StudienabschlüsseVerzweiflung bei den Bachelors

Ist der Abschluss nichts wert? Die Studienbedingungen sind weiterhin schlecht. Die Bologna-Reform ist gescheitert. von 

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.  |  © Vera Tammen

Die ehrwürdige Stadt Bologna hat es nicht verdient, dass der größte Missgriff in der Geschichte der Universitätsreformen nach ihr benannt wird. Der Bologna-Prozess, den 29 europäische Bildungsminister vor 14 Jahren in Bologna beschlossen hatten, sah vor, dass 80 Prozent aller Studenten die Hochschule nach drei Jahren mit einem berufstauglichen Abschluss verlassen sollten.

Abgesehen davon, dass sich der auf Deutsch schrecklich klingende Bätscheler im Sprachgebrauch durchgesetzt hat, ist aus der Reform nichts geworden. Sie hat die oftmals mangelhaften Studienbedingungen nicht verbessert. 

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Das Hamburger Abendblatt berichtete gestern von einem Streit zwischen der Hamburger Universität und der Wissenschaftsbehörde. Neuerdings hat er sich daran entzündet, dass 97 Bewerber um einen Master-Studiengang abgelehnt wurden. Es handelt sich dabei um Studenten, die das Lehramt anstreben.

Derselbe Staat, der einerseits den Bachelor mit dem Argument durchsetzen wollte, er qualifiziere für einen Beruf, besteht andererseits darauf, dass Lehramtskandidaten den Master machen.

Es gibt aber nicht genügend Plätze. Für ihre Vergabe, so sagt die Universität, seien allein die Noten entscheidend. Bei den Betroffenen, die Lehrer werden möchten, herrscht Verzweiflung, denn der Bachelor allein berechtigt zu gar nichts.

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin hat dieser Tage in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt: "Wir sollten den Akademisierungswahnsinn stoppen!" Er bezieht sich darauf, dass die Abiturientenquote inzwischen bei 50 Prozent eines Jahrgangs liegt. Verglichen mit den sechziger Jahren ist das eine Verfünffachung. Nida-Rümelin sagt sogar eine Quote bis zu 70 Prozent in manchen Großstädten voraus. 

Wer Abitur hat, will in der Regel studieren. Nida-Rümelin stellt die Frage: Benötigen wir so viele akademisch ausgebildete Menschen? Seine Antwort: nein. Wir brauchen nicht noch mehr Ärzte und Anwälte, sondern Handwerker und Facharbeiter, Pfleger und Erzieher.

Nun klingt die Frage, was wir benötigen, ein bisschen naiv. Die Wahl des Berufes ist jedermanns persönliches Recht. Und doch kann der Staat solche Prozesse steuern.

Er tut es ja auch, allerdings auf höchst widersprüchliche Weise. Einerseits wirkt er dem sinkenden Niveau der Schulen und Universitäten kaum entgegen. Es ist nämlich unwahrscheinlich, dass der Intelligenzquotient in diesem Land Jahr um Jahr zunimmt.

Andererseits gibt der Staat zu verstehen, dass er sparen muss und nicht alle, die studieren möchten, auch studieren sollen. Wenn aber eine Universität, wie das Hamburger Beispiel zeigt, Studenten nach Noten aussortiert, gibt es Krach.

Kurz: Es herrscht das vertraute Tohuwabohu, und Bologna hat daran nichts geändert. Weil wir keinen richtigen Bundesbildungsminister haben, sondern die Hoheit der Länder gilt, kann man auch niemanden zur Rechenschaft ziehen. 

Was aber Bologna betrifft: Die Stadt ist etwa 2.500 Jahre alt. Es wird sie noch geben, wenn niemand wer weiß, was der Bologna-Prozess einst war.

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Leserkommentare
  1. genau wie auch der Euro und die EU gescheitert sind. Der komplette Europa-Vereinheitlichungsmist ist von Anfang an nichts gewesen und hätte nicht stattfinden sollen.

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    Ihren Beitrag lese, muss ich Ihnen in einem Punkt recht geben:
    "Die Bologna-Reform ist gescheitert",
    denn was um himmelswillen hat Bologna mit dem Euro oder der EU zu tun???

    Wie im Artikel erwähnt, haben vor 14 Jahren 29 europäische Bildungsminister (davon nur 15 aus der damaligen EU) diese Reform beschlossen.

