Das Unwort des Jahres 2013 lautet Sozialtourismus. Das teilte die Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit. Mit dem Schlagwort "wurde von einigen Politikern und Medien gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, gemacht", begründete die Jury ihre Entscheidung.

Janich sagte: "Das Grundwort 'Tourismus' suggeriert in Verdrehung der offenkundigen Tatsachen eine dem Vergnügen und der Erholung dienende Reisetätigkeit." Das Wort Sozial reduziere die damit gemeinte Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem zu profitieren. Dies diskriminiere Menschen, "die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu". 

Der Ausdruck Sozialtourismus reiht sich laut Janich ein in ein Netz weiterer Unwörter, die diese Stimmung befördern, wie etwa Armutszuwanderung, das ebenfalls in der engeren Wahl der Jury war. Mit diesem Begriff bezeichnet die CSU gering qualifizierte Migranten, die nach Einschätzung der Partei in Deutschland vor allem Sozialleistungen in Anspruch nehmen wollen, aber kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Die sprachkritische Jury bekam mehr als 1.300 Einsendungen. Das Gremium entscheidet unabhängig und richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge. 

Der Jury angehört hat in diesem Jahr auch der Schriftsteller Ingo Schulze. Er wählte die Bezeichnungen Arbeitnehmer/Arbeitgeber zu seinem persönlichen Unwort des Jahres. Von der grundlegenden Bedeutung von Arbeit als Leistung ausgehend verkehre das Wortpaar in dramatischer Weise die tatsächlichen Verhältnisse, sagte der Autor. "Wer die Arbeit leistet, gibt, verkauft, wird zum Arbeitnehmer degradiert – wer sie nimmt, bezahlt und von ihr profitiert, zum Arbeitgeber erhoben", begründete Schulze seine Wahl.

Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gekürt. Unwörter waren zuletzt Opfer-Abo – ein Ausdruck des unter Vergewaltigungsverdachts stehenden Fernsehmoderators Jörg Kachelmann, der laut Jury Frauen unter den pauschalen Verdacht stellt, sexuelle Gewalt zu erfinden. In den Jahren zuvor gewählt wurden die Wörter Döner-Morde (2011), alternativlos (2010), betriebsratsverseucht (2009), notleidende Banken (2008), Herdprämie (2007), Freiwillige Ausreise (2006), Entlassungsproduktivität (2005), Humankapital (2004), Tätervolk (2003) und Ich-AG (2002).

Wort des Jahres ist GroKo

Das Wort des Jahres für 2013 gibt es schon. Unabhängig von der Unwort-Jury gab die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden im Dezember das Schlagwort GroKo bekannt. Der Kurz-Begriff für die große Koalition in Berlin charakterisiere am besten das zu Ende gehende Wahljahr.