Rösler und die tazPaternalismus von Links

Philipp Rösler verweigerte der "taz" die Freigabe eines Interviews über Rassismus. Die Zeitung druckte daraufhin die Fragen. Trieb sie enttäuschte Liebe? von 

Zugegeben: Als Journalist und interessierter Bürger würde man gern mal einen Blick in Philipp Röslers Ordner mit Hassbriefen werfen. Von denen wird der Wirtschaftsminister einige haben. Und auch innerhalb seiner Partei gab es wenigstens einen öffentlichen Moment, in dem seine ethnische Herkunft ein Thema war. Als Rösler vergangenes Jahr innerhalb seiner Partei wegen schlechter Umfragewerte unter Druck geriet, sagte sein Parteifreund, der Fraktionschef Rainer Brüderle, in Anspielung auf ein Zitat von Rösler: "Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche."

Bambus gegen Eiche. Muss man da noch viel erklären?

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Es liegt deshalb nah, mit ihm über das Thema Diskriminierung und Rassismus zu sprechen, so wie die Redakteure von der taz dies allem Anschein nach versucht haben. Mal mit guten, wichtigen Fragen ("Was meinen Sie, brauchen wir in Deutschland eine breitere Debatte über Rassismus?"), mit vielleicht schmerzhaften und persönlichen Fragen ("Wann haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Sie anders aussehen als die meisten Kinder in Deutschland?"), und mal mit, pardon my french, hirnrissigen Fragen ("In Niedersachsen, wo Sie herkommen, wurden Sie häufig als 'der Chinese' bezeichnet. Ist das aus Ihrer Sicht Ausdruck von Hass oder Ressentiment?). Es wäre sicher interessant gewesen, die Antworten zu lesen.

Nur: Philipp Rösler hat sich dagegen entschieden, dem Druck eines Interviews zuzustimmen, das fast ausschließlich von seinen persönlichen Erfahrungen mit Rassismus handelt. Deshalb entschied sich die taz wiederum, nur die Fragen abzudrucken. An der Stelle der Antworten stehen verruchte Pünktchen, die wohl für Zensur und Einflussnahme auf die Medien stehen sollen. Für die Kollegen von der taz mag es ein absolutes Ärgernis sein, dass ein geführtes Interview mit vielleicht lesenswerten Antworten nicht freigegeben wurde – jeder Journalist wäre angefasst, wenn ihm so etwas passierte. Und man könnte auch durchaus darüber streiten, ob die von Zeitungen hingenommene Sitte der Autorisierung von Interviews noch zeitgemäß ist. Aber geschenkt, hier geht es um etwas anderes.

Eigentlich geht es um enttäuschte Liebe. Was wir in der Debatte zwischen Rösler und der taz erleben, ist ein Symbol der Abnabelung: zwischen Linken und Migranten. Der Entschluss der taz, Rösler vorzuführen, indem sie nur die Fragen abdruckt, erscheint wie die Rache eines Vaters, der begriffen hat, dass der Sohn doch nicht das Geschäft übernehmen, sondern Schauspieler werden will. Dabei weiß der Vater doch viel besser, was für den Sohn gut ist!

Der Deal war doch lange so: Die Rechten versuchen Ali zu paternalisieren, indem sie ihm sagen, dass er sich den Bart abrasieren und sich gefälligst anpassen soll. Hier waren die Fronten klar, mittlerweile bröckeln sie.

Mit manchen Linken ist es schwieriger. Sie paternalisieren Ali, indem sie Dankbarkeit erwarten – haben sie ihn doch immer getätschelt, ihn beschützt und waren immer total kultursensibel. Und plötzlich müssen sie mit ansehen, dass die Muslimin nicht sehnsüchtig darauf wartet, dass sie jemand befreit. Sie reißt sich das Kopftuch nicht herunter. Nicht jeder türkischstämmige Mann will sich von verkrusteten Männlichkeitsbildern verabschieden und wartet auf Hilfe. Plötzlich entdeckt man links, dass der Migrant nicht mehr in jeder Lebenslage beschützt oder befreit werden will. Er fühlt sich vielleicht als konservativer Knochen politisch woanders zu Hause, und er ist vielleicht auch nicht ständig traumatisiert von Diskriminierungserfahrungen. Der Deal funktioniert nicht mehr.