    Daher sind von deutscher Seite auch nur deutsche Politker für diese Fehlkonstruktion verantwortlich und nicht die EU und auch nicht der Euro.

    Übrigens, im ersten Halbjahr, als Bologna beschlossen wurde, hatte Deutschland auch noch die EU-Ratspräsidentschaft inne.

    Och, die neuen 100 Stelligen Kontonummern gefallen Ihnen doch bestimmt.
    Auf die Idee, dass die Nummern einfacher werden, wenn man die Zahlenfolge verdoppelt und Buchstaben einfügt, kommt man wohl nur nach 1000 abgerechneten Beamtenstunden....

  2. Natürlich kann man das.
    Zuallererst müsste man aber den Wähler zur Rechenschaft ziehen, der diese Politik gewollt hat, oder? Wenn die verantwortlichen Parteien CDU/CSU, SPD, Grüne knapp 75% der Wählerstimmen hinter sich versammeln können, dann ist doch alles schick.

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    Die Spitzen der Parteien behaupten gerne, man habe mit dem G8 und der Bologna-Reform Forderungen aus der Wirtschaft nachkommen müssen. Die hätte sonst das Land verlassen.
    Gefragt ist der marktkonforme Absolvent, der die Inhalte der Lehrbücher vorwärts und rückwärts herunterbeten kann - der keine dummen Fragen stellt, sondern sich einem Befehl- und Gehorsamsprinzip widerspruchslos unterordnet und: der BILLIG ist.
    Heute sind nicht mehr die Waren, die ein Unternehmen herstellt das Produkt, das Produkt ist vielmehr das Unternehmen selbst. Unternehmensanteile und ganze Unternehmen werden an deb "Internationalen Märkten" gehandelt. Und steigt der Wert eines Unternehmens nicht linear an, dann wird es zerschlagen und abgewickelt. Für die Beschäftigten gibt es staatliche Leistungen.
    Das gesamte Wirtschaftssystem ist am scheitern.

  3. Das erst jetzt im Bewusstsein der Öffentlichkeit ankommt.

    Wenn man in Deutschland eine Universitätsausbildung gemacht hat, ist man Akademiker (mit allen beruflichen Vorteilen; hauptsächlich der standardmäßigen Eingruppierung in die hohen Gehaltsbänder).

    In anderen Kulturen (speziell im angelsächsischen Kulturraum) kann man an einer Universität studiert haben und nachher Schweißer sein.

    Dazu kommt das es in vielen Ländern eine geregelt Berufsausbildung in der Form wie in Deutschland, mit gesetzlich geregelten Ausbildungsinhalten und Prüfungen nicht gibt. Das führt dazu das viele Berufe bei denen man als Kunde wert auf geregelte Qualifikation legt (Paradebeispiel: Krankenpflege), selbst in vielen europäischen Ländern ein Universitätsstudium erfordern.

    Die OECD hat das deutsche System der dualen Ausbildung zunächst nicht verstanden und später als Ausnahmefall betrachtet; was es objektiv gesehen im globalen Maßstab ja auch ist.
    Schlußfolgerung: der jahrelang nicht zuletzt in der Zeit wiederholte Lehrsatz das die deutsche Akademikerquote zu niedrig wäre, also her mit der Bolognareform.

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    • orgel
    • 06. September 2013 12:57 Uhr

    und es ist wirklich unglaublich, daß da niemand eingelenkt hat!

    Es ist so einfach: Akademikerquote OECD-Statistik =/= Akademikerquote dt. Statistik.

    Mein Gott, wir haben das schon von 10 Jahren in der Mittelstufe erkannt! Leute die daür bezahlt werden, Politiker auf Bundesebene, die Weisen unseres Landes haben den Schuß immer noch nicht gehört. Es ist wirklich frustrierend. Wie selbstsüchtig kann man sein?

    Wir haben jetzt eine Abiturientenqoute von 50%, wobei das Abitur als Studienvorrausetzung gerade abgeschafft wird. Und trotzdem absolute bzw. relative Chancenlosigkeit für Haupt- bzw. Realschüler.

