Vor ein paar Wochen erschien ein bemerkenswerter Fernsehspot. Fast unbeachtet lief er im abendlichen Werbeblock, wo sonst Musterfamilien mit entgrenzter Munterkeit den neuen Mittelklassewagen bejubeln und androide Dominas uns kreischend zum Kauf von Flachbildfernsehern animieren. Es war der Spot einer Baumarktkette, man sah einen gekrümmten Mann vor einer Wendeltreppe, am Ende wurde das Bild schwarz wie eine Todesanzeige, dazu der Slogan: "Was bleibt von dir?" 

Natürlich kann man es zunächst obszön finden, Reklame für Werkzeug und Schmirgelpapier mit Memento-Mori-Tiefsinn zu unterkellern. Man muss allerdings nicht besonders zartfühlend sein, um dabei trotzdem kurz zu erschaudern. Schließlich berührte die Werbung eine archaische Sehnsucht des Menschen: die Hoffnung auf etwas Ewigkeitsanspruch. Auf Geschichten, die man am Ende jemandem erzählen kann.

Ein paar Monate zuvor, im Juli 2013, war ein Video auf Youtube erschienen, ähnlich unbeachtet und ähnlich in seiner Botschaft. Es zeigte einen Poetry-Slam der Universität Bielefeld. Eine junge blonde Psychologie-Studentin namens Julia Engelmann trug dort, vor einem größtenteils gleichaltrigen Publikum, einen stark rhythmisierten Text vor. Sein pathetischer Refrain geht so: "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können." 


Das wäre nicht weiter interessant, wenn nicht seit dem vergangenen Wochenende Erstaunliches mit diesem sechsminütigen Video geschähe. Binnen weniger Tage wurde es mehr als anderthalb Millionen Mal in sozialen Netzwerken geteilt. Kaum eine Timeline in Deutschland war sicher vor Zitaten wie: "Unser Leben ist ein Wartezimmer, und niemand ruft uns auf". Oder "Mach ich später, ist die Bassline meines Alltags". Man las vom "planlos vor dem Smartphone" Hängen, vom Sichverlieren in "traurigen Konjunktiven" und der Begeisterung für "Leichtsinn, wenn ein anderer ihn lebt". Die Leitmotive des Texte sind Feigheit, Mutlosigkeit, Lethargie, Verpassensangst, Karriere. Engelmanns Ausweg daraus heißt: Endlich leben. Man müsse ja auch gute Vorsätze fürs neue Jahr fassen, was vielleicht erklärt, wieso das Video gerade jetzt im Netz kursiert.

Das Video, ein All-Ager

Im Wesentlichen reproduziert es die Vorstellung von der verunsicherten Generation der Anfangzwanzigjährigen. Die sitze verdruckst in ihren Hörsälen und starre paralysiert auf ihre Zukunft, anstatt im Jetzt zu leben, was immer das heißt. Aber bemerkenswert ist an dem Hype, dass das Video nun, ein Dreivierteljahr später, nicht nur Engelmanns Alterskohorte anspricht, sondern auch ein älteres Publikum. Ein All-Ager, wie Twilight oder Harry Potter, der offenbar an ein Generationen übergreifendes Gefühl appelliert:  Eigentlich bin ich ja ganz anders, ich komme nur selten dazu.                            

Was genau jemanden am glücklichen Herumexistieren hindert, dafür gibt es bekanntlich unendlich viele Erklärungen. Sie reichen vom diffusen Unbehagen in der Kultur (Freud) bis zur entmenschlichenden verwalteten Welt (Adorno), die dem Individuum immer weniger Ausweichräume bietet. Oder liegt es an der Bologna-Reform, die das romantische Bild des freigeistigen Studenten verworfen hat, und ihn forthin mit Plastikbegriffen wie Effizienz, Creditpoints und Flexiblität umstellt hat. Jedenfalls: Irgendwie alles doof.           

Man muss von einem Poetry-Slam-Text nicht unbedingt glutvolle Systemkritik erwarten. Meistens ist man ja schon froh, wenn die Beiträge mehr als ein Bewerbungsschreiben für die Schenkelklopfhöllen deutscher Comedy sind. Da mag dann manchen selbst eine schnulzige Wendung wie Poesie erscheinen: "Mut ist auch nur ein Anagramm von Glück", sagt Julia Engelmann.