Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe November 2013, www.nationalgeographic.de

Da ist diese Stadt der Kunst. Etwa zehn Millionen Menschen leben in der Stadt, und jedes Jahr steigt Kinshasas Einwohnerzahl um eine weitere halbe Million. Wie sie alle überleben werden, weiß niemand. Die Stadt ist alles andere als eine Kornkammer. "In Amerika", erklärt ein erfahrener Entwicklungshelfer in Kinshasa die Situation, "kann man eine Kalorie billiger kaufen als hier. Dies ist eine der am stärksten unterernährten Bevölkerungen Afrikas, wenn nicht der ganzen Welt." Das gesamte Wasser der Stadt kommt aus dem Kongo und seinen Nebenflüssen. Und da hinein fließt auch das gesamte Abwasser. Das Schulgeld ist für die meisten kinois unerschwinglich. Obwohl Kinshasa die Hauptstadt des zweitgrößten afrikanischen Landes ist, grenzt es an ein Wunder, dass sie überhaupt funktioniert. Jedes Ministerium muss sich, wie es ein amerikanischer Beamter taktvoll ausdrückt, "im Prinzip selbst finanzieren" – was im Klartext heißt: Das Geld, das es zur Verfügung hat, stammt aus Bestechung und Erpressung."


Es wäre wohl normal, bei dieser Kollision von wuchernder Armut und staatlichem Versagen anarchische Zustände zu erwarten. Doch der westliche Glaube an Institutionen spielt in dieser planlosen Mischung aus Metropole und Dorf überhaupt keine Rolle.

Ich besuche einen einheimischen Autor. Er hat einmal über seine Heimatstadt geschrieben: "Kinshasa ist eine Stadt, in der Studenten nicht studieren, Arbeiter nicht arbeiten, Verwalter nicht verwalten." Der Name des Autors ist Yoka Lye Mudaba, seines Zeichens Generaldirektor der Nationalen Kunsthochschule von Kinshasa.
Yoka Lye Mudaba beschreibt damit genau das, was künstlerische Sensibilität ausmacht. "Künstler verlassen sich bekanntermaßen nicht auf den Staat", sagt er. "Ihre Kunst ist eine Form des Widerstands gegen die tägliche Krise und auch ein Mittel zum Träumen. Ihre Leidenschaft spornt sie zur Kreativität an – und Leidenschaft hat eben zwei Bedeutungen: Leiden und Begeisterung."

Ich treffe Freddy Tsimba, der mit einem Schweißbrenner eine Machete an die komplett aus Löffeln geformte Skulptur einer schwangeren Frau schweißt. Die Skulptur, erklärt mir Tsimba, symbolisiere die massenhaften Vergewaltigungen im Osten des Kongo. "Siehst du, die Frau hält den Arm ausgestreckt", sagt er. "Sie schützt das Kind in ihrem Bauch. Sie kämpft gegen den Soldaten. Sie tut, was sie kann. Die Machete steht natürlich für Macht und Gewalt."
"Fragen dich die Leute, warum du nicht auch mal positive Kunstwerke machst?"
Tsimba lacht. "Den älteren Künstlern – denen, die tanzende Frauen mit großen Hintern malen und Leute, die trinken – gefällt das natürlich nicht. Aber die Mehrheit der Kongolesen leidet, und das stelle ich dar. Ich will mich den Behörden nicht anbiedern. Ich konzentriere mich lieber auf das, was real ist."
"1998 habe ich eine schwangere Frau aus dem Ostkongo kennengelernt. Sie war vergewaltigt worden", erzählt Tsimba. "Ich habe sie gefragt, ob sie das Kind behalten will. Sie hat gesagt: ‹Ja, es ist doch unschuldig.› Das hat mich inspiriert. Ich habe ihr die Skulptur gezeigt, als sie fertig war. Sie war aufgeregt, geradezu begeistert, dass jemand der Welt ihre Geschichte erzählt. Sie hat gesagt, ‹Ja, genau so war das, so habe ich gelitten.› Ich habe die Skulptur verkauft und mit dem Geld Krankenhaus und Kleidung bezahlt, damit sie und ihr Baby nach Goma zurückkehren konnten."

Eines Abends treffe ich mich mit Tsimba im Porte Rouge, einem Club in Matonge, um mir die Hausband Basokin anzuhören. Die Bandmitglieder, alles Männer, kommen auf die Bühne: drei Sänger, zwei E-Gitarristen, ein Bassgitarrist, drei Tomtom-Spieler und ein Schlagzeuger.
Die Musik selbst, sagt mir der Sänger, soll das Übersinnliche heraufbeschwören – das Substrat der Songye-Spiritualität, voller Hexerei und Totenverehrung. "Wenn die Tänzerinnen dazu- kommen und wir improvisieren, ist es eine Mischung der Kräfte", sagt er. "Wir wenden uns an die verstorbenen Songye-Ältesten. Als wären wir wieder in unseren Dörfern und würden mit den Toten sprechen. Sie hören uns zu."

Über die Magie dieser Stadt kann man auch zu sehr ins Schwärmen geraten – wie der Autor Yoka Lye Mudaba, der ein Kinshasa heraufbeschwört, das "sexy und unberechenbar ist wie eine Frau", eine Landschaft von "Steineklopfern und Überlebenskünstlern, die dem Unglück mit einem Lächeln begegnen, es auf ihre eigene Art nehmen, mit Humor und Satire". Doch auch der Autor gibt zu, dass das "informelle System" weit entfernt ist vom Ideal. "Ich entschuldige mich nicht für unsere Stadt", sagt er. "Wir leben in der modernen Zeit, und es gibt moderne Standards, an die wir uns anpassen müssen."

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