Dafür steht das verunglückte Interview mit Rösler. Der Migrant (egal, ob er sich selbst als einer betrachtet oder nicht), lehnt das einzigartige und überaus großzügige Angebot ab, von seinen Erfahrungen mit Rassismus zu sprechen. Über die wahren Gründe kann man spekulieren. Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es offiziell, das Interview habe "einen Aspekt in den Mittelpunkt" gerückt, "der im Leben Philipp Röslers keine wahrnehmbare Rolle spielt. Dies hat Philipp Rösler auch in allen seinen Antworten deutlich gemacht." Das kann man respektieren.                                

Oder aber 16 Fragen ohne Antworten abdrucken. Denn es kann ja wohl nicht sein, dass jemand seine möglichen Diskriminierungen für sich behält!

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Leserkommentare
  1. *lach* Tja, wäre mir nicht aufgefallen. In die TAZ habe ich gelegentlich immer mal einen Blick geworfen, aber die sind mir zu realitätsfremd. Um nicht zu sagen etwas zu weibisch.

    Nun, hier kann man sehen: Mein Eindruck täuscht mich nicht. TAZ ist beleidigt und dann kommt sowas bei raus. Peinlich. Peinlich.

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    Das ist ja spannend. Erlauben Sie mir die Frage: Was macht eine Zeitung denn weibisch?

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche, polemische Kommentare. Danke, die Redaktion/ff

    • gorgo
    • 12. September 2013 0:42 Uhr

    Hier geht es nicht um "enttäuschte Liebe" m.E., bitte die Interviewfragen und die dumme Rechtfertigung selbst zu lesen - die Fragen und ihre zack-zack immer wieder und fast ausschließlich zu unterstellen, dass Rösler "gehasst" werde wegen seines Aussehens - das ist einfach nur wi...lich
    http://blogs.taz.de/hausblog/2013/09/09/philipp-roesler-fragen-und-keine...

    "1. Kindisch
    "*lach* Tja, wäre mir nicht aufgefallen. In die TAZ habe ich gelegentlich immer mal einen Blick geworfen, aber die sind mir zu realitätsfremd. Um nicht zu sagen etwas zu weibisch.

    Nun, hier kann man sehen: Mein Eindruck täuscht mich nicht. TAZ ist beleidigt und dann kommt sowas bei raus. Peinlich. Peinlich."

    ...mit der Meinung stehen Sie nicht allein, siehe: http://m.youtube.com/watch?v=skY4nddl5q0&desktop_uri=%2Fwatch%3Fv%3DskY4...

    @ Frankfodderin
    Ich weiß ja nicht inwiefern bei Ihnen Aufklärung ein Stichwort ist aber eine Zeitung "weibisch" zu nennen, stößt bei mir als Schüler, auf sehr viel Unverständnis.
    Schade das immer noch in unserer Gesellschaft das Bild der Frau hinter dem Herd existiert und ebenso publiziert wird!

    Desweiteren bin ich TAZ Leser und fande das Interview sehr misslungen.
    Es ziehlte dabei auf persönlicher Eben auf Rösler und ging tief auf seine ausländischen Wurzeln ein. Dieser Form von Rassismus ist mir bei der TAZ neu und hat mich zutiefst verwundert.

    Dennoch muss ich die TAZ zum größten Teil in Schutz nehmen, da sie bei weitem mehr Hintergrund durchleutet als das man das vom gewöhnlichen Journalismus gewohnt ist.
    So far...

