pallaver um nichts.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jonathan Meese | Skandal | Düsseldorf
Service