    Über die zwar notwendige, aber komplett beschissen umgesetzte Angleichung der europ. Hochschulabschlüsse:
    -jedes Land kocht sein eigenes Süppchen
    -Umbenennung des Diploms in Master kurz vor Start des Prozesses (siehe Cicero, "studieren nach dem lego system")
    -trotzdem noch tausende nichtsbedeutende englische Abschlußbezeichnungen (Life-Sciences, etc.)
    -mal eben noch Studiengebühren einschieben
    -dafür Deutschlandstipendium, was nicht funktioniert
    -8 aktuell gültige Studienordnungen für ein Fach an einer Uni (z.B. Informatik)
    -Notenschranke von 2,5 für den Master (3,0 ist das neue Durchgefallen)
    -das deswegen bundesweit einheitlichliche, elektronische Einschreibesystem läuft immer noch nicht
    -gescheiterter Eliteuni Spaß
    -usw
    -usf

    hat man es geschafft neben der Ausbildung auch gleich noch das Studium zu diskreditieren.

    Ich glaub, ich bezahl nicht für eure Staatschulden!

  4. Der deutsche Michel hat sich begeistert auf die ganzen Bachelorstudien gestürzt, weil, da ist man ja hinterher Akademiker.

    Das böse Erwachen kam ein paar Jahre später als die Leute von den Personalabteilungen der Firmen bei denen sie sich beworben haben, plötzlich etwas ganz anderes gehört haben als bei den Werbeveranstaltungen der zu "Hochschulen für angewandte Physiotherapie" umfirmierten Krankengymnastikschulen.
    Da hieß es plötzlich nicht mehr "Sie sind dann Akademiker", sondern "Sie haben eine 3-jährige Ausbildung und Leute mit solchen Ausbildungen bekommen bei uns in Tarifgruppe 4 eingestellt (Bei Tarifgruppen 1 bis 8).

    Der Staat selbst hat da übrigens eine Tradition: das Studium an den Verwaltungsfachhochschulen (die heute natürlich auch alle "Hochschulen" sind (für irgendein Verwaltungsrecht), hat noch nie zum höheren Dienst befähigt, sondern immer nur zum gehobenen. (Was auch kein Wunder ist wenn man sich die Lehrpläne dieser 3-jährigen Studiengänge mal angesehen hat. Die Hälfte der Zeit bestand aus "Praktika" bei denen die Leute in irgendwelchen Ämtern als Aushilfe beschäftigt wurden).

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    • ZPH
    • 06. September 2013 8:21 Uhr

    man in dem Job ist. Master oder Bachelor oder gar Dr. ist dann irgendwann ziemlich egal. Nicht in jeder Firma und nicht in jedem Job, aber meistens ist das so. Der Staat ist da sehr viel formaler, da sieht man sehr viel mehr auf den Schein, sprich den Abschluss.

    Meiner Erfahrung nach ist die Ausbildung keine absolute Hürde, ich kenne auch zwei Leute die mit "normaler" Berufsausbildung AT geworden sind, aber das sind zwei von ein paar hundert.

    • ZPH
    • 06. September 2013 8:14 Uhr

    wieviele Akademiker gebraucht werden? Das entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik.

    7 Leserempfehlungen
    • Mari o
    • 06. September 2013 8:15 Uhr
    6. Bitte

    "Nicht jeder muss Lust darauf haben, komplizierte Texte zu lesen oder aus dem Lateinischen zu übersetzen. Und das ist doch auch nicht schlimm. Wieso soll man es abwerten, wenn jemand praktische oder künstlerische Talente an sich entdeckt und entwickelt? Unsere Schulen vernachlässigen das aber. Sie sind einseitig auf das Kognitive und die meist nur kurzfristige Wissensakkumulation orientiert, das Ästhetische, das Technische, das Soziale kommt zu kurz."
    Wer nicht denkt fliegt raus.Bedenkt das.Das gilt auch für Ästheten,Soziale,Techniker und Künstlerische. Wahrscheinlich bräuchte es eine aufgewertete Volkshochschule.Umsonst. Was nichts kostet ist nichts wert,wie gesagt wird.Jedenfalls sollte denken wieder die große Mode werden,wie zu Zeiten der Frankfurter Schule.usw.usf. Die war mal stilbildend
    was den Habitus betrifft.Denken war in.

