Bei all diesen Debatten ging es um das richtige Verhältnis zur Vergangenheit unter Einbeziehung neuer Aspekte. Meese und die Düsseldorfer Tannhäuser-Inszenierung haben mit ihrer Plakativität diesem Verhältnis nichts hinzugefügt. Genauso wenig wie ihre auf Normalität pochenden Gegner. Sie alle sagen stattdessen etwas über die Zukunft aus, über die Zukunft einer Vergangenheitsbewältigung, die in Abwesenheit eines neuen Gedankens, einer neuen Erkenntnis, eines neuen Blickwinkels, lärmend auf der Stelle tritt.

"Dass Auschwitz nicht noch einmal sei" hatte Adorno als höchstes Ziel formuliert. Heute scheint daraus geworden zu sein, dass der Lärm um Nazis niemals aufhöre. Die Medien, das muss selbstkritisch eingeräumt werden, haben daran einen nicht unerheblichen Anteil. Die Wiederkehr des Gleichen zu übertönen, ist ihnen tägliches Gebot. Und die Drastik von Meeses Gesten, die Drastik der Tannhäuser-Inszenierung, die Drastik der außer Rand und Band geratenen Normalität, wie sie sich in wütenden Zuschauern oder einer durchgeknallten Justiz zeigt: all dies ist direkt an die Medien adressiert.

Was wir heute stattdessen bräuchten, ist eine neue Form der Sensibilität. Eine besorgte Besonnenheit, eine besonnene Sorge angesichts einer Vergangenheit, die sich nicht bewältigen lässt. Diese Sensibilität würde uns immer wieder zur sorgenvollen Frage führen, wie sich dieses und jenes zur NS-Zeit und zur Shoa verhält. Sie würde uns aber erlauben, diese Frage besonnen zu stellen, eingedenk des Abstands, der uns von der NS-Zeit trennt und eingedenk all der Fragen und Antworten, die uns dazu schon vorliegen.