Die Deutschen, so soll Lenin gespottet haben, würden eine Bahnsteigkarte kaufen, bevor sie einen Bahnhof stürmten. Bahnsteigkarten gibt es nicht mehr, doch die Lust, Vorschriften zu befolgen oder gar neue herbeizuwünschen, scheint ungebrochen.

Einer neuen Umfrage zufolge wollen 64 Prozent aller Deutschen ein Verbot ungesunder Lebensmittel, 59 Prozent ein Verbot von Gewaltdarstellungen in Computerspielen oder Filmen und 32 Prozent ein Verbot von Pornografie. Weitere Verbotswünsche betreffen große Parteispenden, das Glücksspiel und den Verkauf von Schnaps.

Man findet die Zahlen in einer Erhebung des John-Stuart-Mill-Instituts für Freiheitsforschung. Was immer von dem dort ermittelten Freiheitsindex wissenschaftlich zu halten ist: Es scheint klar zu sein, dass die Freiheit unter den Deutschen kein übermäßiges Ansehen genießt.

Unbestreitbar gibt es in diesem Land unerfreuliche Dinge. Ob Glücksspiel und Alkohol dazu gehören, ist natürlich Ansichtssache. Aber würden solche Unerfreulichkeiten durch ein Verbot beseitigt? Natürlich ist Gesundheit ein hohes Gut. Doch würde sie durch ein Verbot ungesunder Lebensmittel wie vielleicht Chips oder Kinderschokolade befördert?

Viele sehen im Staat eine Tugendbehörde, die das Gute erzwingen und das Schlechte verbieten soll. Das ist nicht nur ein deutsches Missverständnis. Man weiß, was das Alkoholverbot, die Prohibition, in den USA von 1919 bis 1933 bewirkt hat: die rasante Ausbreitung der Bandenkriminalität. Und es gäbe gute Gründe, das Verbot harter Drogen abzuschaffen. Dadurch würde der Drogenmafia, die ganze Länder ruiniert, der Boden entzogen.

Das wäre ein riskanter, vielleicht unerlaubter Schritt. Unwahrscheinlich ist er sowieso. Aber die Erfahrung lehrt, dass jedes Verbot zu seiner Übertretung einlädt. Um es durchzusetzen, muss der Staat Kontrollorgane schaffen. Jedes Verbot vergrößert folglich den staatlichen Anteil an der Verfasstheit eines Landes und vermindert den gesellschaftlichen.

Es ist seltsam: Trotz ihrer üblen Erfahrungen mit Diktaturen vertrauen viele Deutsche noch immer lieber dem Staat als der eigenen Initiative. Das zeigt eine Allensbach-Umfrage für die FAZ, veröffentlicht am 27. November. 42 Prozent der Ostdeutschen und 36 Prozent der Westdeutschen glauben, dass sie in einer stärker vom Staat kontrollierten Ökonomie besser dran wären. Der Sozialismus ist ein Wiedergänger, da hilft kein Exorzismus. 

Sicherheit, Gleichheit, Gerechtigkeit stehen auf der Wunschliste obenan. Das kann man gut verstehen. Im idealen Staat muss niemand seine Türen verschließen und niemand muss betteln. Eines der folgenreichsten Experimente der Menschheit, die Französische Revolution, hat jedoch hinreichend gezeigt, dass Liberté und Egalité ein Gegensatzpaar sind. Die totale Durchsetzung der Gleichheit führte zum totalen Terror.

Warum wird die Freiheit so wenig geschätzt? Erstens, weil sie uns selbstverständlich ist. Was man schon lange besitzt und wofür man selber nicht gekämpft hat, hat keinen hohen Wert. Zweitens: Nur wer die materiellen und geistigen Voraussetzungen hat, kann die Freiheit nutzen.