Die ehrwürdige Stadt Bologna hat es nicht verdient, dass der größte Missgriff in der Geschichte der Universitätsreformen nach ihr benannt wird. Der Bologna-Prozess, den 29 europäische Bildungsminister vor 14 Jahren in Bologna beschlossen hatten, sah vor, dass 80 Prozent aller Studenten die Hochschule nach drei Jahren mit einem berufstauglichen Abschluss verlassen sollten.

Abgesehen davon, dass sich der auf Deutsch schrecklich klingende Bätscheler im Sprachgebrauch durchgesetzt hat, ist aus der Reform nichts geworden. Sie hat die oftmals mangelhaften Studienbedingungen nicht verbessert. 

Das Hamburger Abendblatt berichtete gestern von einem Streit zwischen der Hamburger Universität und der Wissenschaftsbehörde. Neuerdings hat er sich daran entzündet, dass 97 Bewerber um einen Master-Studiengang abgelehnt wurden. Es handelt sich dabei um Studenten, die das Lehramt anstreben.

Derselbe Staat, der einerseits den Bachelor mit dem Argument durchsetzen wollte, er qualifiziere für einen Beruf, besteht andererseits darauf, dass Lehramtskandidaten den Master machen.

Es gibt aber nicht genügend Plätze. Für ihre Vergabe, so sagt die Universität, seien allein die Noten entscheidend. Bei den Betroffenen, die Lehrer werden möchten, herrscht Verzweiflung, denn der Bachelor allein berechtigt zu gar nichts.

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin hat dieser Tage in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt: "Wir sollten den Akademisierungswahnsinn stoppen!" Er bezieht sich darauf, dass die Abiturientenquote inzwischen bei 50 Prozent eines Jahrgangs liegt. Verglichen mit den sechziger Jahren ist das eine Verfünffachung. Nida-Rümelin sagt sogar eine Quote bis zu 70 Prozent in manchen Großstädten voraus. 

Wer Abitur hat, will in der Regel studieren. Nida-Rümelin stellt die Frage: Benötigen wir so viele akademisch ausgebildete Menschen? Seine Antwort: nein. Wir brauchen nicht noch mehr Ärzte und Anwälte, sondern Handwerker und Facharbeiter, Pfleger und Erzieher.

Nun klingt die Frage, was wir benötigen, ein bisschen naiv. Die Wahl des Berufes ist jedermanns persönliches Recht. Und doch kann der Staat solche Prozesse steuern.

Er tut es ja auch, allerdings auf höchst widersprüchliche Weise. Einerseits wirkt er dem sinkenden Niveau der Schulen und Universitäten kaum entgegen. Es ist nämlich unwahrscheinlich, dass der Intelligenzquotient in diesem Land Jahr um Jahr zunimmt.

Andererseits gibt der Staat zu verstehen, dass er sparen muss und nicht alle, die studieren möchten, auch studieren sollen. Wenn aber eine Universität, wie das Hamburger Beispiel zeigt, Studenten nach Noten aussortiert, gibt es Krach.

Kurz: Es herrscht das vertraute Tohuwabohu, und Bologna hat daran nichts geändert. Weil wir keinen richtigen Bundesbildungsminister haben, sondern die Hoheit der Länder gilt, kann man auch niemanden zur Rechenschaft ziehen. 

Was aber Bologna betrifft: Die Stadt ist etwa 2.500 Jahre alt. Es wird sie noch geben, wenn niemand wer weiß, was der Bologna-Prozess einst war.