Seit einer Woche herrscht Streit im Spiegel-Verlagsgebäude in Hamburg. Nun gibt es ein Zeichen dafür, dass der Konflikt beigelegt werden könnte. Wolfgang Büchner, der am 1. September seine Arbeit als neuer Chefredakteur aufnehmen soll, hat den Ressortleitern einen Kompromiss verkündet: Nikolaus Blome, der zum Entsetzen vieler Redaktionsmitglieder von der Bild-Zeitung abgeworben wurde, soll nicht stellvertretender Chefredakteur werden, sondern nur "Mitglied der Chefredaktion".

Der Kompromiss bietet allen Beteiligten die theoretische Möglichkeit, ohne Gesichtsverlust den vor den Augen der Öffentlichkeit ausgetragenen Richtungsstreit hinter verschlossenen Türen weiterzuführen.

Dieser Streit hatte sich vor einer Woche an der Verkündung der besagten Personalie entzündet. Blome, der das Hauptstadtbüro der Bild-Zeitung leitet und dort stellvertretender Chefredakteur ist, sollte nach dem Willen Büchners in gleicher Funktion zum Spiegel kommen. Die Ressortleiter des Magazins intervenierten und lehnten Blome in einer Redaktionskonferenz am Montag einstimmig ab. Was aus dieser Konferenz und anderen Zusammenkünften aus dem Spiegel nach außen drang, ließ auf Vorbehalte gegen den Bild-Mann schließen, die mit seinen politischen Positionen zu tun hatten.

Vom Spiegel selbst heißt es, dass er "im Zweifelsfalle links" sei. So hat es der Gründer Rudolf Augstein gesagt, und diese Selbstverortung hält sich hartnäckig. Spricht man über die Gegenwart, kann man zwar linke Positionen finden, sofern man bereit ist, sie zu sehen – in der NSA-Affäre etwa, über die das Magazin sehr ausführlich berichtet, vertritt es eine eher linke Haltung, geheimdienst- und regierungskritisch. 

Insgesamt betrachtet aber ist der Spiegel ein pluralistischer Laden, und so bedeutet der Satz heute vor allem, dass man so viel auch wieder nicht zweifelt.

Die Bild-Zeitung und Blome aber, der seit knapp 20 Jahren für Medien der Axel Springer AG arbeitet, stehen eher rechts. Beim Sender Phoenix tritt Blome in einer eigenen Sendung als konservativer Widerpart des linken Publizisten Jakob Augstein auf, Sohn des Spiegel-Gründers. Die NSA-Affäre spielte Blome herunter, was einigen Spiegel-Redakteuren gegen den Strich geht. Den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verteidigte er in der Zeitung und im Fernsehen gegen die Plagiatsvorwürfe, wofür ihn der Spiegel 2011 in einem großen Artikel über die Bild-Zeitung kritisierte; auf der Titelseite stand damals: Bild. Die Brandstifter

Blome verteidigte die "Pleite-Griechen"-Kampagne

Und vor allem die ressentimentgeladene Bild-Kampagne gegen Griechenland ist vielen in der Spiegel-Redaktion im Gedächtnis. "Ihr griecht nix von uns!", schrieb die Zeitung, forderte den Verkauf der griechischen Inseln, schickte einen Reporter, um den Leuten die Drachme zurückzubringen, und beharrte darauf, dass die Bürger Griechenlands "Pleite-Griechen" hießen, so als handle es sich um elf Millionen Taschenspieler und Trickbetrüger. Es war eine entsetzlich antiaufklärerische Kampagne, die Blome in seiner Funktion als Chef des Berliner Hauptstadtbüros verteidigte.

Es gibt also Gründe, weshalb sich die Ressortleiter des Magazins in einer Konferenz am Montag einstimmig gegen ihn als Vizechef ausgesprochen haben. Ein Grund ist die Markenpflege: Erst schreibt der Spiegel, dass bei Bild Brandstifter arbeiten, dann holt er seine Chefs von dort?

Blome, der 2007 für einen Essay in der Welt den Theodor-Wolff-Preis bekommen hat, ist allerdings nur der Auslöser des Streits. Er wäre nicht der erste konservative Journalist in leitender Funktion beim Spiegel, und er hat auch Befürworter. Einen gut vernetzten Bürochef würde man begrüßen, wurden in der Süddeutschen Zeitung Berliner Mitarbeiter des Spiegel zitiert. 

Es geht um den strukturellen Umbau des Medienhauses

Eigentlich aber geht es um die Frage, ob Büchner selbst der Richtige ist. Dass Büchner die Wahl Blomes nicht mit den Spiegel-Mitarbeitern abstimmen wollte, rührte an deren Selbstverständnis. Der Spiegel gehört nicht nur dem Verlag Gruner & Jahr und Rudolf Augsteins Erben, sondern zu 50,5 Prozent den Mitarbeitern (was das Magazin strukturell dann doch zu einem linken Medium macht), die demnach auch Büchners Chefs sind. Deshalb wirkt der Streit wie ein Erdbeben auf die Architektur des Hauses. In der anstehenden Infoveranstaltung der Mitarbeiter KG dürfte es auch um Büchners Kompromissvorschlag gehen.

Büchner war nach einer kurzen Zeit bei Bild als Chef vom Dienst bei der Financial Times Deutschland tätig und dann in leitender Funktion bei Spiegel Online. 2009 wechselte er zur Deutschen Presse-Agentur, als deren Chef er seit 2011 den Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter ziemlich geräuschlos managte. Nun soll er den Spiegel zum digitalen Medienhaus umbauen

Spiegel und Spiegel Online sind Schwestern, die zwar unter derselben Anschrift, aber weitgehend autark noch immer in unterschiedlichen Welten leben. Die Trennung ist auch strukturell: Die Onliner gehören nicht der Mitarbeiter KG an. Würde sich sich das ändern, und perspektivisch dürfte sich das ändern, müssten die besser gestellten Printredakteure die jährliche Gewinnausschüttung mit den Online-Kollegen teilen. 

Büchners Vorgänger, Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, scheiterten letztlich daran, die Redaktionen zu versöhnen und zu verzahnen, was auch den Abbau von Doppelstrukturen bedeuten dürfte. Büchner traute man das zu.

Mitarbeiter befürchten einen Umbau mit der Abrissbirne

Sprach man am Dienstag mit Spiegel-Redakteuren, hörte man von ihnen beides: sachliche Kritik an ihm und nicht ganz so sachliche ("Windbeutel"). Natürlich gibt es auch Mitarbeiter, die für ihn sprechen, gerade in der Online-Redaktion; aber die Büchner-Kritiker sind keine Splittergruppe. Sie werfen ihm nicht nur kommunikative Ungeschicklichkeit vor, sondern befürchten auch, dass der bevorstehende Umbau mit der Abrissbirne vorgenommen wird und auf Kosten all jener Teile des Hefts gehen soll, die nicht im Kern jenen nachrichtlichen Journalismus beinhalten, den sie für Büchners einzige inhaltliche Vorstellung halten.

Da der Streit aber offen nur um die Personalie Blome geführt wird, ist es möglich, dass Büchner mit dem Blome-Kompromiss seinen eigenen Kopf rettet.