Youtube-Hype : Oh Baby, sei doch glücklich

Ein altes Poetry-Slam-Video verstopft gerade die sozialen Medien. Die 21-jährige Julia Engelmann hat mit ihrer larmoyanten Zukunftsangst offenbar einen Nerv getroffen.

Vor ein paar Wochen erschien ein bemerkenswerter Fernsehspot. Fast unbeachtet lief er im abendlichen Werbeblock, wo sonst Musterfamilien mit entgrenzter Munterkeit den neuen Mittelklassewagen bejubeln und androide Dominas uns kreischend zum Kauf von Flachbildfernsehern animieren. Es war der Spot einer Baumarktkette, man sah einen gekrümmten Mann vor einer Wendeltreppe, am Ende wurde das Bild schwarz wie eine Todesanzeige, dazu der Slogan: "Was bleibt von dir?" 

Natürlich kann man es zunächst obszön finden, Reklame für Werkzeug und Schmirgelpapier mit Memento-Mori-Tiefsinn zu unterkellern. Man muss allerdings nicht besonders zartfühlend sein, um dabei trotzdem kurz zu erschaudern. Schließlich berührte die Werbung eine archaische Sehnsucht des Menschen: die Hoffnung auf etwas Ewigkeitsanspruch. Auf Geschichten, die man am Ende jemandem erzählen kann.

Ein paar Monate zuvor, im Juli 2013, war ein Video auf Youtube erschienen, ähnlich unbeachtet und ähnlich in seiner Botschaft. Es zeigte einen Poetry-Slam der Universität Bielefeld. Eine junge blonde Psychologie-Studentin namens Julia Engelmann trug dort, vor einem größtenteils gleichaltrigen Publikum, einen stark rhythmisierten Text vor. Sein pathetischer Refrain geht so: "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können." 


Das wäre nicht weiter interessant, wenn nicht seit dem vergangenen Wochenende Erstaunliches mit diesem sechsminütigen Video geschähe. Binnen weniger Tage wurde es mehr als anderthalb Millionen Mal in sozialen Netzwerken geteilt. Kaum eine Timeline in Deutschland war sicher vor Zitaten wie: "Unser Leben ist ein Wartezimmer, und niemand ruft uns auf". Oder "Mach ich später, ist die Bassline meines Alltags". Man las vom "planlos vor dem Smartphone" Hängen, vom Sichverlieren in "traurigen Konjunktiven" und der Begeisterung für "Leichtsinn, wenn ein anderer ihn lebt". Die Leitmotive des Texte sind Feigheit, Mutlosigkeit, Lethargie, Verpassensangst, Karriere. Engelmanns Ausweg daraus heißt: Endlich leben. Man müsse ja auch gute Vorsätze fürs neue Jahr fassen, was vielleicht erklärt, wieso das Video gerade jetzt im Netz kursiert.

Das Video, ein All-Ager

Im Wesentlichen reproduziert es die Vorstellung von der verunsicherten Generation der Anfangzwanzigjährigen. Die sitze verdruckst in ihren Hörsälen und starre paralysiert auf ihre Zukunft, anstatt im Jetzt zu leben, was immer das heißt. Aber bemerkenswert ist an dem Hype, dass das Video nun, ein Dreivierteljahr später, nicht nur Engelmanns Alterskohorte anspricht, sondern auch ein älteres Publikum. Ein All-Ager, wie Twilight oder Harry Potter, der offenbar an ein Generationen übergreifendes Gefühl appelliert:  Eigentlich bin ich ja ganz anders, ich komme nur selten dazu.                            

Was genau jemanden am glücklichen Herumexistieren hindert, dafür gibt es bekanntlich unendlich viele Erklärungen. Sie reichen vom diffusen Unbehagen in der Kultur (Freud) bis zur entmenschlichenden verwalteten Welt (Adorno), die dem Individuum immer weniger Ausweichräume bietet. Oder liegt es an der Bologna-Reform, die das romantische Bild des freigeistigen Studenten verworfen hat, und ihn forthin mit Plastikbegriffen wie Effizienz, Creditpoints und Flexiblität umstellt hat. Jedenfalls: Irgendwie alles doof.           

Man muss von einem Poetry-Slam-Text nicht unbedingt glutvolle Systemkritik erwarten. Meistens ist man ja schon froh, wenn die Beiträge mehr als ein Bewerbungsschreiben für die Schenkelklopfhöllen deutscher Comedy sind. Da mag dann manchen selbst eine schnulzige Wendung wie Poesie erscheinen: "Mut ist auch nur ein Anagramm von Glück", sagt Julia Engelmann.

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Kommentare

221 Kommentare Seite 1 von 31 Kommentieren

Frech

Es ist bodenlos frech, wie in diesem Artikel mit der Slammerin umgegangen wird. Ihr Text entspricht in Inhalt und Form dem, was man auf Poetry Slams zu hören bekommt (übrigens auch in der gewollt holpernden Metrik). Da der Slam-Sieger vom Zuschauer gekürt wird, wäre es doch zwecklos, seinen Text nicht auf das Zielpublikum abzustimmen.
Viel interessanter wäre gewesen, den viralen Effekt zu untersuchen, der dieses Video, unabhängig von jeder Intention der Künstlerin, zu einem Internet-Hype gemacht hat. Das erforderte allerdings einigen Hirnschmalz. Da kann man natürlich lieber den Text, der überhaupt nicht den Anspruch hat, philosophisch zu sein, an seiner eigenen Philosophie-Lektüre brechen und sich darüber freuen, etwas Inhaltliches aus dem Studium bei ZO untergebracht zu haben.

Some more mustard

Es geht in der Tat nicht um ein »girls just wanna have fun« in einer Event- und Spass-Dekadenz, sondern um das Im-Auge-Behalten der eigenen Entscheidungsbereitschaft und -freude.
Ihre Worte sind nicht meine, nicht etwa weil jede Generation die eigenen hat, sondern jedes Individuum sie für sich herausbekommen muss.
( https://www.youtube.com/w... )
Erkennen, ob im Hamsterrad und es verlassen.

Kunst und Qualität?

Wie gut, dass wir objektive Qualitätsexperten wie Sie haben. Und die ist nebenbei auch nicht wirklich wichtig, solange die Botschaft bei den Zuhörern ankommt.

"Drang zum Mittelmaß"? Ich kann Ihren Gedankengängen ehrlich gesagt nicht wirklich folgen. Hier wird doch ein Ausbruch aus dem Kreislauf des sturen Abnickens der Erwartungen anderer beschrieben.

alles rechtens

Ach bitte verschonen Sie mich mit dieser leeren Legitimationsphrase.
In einem Land mit Meinungsfreiheit hat jedwede Antwort eine Legitimation. Dies zeugt aber noch lange nicht von einem guten Argumentationsstil oder von Argumentation überhaupt.

Es ist doch unwichtig, ob der Gedanke interessant ist oder nicht, solange er den Kern trifft. Das Thema scheint ja auch noch nicht aus der Welt zu sein. Aber ich bin natürlich offen für einen neuen originellen Gedanken, wenn Sie einen für mich haben.

Lebensziele neu zu definieren halte ich nicht für Entschleunigung, sondern für Beschleunigung in eine andere Richtung.

Ich kann im Hinterfragen des eigenen Lebenswegs weder Konformität, noch Unterwürfigkeit erkennen. Sie sind auch gegen Roboter. Wie schön, da haben wir etwas gemeinsam.