Der Fernsehmoderator Markus Lanz © Fabian Bimmer/dpa

Es ist nicht einfach, Markus Lanz zu verteidigen, aber allzu einfach, Markus Lanz zu verurteilen. Gegen den Fernsehmoderator regt sich derzeit mal wieder Unmut in den sozialen Medien. Als Shitstorm bezeichnet man jene bequeme Ausprägung der digitalen Steinigungskultur, die ihre Akteure meist nicht mehr kostet als selbstgerechte Häme. Erhoben hatte sich die Empörung dieses Mal anlässlich eines Interviews, das Lanz vergangene Woche mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht geführt hat. Wenn man es überhaupt ein Interview nennen kann: Er ließ sie nicht ausreden, er quatschte dazwischen, sekundiert vom Talkshowdauersitzer Hans-Ulrich Jörges. Lanz' Zwischenfragen verhehlten nicht, dass er offenbar wenig Interesse für Wagenknechts Ansichten hegte.

Begrüßt hatte sie der Gastgeber als "die schönste Linke aller Zeiten", und wer kurz vergessen hatte, wo man sich befand, wurde somit bereits eingangs daran erinnert: auf dem Boulevard und nicht in einer Politik-Talksendung – obwohl die Unterscheidung ja bisweilen schwerfällt, auch bei Jauch, Illner, Plasberg oder Will. Mit gewohnter Schwiegersohnjovialität belausbübelte Lanz die Wagenknecht. Dass das peinlich ist, sieht jeder, der gucken kann. Die Frage ist allerdings, ob das die Heftigkeit der Reaktionen rechtfertigt, den kuriosen Eifer einiger Kommentatoren, die Lanz nun nachweisen wollen, dass er nicht Klaus Bednarz ist.

Ja, es stimmt, dass das misslungene Interview einen netten Einblick in die offensichtlich nicht besenreine Kinderstube des Moderators gibt und womöglich auch ein Licht auf dessen eigenes, natürlich spekulatives, politisches Interesse wirft. Dass Lanz aber immer eher Emotionskübler statt investigativer Spürhund war, ist eine Gratiserkenntnis, die keiner weiteren Ausführung bedarf. Der Vorwurf wäre also: Lanz kann sich nicht benehmen. So ähnlich, wenngleich schärfer im Duktus, wird eine jüngst veröffentlichte Onlinepetition begründet, die auf Grund des Vorfalls vom ZDF fordert, Lanz hinauszuwerfen. Inzwischen hat sie mehr als 80.000 Unterzeichner. 

Mit Demokratie hat das nichts zu tun

Und hier wird aus dem schmerzhaft-harmlosen Shitstorm eine wahrhaft unbehagliche Angelegenheit: eine Petition gegen eine Person, eine Verbannung gewissermaßen mit demokratischen Mitteln – wobei man kurz daran erinnern sollte, dass Demokratie zunächst eine Staatsform meint und nicht jeden Versuch, für irgendein Anliegen Mehrheiten zusammenzubekommen. Der aktuelle Vorgang erinnert an die Antike, in der man störende Bürger durch anonymen Mehrheitsentscheid davonjagen konnte. Scherbengericht nannte sich das, und seinem Mechanismus liegt auch das zugrunde, was Elias Canetti einst über das Phänomen der "Hetzmasse" beschrieb, nämlich die "Gefahrlosigkeit des Unternehmens".

In der Begründung der Petition heißt es: "Unzählige empörte Tweets zeigten bereits während der Sendung, dass viele Zuschauer es leid sind, von einem notorisch peinlichen Moderator durch diverse Sendeformate im Öffentlich Rechtlichen Rundfunk (in dem Falle ZDF) geführt zu werden." Um auf die fragwürdige Validität der Gefühlsvokabel "unzählig" hinzuweisen, beziehungsweise darauf, ob akkumulierte Empörung per se ein Kriterium sein kann, nun, dafür muss man Markus Lanz nicht einmal mögen.

Womöglich fänden sich in diesen Tagen auch genug empörte Tweets, die über den jähen Wintereinbruch schimpfen. Hinsichtlich des modischen Petitionismus bringt ein Schneesturm freilich den Nachteil mit sich, dass es keinen Adressaten für eine Beschwerde gibt oder sich daran die Wut des ehrlichen Gebührenzahlers entflammen könnte, der sich ohnehin immer moralisch ins Recht setzt. Was am Ende nun unangenehmer ist, Lanz oder seine Feinde, will man eigentlich gar nicht beantworten.