Der Erste Weltkrieg war nicht unvermeidlich. Die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie ihn der amerikanische Diplomat George F. Kennan nannte, war das Ergebnis eines beispiellosen politischen Versagens. Wie die Akteure auf beiden Seiten der Front im Sommer 1914 in einen Krieg stolperten, den eigentlich keiner wollte, das schildert Christopher Clark in seinem Bestseller Die Schlafwandler. Die Entscheidungsträger hatten durchaus Optionen. Aber sie waren überzeugt, unter Zwang zu handeln. Herfried Münkler, der nun ein monumentales Buch über den Großen Krieg veröffentlicht, spricht von einer "Fatalismusfalle". Europas Politiker glaubten, dass es irgendwann ohnehin zum Krieg kommen würde. Deshalb folgte ihr Handeln den Mustern einer self-fulfilling prophecy. Dieser Mangel an Mut und Fantasie kostete 20 Millionen Menschen das Leben.

Lange Zeit war der Erste Weltkrieg ein Gegenstand leidenschaftlicher Debatten. So löste der Hamburger Historiker Fritz Fischer 1961 mit seinem Buch Griff nach der Weltmacht eine Kontroverse aus, die bis heute nachwirkt. Deutschland, behauptete Fischer, habe systematisch auf einen Krieg hingearbeitet. In dieser Interpretation erschien der Erste Weltkrieg bloß noch als Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg, als Ausgangspunkt – so Münkler – "einer Erzählung von deutscher Hybris und deutscher Schuld". Der These von der deutschen Kriegsschuld widerspricht Münkler – und liegt damit ganz auf einer Linie mit Clark. Säbelrasselnder Militarismus war zu Beginn des 20. Jahrhunderts keineswegs ein deutscher Sonderweg. Russland hatte ein größeres Heer, Frankreich einen höheren Anteil an eingezogenen Wehrpflichtigen. Als der Krieg begann, war Deutschland nur schlecht auf ihn vorbereitet. Es gab weder ausreichende Munitionsvorräte noch genug Truppen für eine Offensive.

Verhängnisvoll war etwas anderes: die deutschen Niedergangsängste und Einkreisungsobsessionen. Das Wilhelminische Kaiserreich sah sich von Feinden umstellt und fürchtete einen Zweifrontenkrieg. Den Ausweg aus dem Bedrohungsszenario suchte es in einer offensiven Militärstrategie. Der bereits in den 1880er Jahren entwickelte, nach dem Generalstabschef benannte Schlieffen-Plan sah vor, dass das Deutsche Reich seine Hauptkräfte zunächst gegen Frankreich wenden und es besiegen sollte, um anschließend den Kampf gegen Russland aufzunehmen. Militärisch waren diese Planungen stimmig, politisch beruhten sie allerdings auf der irrigen Annahme, dass Großbritannien tatenlos zusehen würde, wenn Deutschland versuchen würde, zur Vormacht auf dem Kontinent aufzusteigen.

Deutsche Truppen überschritten am 4. August 1914 die belgische Grenze, laut Plan sollten sie innerhalb von einer Woche bis nach Frankreich vorstoßen. Großbritannien reagierte auf die Verletzung der belgischen Neutralität mit dem Kriegseintritt an der Seite von Frankreich und Russland. Enttäuscht wurden die deutschen Hoffnungen, dass Belgien weitgehend auf Widerstand verzichten würde. Der deutsche Angriff stockte bereits an der Festung Lüttich, die erbittert verteidigt wurde. Später kam es immer wieder zu Gefechten mit kleinen belgischen Einheiten, die aus dem Hinterhalt angriffen.

Die belgischen Soldaten trugen seltsame Uniformen, zu denen zylinderartige Hüte gehörten. Sie konnten leicht für bewaffnete Zivilisten gehalten werden. Die deutschen Soldaten fürchteten, in einen Partisanenkrieg zu geraten und stellten die vermeintlichen Heckenschützen an die Wand. In vielen Städten kam es zu Gewaltexzessen gegenüber der Zivilbevölkerung. Berichte über die Kriegsgräuel führten zu weltweiter Empörung. Den Krieg der Bilder und Worte, konstatiert Münkler, hatte Deutschland bereits im Herbst 1914 verloren.

Der Große Krieg ist – man glaubt es kaum – die erste umfassende Studie über den Ersten Weltkrieg, die in Deutschland seit 1968 herauskommt. Münkler erzählt lebendig und höchst anschaulich, wobei die Perspektive ständig zwischen "oben" und "unten", den Plänen der Generäle und den Erlebnissen der einfachen Soldaten wechselt. Wenn er die Kämpfe beschreibt, dann benutzt er durchaus Begriffe wie "Mut" und "Tapferkeit", aber das heißt nicht, dass er die Leistungen der Soldaten heroisieren würde. Verdun, wo auf einem etwa 300 Quadratkilometer großen Schlachtfeld 320.000 Franzosen und 280.000 Deutsche starben, nennt er ein "Symbol der Sinnlosigkeit des Krieges insgesamt und eines menschenverachtenden Zynismus insbesondere der deutschen Seite".

Als das Kaiserreich im September 1914 die Schlacht an der Marne verloren hatte, war klar, dass der Schlieffen-Plan gescheitert war. "Welche Ströme von Blut sind schon geflossen (...), mich überkommt oft ein Grauen", schrieb Generalstabschef Helmuth von Moltke, der bald darauf abgelöst werden sollte, in einem Brief an seine Frau. Auf den festgefahrenen Krieg folgten Entscheidungsschlachten ohne Entscheidung. Nachdem sich 1915 auf beiden Seiten der Front Erschöpfung breitmachte, wäre es an der Zeit gewesen, nach Möglichkeiten zur Beendigung der Kampfhandlungen zu suchen. Doch die Propaganda setzte weiter auf einen "Siegfrieden". Der Krieg, urteilt Münkler, wurde "auch darum weitergeführt, weil sich die Politiker vor Auseinandersetzungen im Inneren fürchteten".