  2. das Interview denn gegeben und nicht abgebrochen? -

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke, die Redaktion/au

    Sache erfasst. Wieso nachhinein nicht genehmigen wo man doch vorher bedenklos die Fragen des taz-journalisten beantwortet hat ? Ich finde außerdem die Sache amüsant, dass nur die Fragen veröffentlicht werden. Auch wenn alle Leser neugierig sind auf die Antworten, ist der komplette Vorfall um die Nichtautorisierung einzigartig und durchaus unterhaltsam. Objektiv betrachtet leisten sich die Taz und P.Rösler einen Fauxpas. Wäre keine Wahlkampfphase, hätte Phillip Rösler mit ziemlicher Sicherheit das komplette Interview erlaubt. Die Verweigerung der Veröffentlichung hängt hauptsächlich von der strategischen Ausrichtung der FDP zusammen, die eine mögliche Gefahr eines Unmutes der Wähler vermeiden will und präventiv abzuwehren
    versucht.

    beim heutigen katastrophalen Zustand der Presselandschaft ist es ja völlig normal, dass man sich bei Journalistenfragen an den Kopf fasst was das soll, und dann, wenn man noch die Möglichkeit hat, die Veröffentlichung von solchen Quatsch noch verhindert.

    Kein normaler Mensch sollte sich auf ein Interview mit einem Journalisten einlassen ohne einen sauberen Vertrag, der ihm entweder ein Vetorecht, oder eine Kopie des gesamten Gesprächs samt dem Recht, dies notfalls selbst zu publizieren, oder ähnliche Möglichkeiten, sich gegen Manipulation zu verteidigen, garantiert.

    Nunja, anderen Zeitungen zufolge ging es 25 Minuten um ernste Wahlkampfthemen und nur 20 Minuten um sowas.

    Diese gekürzte Version mit 17 rassistischen Fragen und ~3 halbherzigen politischen war dann doch zu einseitig.

    • Time24
    • 12. September 2013 12:53 Uhr

    1. Vielleicht hat er gehofft, dass vielleicht mal noch vernünftige Fragen kommen ...

    2. Hat er sicher gedacht, in der Druckversion werden die von den zig "Rassismus-Fragen" schon einige weglassen, da es sonst albern wirkt.

    3. Hat er das Interview als Höflichkeit hinter sich gebracht. Aber seine PR-Berater werden hinterher geraten haben, das Interview nicht zu autorisieren. Sonst hätte jeder denken könnte: Warum hat der Rösler das mit sich machen lassen.

    Peinlich was die TAZ abgezogen hat. Bloß gut das die die Fragen veröffentlicht haben. So kann wenigsten jeder verstehen, dass Rösler zu Recht so gehandelt hat.

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jk

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  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen. Die Redaktion/au

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Behauptungen und Spekulationen. Danke, die Redaktion/jk

  5. ja mal regelrecht verbale Selbstbefriedigung betrieben.
    Ein Fall für Freud & Co..

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    >>Ein Fall für Freud & Co<<

    ... ist wohl eher der der obige Artikel mit seiner Küchenpsychologie:

    >>Der Entschluss der taz, Rösler vorzuführen, indem sie nur die Fragen abdruckt, erscheint wie die Rache eines Vaters, der begriffen hat, dass der Sohn doch nicht das Geschäft übernehmen, sondern Schauspieler werden will. Dabei weiß der Vater doch viel besser, was für den Sohn gut ist!<<

    Wie gut, das ZeitOnline weiß, was für die TAZ gut ist.

    Liest sich für mich irgendwie rachsüchtig der Artikel.

    Wobei ich die These vom "Paternalisieren Alis" von Links durchaus für diskussionswürdig halte. Dann aber bitte sachlich und nicht in einem solchen - schon fast hämischen - Zusammenhang einer scheinbaren Privatfehde zwischen dem Autor und der TAZ.

    Um mit #2 Pünktchen zu sprechen: "Warum hat Philipp Rösler das Interview denn gegeben und nicht abgebrochen?" Im nachhinein erst zu merken "Oh Gott, was habe ich da bloß gesagt" und das Gespräch dann nicht zu autorisieren, ist ziemlich albern und zeugt nicht gerade von Reife (wenn wir schon bei der Küchenpsychologie sind).

    • Machia
    • 11. September 2013 17:32 Uhr

    ist Roesler hat er durchaus ein anderen "rassischen" Hintergrund, jedoch hat er keine Migrationserfahrung. Er hatte und wird sicherlich noch immer rassistische Anfeindungen erdulden müssen, jedoch bleibt ihm wegen dem Wegfall der Bindung in sein Ursprungsland, keine andere Wahl als sich "Deutsch" zu fühlen.

