Afghanistan, 2010 © Christoph Bangert

ZEIT ONLINE: Herr Bangert, in Ihrem Buch War Porn zeigen Sie extrem brutale Bilder aus Kriegsgebieten. Warum dieser provokative Titel?  

Christoph Bangert: Der Begriff War Porn – Kriegspornografie – wird in der Debatte um extreme Bilder häufig als Totschlagargument gebracht. Dann heißt es: Die Fotos sind pornografisch, voyeuristisch, entmenschlichend. Natürlich tragen diese Bilder immer etwas Entmenschlichtes in sich, weil das, was sie zeigen, so unglaublich ist: Dass ein Mensch zu Tode gefoltert und auf einer Mülldeponie entsorgt wird. Das Bild deswegen verwerflich zu nennen, ist aber eine Ausrede. Damit vermeidet man, sich mit den Ereignissen, die sie zeigen, auseinanderzusetzen.  

ZEIT ONLINE: Die Menschen, die Sie abbilden, befinden sich in Situationen, in denen sie extrem exponiert und buchstäblich verwundbar sind. Wie reagieren diese Menschen und ihre Angehörigen auf Sie als Fotografen? 

Krieg ist leider nichts Außergewöhnliches, sondern ziemlich alltäglich.
Christoph Bangert

Bangert: Ich mache nie Bilder von Menschen, die nicht fotografiert werden wollen. Oft ist es genau umgekehrt. Die Leute sagen: "Das musst du fotografieren, du musst zeigen, was uns hier passiert." Im Buch gibt es ein Bild, das die Leiche eines Irakers zeigt, der entführt und zu Tode gefoltert wurde. Sein Bruder fand ihn und rief meine irakische Kollegin an. Wir sollten sofort in die Leichenhalle kommen. Er wollte, dass wir die Tat dokumentieren und darüber berichten. Das ist überraschend oft so.  

ZEIT ONLINE: Zögern Sie manchmal, auf den Auslöser zu drücken? 

Bangert: Die erste Reaktion ist immer das Zögern. Man sagt sich: Das ist zu viel, das kann ich nicht fotografieren. Aber ich muss es tun. Ich habe einen klaren journalistischen Auftrag. Ich fahre in Krisengebiete, um Bilder zu machen. Sonst dürfte ich dort nicht hinfahren. 
Krieg ist leider nichts Außergewöhnliches, sondern ziemlich alltäglich. Das muss genauso dokumentiert werden wie andere Dinge auch. 

ZEIT ONLINE: Ihr Beruf gehört zu den gefährlichsten der Welt. Erst im April starb die deutsche Kriegsfotografin Anja Niedrighaus in Afghanistan. Warum tun Sie sich das an? 

Bangert: Es gibt schon einen gewissen Abenteuergedanken, eine gewisse Unvernunft. Man will sich beweisen, man sucht nach Bedeutung, will ausbrechen. Die Gründe, warum junge Fotografen in Kriegsgebiete gehen, unterscheiden sich oft nicht so sehr von den Gründen, aus denen andere in den Krieg ziehen. Das darf man nicht totschweigen. Zentral ist natürlich der journalistische Grund. Es gibt einen großen Graben zwischen denen, die Kriegssituationen erlebt haben, und denen, die sich das überhaupt nicht vorstellen können. Unsere Aufgabe ist es, diesen Graben zu überwinden.  

ZEIT ONLINE: Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Ihren Bildern? 

Bangert: Ich will die Menschen informieren. Wenn ich den Anspruch hätte, mit meinen Fotos die Welt zu retten und Kriege zu beenden, würde ich wahnsinnig werden. Denn in den allermeisten Fällen klappt das nicht. Mein Anspruch ist, so professionell und so ehrlich wie möglich journalistisch zu arbeiten. Was mit diesen Informationen passiert, hängt von uns allen ab. 

ZEIT ONLINE: Wie viele der Bilder in Ihrem Buch wurden veröffentlicht?  

Bangert: Keines dieser Fotos wurde je gedruckt. Manchmal denken die Menschen, ich würde viel Geld mit Bildern verdienen, auf denen Blut fließt. Es ist genau umgekehrt. Wenn man Geld verdienen will, muss man Modefotograf werden. Die Nachfrage ist gleich Null, niemand will diese Fotos haben.