Kolumne Wir AmisRaab, Retter des Qualitätsfernsehens

Persönliches Interesse statt gespielte Ernsthaftigkeit. Stefan Raabs Moderation beim TV-Duell zeigt: Die Öffentlich-Rechtlichen haben kein Monopol mehr auf Seriosität. von 

Da muss sogar Anne Will lachen: Ihr Komoderator Stefan Raab fragt Peer Steinbrück unter anderem, ob er unbedingt "King of Kotelett" sein müsse.

Da muss sogar Anne Will lachen: Ihr Komoderator Stefan Raab fragt Peer Steinbrück unter anderem, ob er unbedingt "King of Kotelett" sein müsse.  |  © Sean Gallup/Getty Images

In dem Moment, als Stefan Raab im gestrigen Fernsehduell Merkel/Steinbrück das Wort "Wahl-O-Mat" in den Mund nahm, wusste ich, dass sich seit Tutti Frutti im deutschen Fernsehen endlich wieder mal etwas getan hatte.

Viele Menschen in Deutschland würden nicht mit mir übereinstimmen: Sie sehen seit der Geburt des Privatfernsehens eher einen kontinuierlichen Rückgang des seriösen Qualitätsfernsehens. Heute gebe es auf allen Kanälen nur noch Verblödung, die Politik zu einer inhaltsleeren Show macht.

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Doch da irren sie sich: Fernsehen in Deutschland war zwar schon gelegentlich seriös, aber nie gut. Im Gegenteil: Seriosität war meist nur ein billiger Ersatz für Qualität – Tatort war noch nie spannend, nur gemächlich; Wetten dass...? nie etwas anderes als eine Freakshow im Gewand großer Unterhaltung, auch die intelligentesten Polittalkshows waren vor allem Bühnen für ihre Akteure. Die Nachrichtensendungen waren zwar besser als die der Privaten, aber nur, weil diese sich lange Zeit keine Mühe gaben.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Und deutsche Politik? Die war, seien wir ehrlich, immer Show. Warum auch nicht? Wir leben in einer Demokratie, in der man die Masse erreichen muss: Daher muss sie Show sein. Der vermutlich erste Politiker der Welt, der Zeichentrickcartoons in seinen Fernsehwerbespots einsetzte, um dem Volk seine Politik zu erklären, war Adenauer.

Merkels stärkste Aussagen: ihr Lächeln und ihre Kette

Im gestrigen Fernsehduell waren Merkels stärkste Aussagen ihr Lächeln und die Tatsache, dass sie eine schwarz-rot-goldene Kette trug; Steinbrücks schwächste Leistungen waren sein Lächeln und, dass er nirgends am Körper Schwarz-Rot-Gold trug. Ich dachte schon, der arme Mann würde irgendwann völlig im Bluescreen verschwinden. Nur weil deutsche Politiker nicht wissen, wie man eine gute Show macht, heißt das nicht, dass sie es nicht versuchten.

Jahrelang lebte das deutsche Fernsehen davon, so zu tun, als sei es seriös: Programmgestalter und Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Programms durften von sich glauben, ohne dass jemand widersprach, sie würden Kultur und gehobenen politischen Dialog ausstrahlen beziehungsweise konsumieren. Erst das Privatfernsehen stellte diesen Anspruch infrage: Mit Trash-TV zog die Demokratie in die deutsche Fernsehlandschaft ein.

Ob dadaistisch-sinnlose Sendungen von und mit Hugo Egon Balder oder die Nachmittagstalkshows, in denen Frauen die Väter ihrer Kinder suchten, bis hin zum Genie des deutschen Fernsehens Dieter Bohlen, plötzlich waren die armen Unterschichten von dem Zwang befreit, das Fernsehen der Bildungsbürger mitschauen zu müssen.

Das war der erste Schritt. Solange die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten streng getrennt blieben, konnte man sich jedoch immer noch einbilden, einer der beiden mache Qualität. 

Leserkommentare
  1. ... ist dafür bekannt, dass er alles, was er anfängt, gut macht und sich entsprechend vorbereitet. Hat irgendjemand geglaubt, er würde sich eine solche Chance entgehen lassen? Ich finde es toll, dass er sich auch auf diese Schiene wagt und wenn er einen Teil seiner Zielgruppe erreicht und diese Leute anfangen, sich für Politik zu interessieren, ist viel gewonnen. Ich kann mich dem Kommentar nur anschließen.

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    Blöd war Raab's Frage hinsichtlich der PKW-Maut nicht. Merkel kam ins Schwimmen, als Steinbrück nachsetzte. Und dann blieb ihr keine Wahl: sie musste Horst Seehofer in die Pfanne hauen. Seehofer dürfte in München gekocht haben, dass Merkel ihm in die Parade fuhr.

