Ein Blick ins Unterhaltungsressort von heftig.co © Screenshot Heftig.co/ZEIT ONLINE

Belize City. Unter einer Postanschrift am Northern Highway findet man Briefkästen von Firmen wie Frontier International Business Services und Remit Now International. Und den einer Website, die in einem Social-Media-Ranking der deutschsprachigen Medien zuletzt ganz vorn stand – heftig.co. Weder ist es bislang jemandem gelungen, zu recherchieren, wer Heftig gegründet hat, noch ob die Inhalte in Paderborn, Berlin oder – eher unwahrscheinlich – in Belize online gestellt werden. Auch die Anfragen von ZEIT ONLINE blieben unbeantwortet. Um die Verwirrung noch zu steigern, trägt Heftig die Länderkennung für Kolumbien.

Die Site kommt praktisch aus dem Nichts, scheint aber erstaunlich erfolgreich zu sein. Sie bespaßt die sozialen Netzwerke, in erster Linie Facebook, mit rührseligen Fotos, Aufregergeschichten und Katzenvideos. Sie tragen Titel, die sich kein Parodist besser ausdenken könnte: "Dieses Mädchen war nur 6 Monate alt, als ihre Eltern eine erschütternde Entdeckung machten. Was dann passierte, hätte niemand vorhergesehen", "Dieser Hund versucht so sehr, sich mit der Katze anzufreunden… du wirst vom Stuhl fallen vor Lachen!" oder "Dieser Mann kippt komisches Zeug über sein Auto. Später habe ich kapiert warum… und wurde absolut neidisch!"

Herkunft und Relevanz der Inhalte unbekannt

Typisch ist ein Beitrag wie "Dieser Straßenmusiker bekam Kleingeld von einem Mädchen. Was danach geschah, hat die ganze Stadt verblüfft". So heißt eine Heftig-Geschichte, die im April auf Platz zwei im deutschen Social-Media-Monatsranking von 10000flies stand. Die über den Titel aufgebaute Spannung ist groß, die Lösung ist dann weniger schockierend: Das Video zeigt ein Sinfonieorchester, das auf einem öffentlichen Platz spielt. Daran allein nimmt die Menschheit natürlich keinen großen Schaden. Aber die Präsentation ist irreführend. Und der Inhalt uralt – der Clip wurde im Mai 2012 bei YouTube eingestellt.

Woher das Material kommt, das Heftig verbreitet, wer es produziert hat und warum es genau jetzt relevant ist, spielt in der Auswahl offensichtlich keine Rolle. In vielen Fällen sind Inhalte von der US-Site viralnova.com übersetzt, wie rhein-zeitung.de auffiel. Viralnova – auch nicht gerade ein klassischer Nachrichtendienst – zeigte am 4. Mai Fotos eines Künstlers, der aus Müll kleine Unterkünfte für Obdachlose baut. Die Oakland Tribune berichtete darüber im Januar.

Heftig wandelt auf dem sehr schmalen Grat zwischen Publikumsverachtung und punktgenauer Publikumsansprache. Mit diesem Konzept soll es kürzlich mehr Leser erreicht haben als einige wesentlich bekanntere Medienmarken. Die Zahl der Besuche auf den Heftig-Seiten lag nach eigenen Angaben im März bei 15,3 Millionen. Vor allem eine Zahl fällt auf: Mehr als 1,8 Millionen Reaktionen in sozialen Netzwerken habe Heftig im April provoziert, mehr als die deutschen Onlinemarktführer Spiegel Online und Bild.de, "und das mit nur etwa 100 Artikeln", wie es in der Analyse von 10000flies heißt. Diese Analyse mag nicht ganz wasserdicht sein, und Social-Media-Verbreitung ist nicht die einzige und auch nicht die wichtigste Währung für Onlinemedien, aber die Reichweite zählt eben doch. Die Frage ist, ob die Zahlen auch stimmen.

Schaut man sich die Facebook-Seite von Heftig.co etwa mit dem Social-Media-Monitoring-Tool Wildfire an, gibt es eine erstaunliche Kurve zwischen dem 24. und dem 27. April – in diesem Zeitraum verzeichnete Heftig.co bei Facebook einen Zuwachs um knapp 50.000 Fans. Das ist ungewöhnlich, zumal für eine Site, die derart billig aussieht, die praktisch nur gebrauchte Themen aufwärmt und von der selbst Fachleute bis vor Kurzem noch nie gehört haben.