Hallo, Sie da! Ja, Sie! Man muss sich das vorstellen, ein Gebäude, das zu seinen Besuchern spricht, persönlich, verbindlich, hautnah! Das sein Innerstes nach außen stülpt und Dinge sagt wie: Ich bin immer da. Oder: Ich bin eine Metapher. Oder: Ich habe tausend Augen. Oder, poetisch: Ich bin die Nautilus, gestrandet auf den Sandbänken von Paris. Oder, philosophisch: Ich bin ein utopisches Abbild.

Haben Häuser eine Seele? Wim Wenders wollte es wissen und hat namhafte Regiekollegen eingeladen, außergewöhnliche Gebäude mit ihrer Kamera zu erkunden: sechs Bauwerke, fünf davon Ikonen der Moderne, filmische Annäherungen an Architektur. Wenders eröffnet den knapp dreistündigen Episodenfilm mit Scharouns Philharmonie; Meret Becker leiht dem Konzerthaus ihre Stimme, erzählt vom einstigen Niemandsland rund um den Circus Karajanensi, der goldenen Außenhaut, für die es anfangs kein Geld gab, von Frau Warnecke, die die denkmalgeschützten Bodenmosaike in der Eingangshalle repariert, von der Weinbergsarchitektur. Vor allem vom eigenen Wesen als riesiges, organisch verschachteltes Musikinstrument.

Wohl wahr, die Pioniertat Hans Scharouns, diese manifeste, weithin leuchtende Vision einer offenen Gesellschaft sucht in Berlins Architektur bis heute ihresgleichen.

Es folgen die 200 Jahre alte Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg (Michael Glawogger), das Halden Gefängnis in Norwegen als "humanste" Vollzugsanstalt der Welt (Michael Madsen), Louis Kahns Salk Institute in San Diego (Robert Redford), die funkelnagelneu Oper in Oslo (Margreth Olin) sowie das Pariser Centre Pompidou von Renzo Piano und Richard Rogers (Karim Ainouz).

Das Kino beschwört den Geist der Architektur

Sie alle feiern ihr jeweiliges Bauwerk bis an die Grenze zum Kitsch. Den hymnischsten Ton schlägt Robert Redford an; das Salk-Institut wurde einst von jenem Biologen Jonas Salk gegründet, der den Impfstoff gegen Kinderlähmung entdeckte. Das geometrische Sichtbetondesign samt Forscher-Klosterzellen unter kalifornischem Himmelsblau: ein Hort der Genies, ein Heiligtum. Alle Materie ist erloschenes Licht, wird Salk zitiert, der Baukonzept gemeinsam mit Kahn entwickelte. Welch ein Motto für einen Film über Architektur! Aber die Zeitraffer und pathetischem Soundtrack veredelten Bilder lösen das Versprechen nicht ein.

Kathedralen der Kultur ist ein Reigen der Heimsuchungen, der Evokationen. Der Blick schweift, die Kamera schwebt, fliegt zur Decke hinauf, dringt über Flure und Schächte, Kammern und Säle in die Eingeweide der Häuser vor, schlendert, streunt, stöbert, verirrt sich, nistet sich ein. So beschwört das Kino den Geist der Architektur – und die Hausgeister beginnen zu spuken.