    Eine Paternisierung bzw. Bemuuterung durch die TAZ, ist meineserachtens eine zu verharmlosende Bezeichnung für diese Herabwürdigung. Man kann den Autoren der TAZ bzw. der Chefredaktion durchaus Rassismus unterstellen, andernfalls würde Sie den Vorsitzenden einer Regierungspartei zwei Wochen vor der Wahl nicht nur auf sein äusseres Erscheinung reduzieren.

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    Und in dem Zusammenhang dann noch die Frechheit zu besitzen, mit Platzhaltern zu suggerieren, er habe finstere gemeine Dinge von sich gegeben, die er unbedingt im Dunkeln lassen will, zeugt von einer noch viel erheblicheren Ignoranz. Es ist schlicht diffamierend und das offensichtlich auch noch ganz bewusst. Das ist für mich nahe eines Bruchs mit der Verantwortung, die im Journalismus einfach übernommen werden muss und mit der Pressefreiheit einher geht. Das sieht man nicht nur rassistische Einstellungen der Redaktion sondern fragwürdige Einstellungen zur Pressearbeit, um persönliche Rechnungen begleichen zu wollen. Das kennt man nur von der 'Zeitung' gegenüber.

    Allerdings würde ich nicht mit der etwas engstirnigen Dichtomisierung von Links und Rechts argumentieren, denn die taz ist nicht 'Das Linke'. Sonst würde die taz mich nicht zwingen, für Rösler Partei zu ergreifen, was für mich persönlich wahrscheinlich so etwas wie eine Premiere sein sollte.

    • lxththf
    • 11. September 2013 20:24 Uhr

    Rösler sieht anders aus, hat einen Migrationshintergrund und ist Vizekanzler. Man kann die Scheuklappen aufsetzen und so tun, als ob es keinen Rassismus gäbe, aber gerade hier wäre eine Möglichkeit gewesen, über dieses gesellschaftliche relevante Thema zu sprechen, Mut zu machen, offen zu reden. Es hat also wenig mit Reduktion zu tun, wenn man die Fragen stellt, die den Menschen Rösler besser vorstellen und beschreiben. Das ist eines der Grundprobleme. Politiker sind immer nur diese Personen im Fernsehen, aber gerne wird übersehen, dass dahinter Menschen stehen mit Sorgen und Problemen und es würde mich zutiefst überraschen, wenn Rösler nicht mit Rassismus zu kämpfen hatte und die Frage, warum man die Äußerungen Brüderles verharmlost ist berechtigt. Das war niedrigstes Niveau und einer liberalen Meinung unwürdig.
    Den Redakteurinnen der taz Rassismus vorzuwerfen, weil Sie ein Interview mit Rösler führen welches unter dem Motto "Hass" steht und dann nach seinen rassistischen Erfahrungen etc. fragen ist bei näherer Betrachtung des Interviews, also schlicht eine logische Konsequenz.

  6. ... aber Ihr Griff in die Klischeekiste ("Bambus" gegen Eiche) macht mich absolut sprachlos.

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    ...mitbekommen, dass die Verfasserin einen Ausspruch Rainer Brüderles zitierte? Erst lesen, dann empören.

    Achtung! Rainer Brüderle* wird an dieser Stelle absichtlich von TAZ, Zeit etc. aus dem Kontext gerissen zitiert. Vor Brüderles Eichenzitat äußerte Rösler folgendes:

    Hinwerfen will er nicht. "Der Bambus wiegt sich im Wind und biegt sich im Sturm", hat er mal gesagt. "Aber er bricht nicht."

    Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/fdp-nach-der-nrw-wahl-roeslers-bambus...

    Jetzt ist das ganze nicht mehr so rassistisch, zumal sich Rösler selbst das Symbol des Bambus zugeschrieben hat!

    * so sehr ich ihn verachte

    Wenn sie ihre Artikel nur halb so aufmerksam lesen würden wie sie sie schätzen, hätten sie sich diesen Kommentar sparen können.

    Bemerkenswert ist aber der Satz, den Brüderle hinterhergeschoben hat: "Deswegen ist die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr." (http://www.faz.net/themenarchiv/politik/wahl-in-nordrhein-westfalen-2012...)

    In meinen Ohren klingt das ziemlich rassistisch.

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