    4 Leserempfehlungen
    • ZPH
    • 06. September 2013 8:21 Uhr

    man in dem Job ist. Master oder Bachelor oder gar Dr. ist dann irgendwann ziemlich egal. Nicht in jeder Firma und nicht in jedem Job, aber meistens ist das so. Der Staat ist da sehr viel formaler, da sieht man sehr viel mehr auf den Schein, sprich den Abschluss.

    2 Leserempfehlungen
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    Nicht als Einsteiger. Da weiss man ja gar nicht wie gut man ist, sondern kann nur eine Qualifikation in Form eines Abschlusses nachweisen.

    In den Anforderungen anderer Ausschreibungen läuft das wie folgt:

    "Hochschulabschluss" heisst "Hochschulabschluss"
    "Hochschulabschluss oder eine in der Praxis erworbene [blablabla]" heisst "Hochschulabschluss am liebsten, aber im niedrigen Entgelttarif"

  5. Der Versuch, Bildung und Universität der totalen Wirtschaftsdoktrin zu unterwerfen, ist gescheitert.

    Das BA/ MA-System bringt den Studierenden eine Verlängerung der Mindeststudienzeit um (mindestens) ein Jahr, ohne dass dadurch ein Zeitgewinn für eigene sinnvolle Beschäftigung mit den Inhalten des Studierten hinzugekommen wäre. Der Verwaltungsaufwand ist enorm gestiegen, und das ist auch für die Studierenden selbst nicht irrelevant - wer heute einen "Bachelor" abschließt und meint, er könne nahtlos den (inhaltlich passenden und von der Studienprogrammleitung auch genehmigten!) "Master" seiner oder ihrer Wahl studieren, irrt selbst bei exzellenten Noten und in unterbelegten Fächern - denn die Verwaltung benötigt mitunter Monate, um (1) das BA-Zeugnis auszustellen und "in Rechtskraft erwachsen" zu lassen und (2) den Antrag auf Zulassung zum (oft nicht konsekutiven, d.h. fachgleichen) MA-Studium zu bearbeiten. Zumindest an der Uni Wien sind vier Monate für dieses Prozedere normal und die Mindestdauer, die man dafür einkalkulieren muss.

    Die wenigsten Studierenden sind sich dessen bewusst - viele verlieren hierdurch ohne eigenes Verschulden ein weiteres halbes Jahr (da sie sich nach Ablauf der Nachfrist nicht mehr inskribieren dürfen - die Laufzeiten der Sachbearbeitung werden nicht berücksichtigt) und manche gar ihren Anspruch auf Beihilfen.

    Unklar ist mir dabei vor allem, wer die Nutznießer dieses Prozesses sind, wenn der BA zu allem Überdruss allg. nicht anerkannt wird.

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    Ihre Überlegung klingt plausibel, da ist sicher was dran. Doch frage ich mich, weshalb Deutschland diesen Deal miteingegangen ist - und hier ein funktionierendes Bildungssystem ohne Not heruntergewirtschaftet wird. Hat man in Deutschland nicht inzwischen genug Menschen, die im Prekariat leben? Muss man die Masse der Notleidenden durch Bakkalaurei und Bakkalaureae vergrößern, die mit auch größtenteils prekären Dienstverhältnissen nachgehen? War die Schaffung eines halbwegs gebildeten, meist maßlos überqualifizierten Heeres billiger Arbeitskräfte für sämtliche Branchen das Ziel?

    Fest steht, dass es einen ziemlich langen Atem braucht, um bis zum "Master" zu gelangen. Dass bürokratische Hürden und Gebrechen die Studienzeit fast all meiner Kommilitonen und Kommilitoninnen verlängert haben, zusätzlich zur ohnehin um mindestens ein Jahr länger gewordenen Gesamtstudienzeit. Das ist die Zeit, in der viele junge Menschen sich verschulden - sinnfreien Nebenjobs nachgehen, um ihren Lebensbedarf zu erwerben - um dann auf dem Zahnfleisch kriechend vielleicht den Master machen, oder in gewissen Fällen von den Unis trotz Studierwillig- und Notwendigkeit gar nicht erst zugelassen werden.

    Mag sein, dass es Fächer gibt, bei denen der BA weniger Schaden anrichtet - in den Geisteswissenschaften ist er erheblich. Die Situation in Österreich ist übrigens der in Deutschland mindestens vergleichbar, hier wurde die Wahlfreiheit im Studium bloß noch drastischer eingeschränkt.

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