Heller: Budapest ist noch immer eine große Kulturstadt. Es gibt zum Beispiel viele gute Theater, aber das sind nicht mehr die großen Häuser. Schwierigkeiten gibt es überall dort, wo man Geld vom Staat braucht, etwa beim Film. Aber ein Staat sollte keinen Einfluss darauf nehmen, welche Werke veröffentlicht werden.

ZEIT ONLINE: Was treibt den Politiker Viktor Orbán an?

Heller: Er denkt wie ein östlicher Despot. Er will das ganze Land zu seinem eigenen Denkmal machen. Deswegen werden so viele Stadien gebaut – für Milliarden Forint und für einen Fußball, der nicht existiert. Jetzt will Orbán einen Flughafen in seinem winzigen Geburtstort bauen. Das sind absolutistische Manieren: Alles muss seine Größe repräsentieren. Selbst die Vergangenheit wird manipuliert durch neue Bauten, neue Statuen und durch die sich ständig ändernden Straßennamen. Ich wohnte in ein und derselben Wohnung, aber in vier verschiedenen Straßen. Es passiert hier immer noch, der aktuelle Bürgermeister ist ein großer Namensgeber. Er nimmt Namen und gibt Namen. Der Roosevelt-Platz heißt zum Beispiel nicht mehr so, auch der Platz der Republik wurde umbenannt.

ZEIT ONLINE: Was für ein Land ist das Ungarn unter Orbán?

Heller: Zu Horthys Zeiten war Ungarn ein Obrigkeitsstaat, zu Kádárs Zeiten wieder. Jetzt kommen wir zum Obrigkeitsstaat zurück. Was Orbán im Moment macht, ist eine Kombination aus Admiral Horthy und János Kádár. Er verstaatlicht alles – wie es im Sozialismus gang und gäbe war. Privateigentum wird nur toleriert, wenn es ihm oder seinen Lieblingen gehört. Auf der anderen Seite ähnelt seine Propaganda der Propaganda Horthys in den dreißiger Jahren.

ZEIT ONLINE: Wünschen Sie sich mehr Philosophen in der ungarischen Politik?

Heller: Intellektuelle und Philosophen sollten in der Politik keine führenden Positionen besetzen. Sie haben keinen Sinn für Politik, keinen Sinn für Kompromisse. Sie sollen Ratgeber sein, aber keine Ämter innehaben. Es gibt in der Opposition aber einige anständige, junge Politiker, die überzeugend reden können und politisches Talent haben. Sie sind in der Minderheit, aber es gibt sie. Ob jemand allerdings wirklich politisches Talent hat, weiß man erst, wenn dieser Mensch eine führende Position innehat. Bis dahin kann man nur sehen, dass sie gute Menschen sind und gute Ideen haben.

ZEIT ONLINE: Der ehemalige Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány tritt mit dem linksliberalen Oppositionsbündnis an. Über ihn haben Sie einmal gesagt, er sei ein anständiger Mensch, aber kein guter Politiker.

Heller: Ja, er ist ein schlechter Politiker. Gerade erst hat er im Fernsehen gesagt: "Was mir auf dem Herzen liegt, geht auch über meine Lippen." Da sage ich: Gott im Himmel! Ein Politiker kann nicht sagen, was ihm auf dem Herzen liegt. Das ist keine Politik. Man sollte zwar auch nicht das Gegenteil sagen, nicht lügen. Aber man darf nicht alles aussprechen. Das beweist, dass er keine Ahnung von Diplomatie hat. Trotzdem ist er ein anständiger Mensch.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ungarns Zukunft aus?

Heller: Entweder gewinnt die Opposition jetzt, oder ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr für das Land. Denn dann kann es nur zum schlechtesten Szenario kommen: zu einer Revolte gegen die Regierung. Davor fürchte ich mich. Weil die führende Rolle darin wohl nur die Rechtsextremen spielen können. Ich sehe also keine gute Perspektive – außer einem Wahlsieg der Opposition.

ZEIT ONLINE: In der Ukraine kam es vor wenigen Wochen zu einem Ausbruch der Gewalt. Ist das auch in Ungarn denkbar?

Heller: Möglicherweise kann dort passieren, was in der Ukraine geschehen ist. Natürlich nicht in derselben Weise, denn es gibt kein Problem unterschiedlicher nationaler Ansprüche in Ungarn und auch keine religiösen Unterschiede, die wesentlich sind. Aber 20 Prozent der Bevölkerung leben unter dem Existenzminimum – und in Zukunft wird es ihnen noch schlechter gehen als heute. Es könnte also durchaus zu einer Hungerrevolte kommen.