Im schwarzen Beton. In der Flucht des Raumes. Im einzigen Lichtstrahl, der durch das Fenster dringt. In der vierten Etage. Er sitzt dort. Ein bisschen Helmut Dietl, mit besseren Zähnen aber. Ein bisschen Dieter Meier, nur ohne den Dialekt, dafür aber mit dem besseren Bauch. Der Schauspieler Friedrich Liechtenstein hält Hof im L40, diesem so krankhaft modernen und ernsten Gebäude in der Berliner Linienstraße 40. Dieser Zick-Zack-Bau, ein gegossener Fiebertraum, so hart, so brutal, so geil. Supergeil.

Supergeil, wie das Video, das Liechtenstein, das Schmuckstück des Berliner Untergrunds, den Puppenspieler, den Musiker, den Künstler jetzt im Internet und in Deutschland berühmt gemacht hat. Verdammt nochmal. 2,8 Millionen Mal angeschaut. 

Edeka, das ist übrigens der Supermarkt, in dem es Leselupen an den Einkaufswägen und den Regalen gibt. Also. Vor sechs Tagen hat Edeka ein Video ins Internet gestellt. EDEKA Supergeil (feat. Friedrich Liechtenstein). Zu sehen: der Typ Liechtenstein. Im Bett mit einem Pärchen, sie isst Wackelpudding von Edeka, er schaut in den Laptop. Sex is over. Hinter dem Sofa einer verwöhnten Modetussi, die Champagner trinkt und Sushi isst, das Sushi ist natürlich von Edeka. Liechtenstein in der Badewanne. Oben ohne mit Sonnenbrille. Er schüttet H-Milch über den behaarten Kugelbauch. Edeka-H-Milch. Ein Produktgewitter, drei Minuten sechzehn lang. Und darunter ist ein Song von Liechtenstein gelegt. Druffi-Musik für die After-Hour, um sonntagnachmittags am Spreeufer runterzukommen. Und dann die tiefe Stimme: "Supercrunchy, supertasty, supercrazy, supergeil, superfruchtig, superlecker, supersmooth."


"Stil ist Schicksal", sagt Liechtenstein, der am Rosa-Luxemburg-Platz in dieser Wohnung über allem schwebt. Über der Volksbühne, die wenige Meter entfernt ihr faules, aber verdientes Mittagsschläfchen hält. Über den Kreativen, die jetzt was Leichtes essen, weil sie danach noch ein Meeting haben. Über den Modeverkäuferinnen, die lieber nichts essen und eine Light-Zigarette vor ihrer Boutique rauchen. Als Künstler darf man nicht dazugehören. Man muss über allem stehen.

Liechtenstein ist Totalkünstler. Er ist sein Werk. Sein Werk ist sein Leben. Sein Leben ist sein Werk. 1995 kommt Liechtenstein nach Berlin. Er studiert Puppenspiel an der Ernst Busch. 2003 fängt er an, Friedrich Liechtenstein zu sein. Er hat die ersten Auftritte als Musiker. 2004 erscheint sein erstes Album Please Have A Look From Above. 29 Euro kostet das inzwischen bei Amazon. 

Lauwarmes Bier auf dem Dach

Er holt Mitte der Zweitausender nochmal die Mitte der Neunziger zurück, sein Sound ist eine Funk-Elektro-Cool-Down-Musik, die irgendwie an den dadaistischen Drive von Fischmob erinnert. Liechtenstein ist ein Erzähler, kein Sänger. "Schwarzkirschgarten von Tschechow an der freien Volksbühne in Westberlin/ Das war schön/ Ich habe seine Kugeln gesehen, wie er sie mir durchs Zwielicht über die Köpfe des Auditoriums schoss/ das war schön", spricht er damals im Stück Martina Gedeck über den sanften Beat eines Sonnenuntergangs, den man mit einem lauwarmen Bier auf einem Dach in der genau richtigen Verfassung mit der genau richtigen  Begleitung hören sollte.

Timm Ulrichs hat sich selbst 1959 zum Totalkünstler ausgerufen. Liechtenstein wurde es einfach irgendwie. Im Jahr 1956 wird er als Hans-Holger Friedrich in Stalinstadt geboren. Heute sagt man Eisenhüttenstadt dazu. Die Stadt liegt in Brandenburg, Polen ist eine weggeschnippte Zigarette entfernt. Am 1. Januar 1951 legte der Minister Selbmann den Grundstein für den Hochofen 1 in Stalinstadt. "Stahl-Brot-Frieden" stand als feierliches Banner in die Schneelandschaft geschrieben. Stalinstadt war ein erfundener Ort. Ein Ort, der für den Fünfjahresplan der Stahlindustrie der DDR errichtet wurde.

"Es war eine inszenierte Stadt", meint Liechtenstein. Es gab dort Lautsprecher an den Straßenecken. Am Wochenende ertönte darüber klassische Musik. "Kuschelklassik, nicht besonders militant natürlich. Rosa Torbögen, Springbrunnen, Blumenbeete, Musikschulen. Das war die Inszenierung von Das ist der Frieden, das ist die neue Zeit." Ein kommunistisches Disneyland. Für Liechtenstein war Eisenhüttenstadt ein rosaroter Park der kurzen Wege. Mit 16 geht Liechtenstein nach Frankfurt an der Oder. Mit 18 heiratet er.