    Interessanter Weise hat keiner der anderen Moderatoren es gewagt, Merkel eine solche Frage zu stellen. Denen steckt das Exzempel, das Roland Koch an Nikolaus Brender statuierte sichtbar immer noch in den Knochen.

    Also ich kann es nicht verstehen, dass die Medien jetzt jemanden so hypen, der ein paar zurecht gelegte Fragen gestellt hat und dann auch zeitweise noch unhöflich (ins Wort fallen) war. Mit richtigem Nachhaken hatte das nichts zu tun.....

  2. gestern abend.

    Bis ich dann gemerkt habe, wer den Unsinn über Raab geschrieben hat: mein alter amerikanischer Freund mit dem Boxhandschuh.

    Da habe ich aufgehört, mich zu wundern.

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  3. arbeitet Peter Kloeppel im öffentlich rechtlichen Fernsehn???

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    in dem Bericht.

  4. Raab, Illner und Klöppel waren eine gute Mischung. Mehr Raab wäre zuviel gewesen, weniger wäre zu dröge geworden.

    Einzig Anne Will passte nicht in das Trio. Zuviele Köche.

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  5. yo

    Anmerkung: bitte beteiligen Sie sich argumentativ an der Diskussion. Danke, die Redaktion/jp

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  6. derlei Auftritte sind eine Bakrotterklärung der Politik.

    Wir brauchen in politischen Ämtern keine Schauspieler, bei denen gezählt wird, wie oft und warum sie grade irgendwie gucken, bei denen protokolliert wird, wer denn der Modischste war oder wie oft Äh gesagt wurde in welchen Abständen.

    Und wir brauchen auch keine Wähler, die offenbar als Kernaussage solcher Veranstaltungen die Halskette der Kandidatin ansehen und diese Erkenntnis dann tausendfach in die Welt hinaustwittern.

    Unter diesen Voraussetzungen muss man tatsächlich den Sinn von Wahlen - ja der Demokratie als Ganzes - in Frage stellen. Bei so herangezüchteten Politikern braucht man sich über Vieles nicht mehr zu wundern.

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    "Und wir brauchen auch keine Wähler, die offenbar als Kernaussage solcher Veranstaltungen die Halskette der Kandidatin ansehen und diese Erkenntnis dann tausendfach in die Welt hinaustwittern."

    Ich finde auch, dass man bei den Bürgern vor der Wahl erst mal einen IQ-Test macht, nachfragt, ob sie lieber Bravo, Brigitte, In-Style, Spiegel, Stern oder die Zeit lesen und man Wahlscheine erst nach Abgabe eines 3-seitigen Gesinnungsaufsatzes verteilt, bei dem die Wähler klar darlegen müssen, warum sie sich für Politik interessieren, was ihnen an der Politik und an den Politikern wichtig ist und warum sie demütigst darum bitten, wählen gehen zu dürfen. Dass der dumme Pöbel wählen darf und das Wahlrecht nicht auf das Bürgertum und den Adel beschränkt blieb, war sowieso eine ziemlich dämliche Idee.

    Und: Willkommen im 21. Jahrhundert!

    Eine bedenkliche Aussage, wenn man so leichtfertig bestimmte Menschen von der Wahl ausschliessen will, nur weil sie nicht den kruden Idealvorstellungen von "guten Wählern" oder "guten Politikern" entsprechen. Wahlen sind für alle da, nicht nur für die, die vermeintlich "das Richtige" wählen.

    • Cioban
    • 02. September 2013 11:43 Uhr

    "Wir brauchen in politischen Ämtern keine Schauspieler....

    Und wir brauchen auch keine Wähler, die ... die Halskette der Kandidatin ansehen und ...in die Welt hinaustwittern"

    Richtig, brauchen wir eigentlich nicht.

    Haben wir aber.

    Und je länger ich dem zusehe,
    desto mehr fürchte ich,
    dass das das wahre Wesen der Demokratie im 21.Jhdt. ist.

    verdammter Unsinn.Die Wähler wollen genau das, was ihnen serviert wird. Wie sonst ist die Beliebtheit von Merkel zu erklären.

    Das Fernsehen ist ein Medium, wie die Zeitung oder das Radio.
    Man kann nunmal nicht zu jeder Debatte nach Berlin fahren, also muss man im Fernsehen zeigen was die Politiker in einer sachlichen Diskussion können.
    Man könnte auch das visuelle weglassen und es im Radio ausstrahlen, aber ich bezweifle das es heute noch Leute gibt die im Kreis vor einem Radio sitzen.
    Und Zeitung? Bei einer 90 minütigen Diskussion würde das Produkt dicker sein, als die Bibel.

