ZEIT ONLINE: Frau Heller, Sie sind nach der Emeritierung wieder in Ihre Heimatstadt Budapest zurückgekehrt. Fühlen sie sich dort wohl

Ágnes Heller: Ja und nein. Ich fühle mich wohl, weil ich hier Freunde habe, weil ich die Straßen kenne, weil das meine Heimat ist. Ich fühle mich zugleich sehr unwohl wegen der politischen Situation. Wegen der antidemokratischen, ich möchte sagen: diktatorischen Tendenzen in der ungarischen Politik, wo Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt sind.

ZEIT ONLINE: In Budapest sah man während des Wahlkampfes fast nur Plakate der Fidesz-Partei. Wieso?

Heller: Weil die Leute von Fidesz alle Plätze gekauft haben. Warum haben sie alle Plätze gekauft? Weil der Besitzer dieser Plätze ein Fidesz-Mensch ist. Und an anderen Plätzen in Budapest, die sie nicht besitzen, hat der Bürgermeister die Wahlwerbung verboten. Für die linksliberale Opposition gibt es auch kaum eine Möglichkeit, ihre Ansichten und Programme in Fernsehen oder Radio zu verbreiten. In den von Fidesz dominierten Kanälen gibt es von morgens bis abends eine Verleumdungsoffensive nach der anderen gegen die Opposition. Normalerweise sollte ein Wahlkampf ausgeglichen sein, aber hier kann nur eine Seite ihre Meinung äußern. Das ist keine Pressefreiheit – und deswegen sage ich, dass es überhaupt keine Pressefreiheit in Ungarn mehr gibt.

ZEIT ONLINE: Wie viele der Sender berichten Ihrer Meinung nach nicht unabhängig?

Heller: 90 Prozent werden durch Fidesz kontrolliert. Und die zehn Prozent an unabhängigen Sendern, die geblieben sind, kann man nicht überall im Land empfangen. Und wenn man es kann, muss man dafür viel Geld bezahlen. Nur die staatlichen Sender sind billig zu empfangen. Dort ist alles Fidesz-Propaganda, von morgens bis abends und auch in der Nacht. Ich kann natürlich im einzigen unabhängigen Fernsehsender ATV sprechen, den man in Budapest und anderswo kostenpflichtig empfangen kann, dort bin ich auch oft zu sehen. Oder im Radiosender Klubrádió. Das sind die beiden einzigen Kanäle, auf denen Liberale, wirkliche Konservative und Linke zur Sprache kommen.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie manchmal, dass Ihre regierungskritische Haltung für Sie Konsequenzen haben könnte?

Heller: Ich habe keine Stellung mehr zu verlieren, bin nur noch eine emeritierte Professorin aus New York. In diesem Sinne verspüre ich keine Angst. Auch wenn ich das Radio oder den Fernseher anschalte, fürchte ich mich nicht – denn ich fürchte mich sowieso nicht –, ich bin nur angewidert.

ZEIT ONLINE: In Deutschland sind Sie sehr präsent als Orbán-Kritikerin. Haben Sie in Ungarn eine ähnlich starke Stimme?

Heller: Das kann ich nicht beurteilen. Mich sprechen zwar viele Leute auf der Straße an und sagen: Wir lieben dich, mach weiter so. Aber das ist sicherlich nur eine Minderheit. Die Mehrheit der Menschen hat wahrscheinlich eher ein negatives Verhältnis zur mir. Ich weiß, dass ich auch diesen Leuten begegne, aber sie sprechen mich nicht an. Also kenne ich sie nicht.

ZEIT ONLINE: Inwieweit unterscheidet sich die Lage in Budapest von der im Rest des Landes?

Heller: Der Reichsverweser Miklós Horthy hat Budapest vor 100 Jahren "die sündige Stadt" genannt. Weil hier immer schon der Liberalismus präferiert wurde. Wenn ich ins Theater gehe, in Ausstellungen oder Konzerte, dann treffe ich Leute, die so denken wie ich. Kultur ist in Ungarn immer liberal und links gewesen. Und eine konservative Haltung gilt hier übrigens auch als liberal.

ZEIT ONLINE: Welche Kulturpolitik betreibt die Regierung?

Heller: Fidesz betreibt überhaupt keine Kulturpolitik. Die einzige Kulturpolitik besteht darin, alle möglichen Führungspositionen mit ihren eigenen Leuten zu besetzen. Aber diejenigen, die Fidesz gegenüber loyal sind, sind dritt- oder viertklassige Leute. Es gab mal einige wenige Intellektuelle unter ihnen, aber die haben die Partei schon verlassen.

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