    Schon zu Kaiserszeiten haben sich Politiker einem Medium bedient um dem Volk etwas mitzuteilen, und nun soll das überholt sein?
    Mit dem Farbfernsehen kamen nunmal Möglichkeiten, auch die Mode, Gestik und Auftreten des Kandidaten zu bewerten.

    Die Zeiten Adenauers, wo 2-4 Männer, grau und steif um die Fragen herumgeschlichten sind, sind längst vorbei.
    Die Politik und Politiker im Umgang mit den Medien verändern sich, in 2 Jahren kann man mit Google-Glas sicher ein Tag mit Frau Merkel via Live-Stream verbringen.

    • Capo321
    • 03. September 2013 16:19 Uhr

    ... arrogant was sie da so ablassen.

    "Wir brauchen in politischen Ämtern keine Schauspieler"

    Noch weniger brauchen wir aber jemand, der/die nicht kurz und bündig erklären kann, warum er/sie zu wählen ist. Leute die endlos schwafeln, sodass ihn/sie nur noch Experten verstehen, braucht keiner. Was da rauskommt sieht man bei der Bankenrettung.

    "Und wir brauchen auch keine Wähler, die offenbar als Kernaussage solcher Veranstaltungen die Halskette der Kandidatin ansehen und diese Erkenntnis dann tausendfach in die Welt hinaustwittern"

    Aber Menschen, die glauben, in anderthalb Stunden ließe sich eines der angesetzten Themen ansatzweise in gebührender Tiefe erörtern, brauchen wir dringend, ja?

    "Unter diesen Voraussetzungen muss man tatsächlich den Sinn von Wahlen - ja der Demokratie als Ganzes - in Frage stellen. Bei so herangezüchteten Politikern braucht man sich über Vieles nicht mehr zu wundern."

    Nur weil das Wahlvolk nicht ihren intellektuellen Ansprüchen genügt, bedeutet das nicht, dass es sinnvoll ist ihnen die Wahl abzusprechen. Warum auch ungebildete Menschen wählen sollen, entnehmen sie bitte dem Geschichtsbuch ihres Vertrauens. Alternativ können sie auch Staaten analysieren, die noch mehr durch eine Elite gesteuert werden. Besonderes Augenmerk darf hier auf Rechtsstaatlichkeit, mafiöse Strukturen und Erhaltungsstrategien gelegt werden.

    • Dr.Um
    • 02. September 2013 9:46 Uhr

    Es gab doch im Wesentlichen kaum Antworten auf die Fragen. Insbesondere Frau M. hat doch auf Fragen, die sie nicht hören wollte, irgendwas mit Arbeitsplätzen geantwortet. Noch unhöflicher fand ich den Ansatz, die Fragen der Moderatoren als nicht zielführend zu charakterisieren, um sich dann selbst eine Wohlfühlfrage zu stellen und die zu beantworten. Sie mögen ja beide keine Rhetoriker sein, aber der Stil der Antworten (oder präziser, der Reaktionen) war doch für Gesprächspartnern des Kalibers von Respektlosigkeit und Geringschätzung den Fragenden sowie dem Wahlvolk gegenüber geprägt.

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    • bnt
    • 02. September 2013 9:47 Uhr

    [...]
    Bezüglich Herrn Raab muss ich Ihnen aber ausnahmsweise mal recht geben, seine Anwesenheit im TV Duell hat diese Veranstaltung durchaus bereichert, auch wenn Kopfnuss Klöppel das mit seiner stocksteifen Käsigkeit wieder wettgemacht hat. Was ich an Raab wirklich schätze, ist seine pragmatische Respektlosigkeit. Dass er mit Butter bei die Fische vor allem ganz gut mit Steinbrück klar kam, während Mutti ihn eher abgewatscht hat, mag was mit kultureller Kompatibilität zu tun haben.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

    7 Leserempfehlungen
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    Ja, Stefan Raab hat das Duell etwas lebendiger gestaltet, aber wie viele andere hat er diese nervigen Fussballmetaphern verwendet und das schlimmste dabei; Er hat gesagt, dass er Steinbrück vielleicht wählen würde, wenn dieser sich mannschaftsdienlich wie Oliver Kahn verhalten würde. Oliver Kahn, unser "grosses Vorbild", der mit Werbekampagnen für Wettanbieter nun wirklich alle Sympathien verspielt hat.

    • bnt
    • 02. September 2013 10:57 Uhr

    Entfernt. Kritik an Moderationsentscheidungen richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/sam

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