Zuletzt sah ich ihn, wie er neben dem Sarg Marcel Reich-Ranickis in der Trauerhalle auf dem Frankfurter Hauptfriedhof stand, ein verschwörerisches Lächeln im Gesicht. "Der Punkt ist", sagte er mit einem knappen Seitenblick auf den Sarg, "er hätte auch diese Veranstaltung rezensiert." So ist es auch jetzt: Wir sind fassungslos. Wir, die Zeitungsmacher, die Netzgemeinde, die Autoren, die Intellektuellen, die gesamte geistige Republik. Und viele von uns denken: Was immer wir jetzt sagen über diesen größten deutschen Journalisten unserer Generation – er hätte auch das rezensiert, begierig zu wissen, wie dieser Schock aufgenommen wird, der sein plötzlicher Tod für uns ist. 

In seinem Online-Nachruf auf Reich-Ranicki hatte Schirrmacher am Tag des Todes von Reich-Ranicki erzählt, wie er dem Sterbenden in seinen letzten Stunden davon Mitteilung machte, es gebe gerade ungeheuerliche Neuigkeiten. Das habe, behauptete Schirrmacher, Reich-Ranicki noch im Sterben interessiert. Wir wissen nicht, wie Frank Schirrmacher an diesem Donnerstag gestorben ist. Aber wir wissen: Darin hat er seinen Meister noch weit übertroffen – er war wie kein anderer besessen von der Gegenwart.

Vielleicht hat diese Besessenheit, die wir alle bewundert, unter der wir manchmal gelitten und die uns am Ende alle angesteckt hat, auch etwas mit der langen stillen Zeit zu tun, in der man seine Jugend verbringen musste, wenn man wie Frank Schirrmacher im Jahr 1959 als Sohn eines bundesdeutschen Beamten in Wiesbaden zur Welt kam. In der Windstille der Bundesrepublik, in den schier nicht enden wollenden Jahren der Kohl-Ära, muss einer, der so wie Schirrmacher darauf brannte, aufs Ganze zu gehen, entsetzlich gelitten haben. 1989 – da war er gerade dreißig Jahre alt und schon seit fünf Jahren bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – war für ihn eine große Befreiung.

Schreibendes Genie mit machtstrategischen Instinkten

Es war der Wiedereintritt Deutschlands in die Geschichte, der ihn euphorisiert hat. Das lähmende Gefühl, als Babyboomer in unglücklicher und ereignisloser Zeit geboren zu sein, war weggeblasen. Die ersten großen Texte, die er ab 1990 als Literaturchef und Nachfolger von Reich-Ranicki schrieb, hatten sofort dieses Feuer. Es war darin ein moderner Ernst-Jünger-Ton und der ungeheure Elan eines jungen Journalisten, der sich nicht einfach nur an sich und seiner zweifellos brillanten Begabung entzündete, sondern an dem epochalen Gefühl: Jetzt findet Geschichte statt – und wir sind diejenigen, die sie gerade machen. 

Ich erinnere mich, wie seine Rezensionen und Literaturaufmacher zur Frankfurter Buchmesse damals überall wochenlang diskutiert wurden, weil sie radikal mit der alten bundesrepublikanischen Bedächtigkeit und Umständlichkeit brachen: die Abrechnung mit der Literatur der Bundesrepublik, die Abrechnung mit der Larmoyanz der DDR-Literatur, der Streit um die Schriftsteller und die Stasi-Akten, um die Generation der 68er und deren Fortschrittsoptimismus. Er brachte einen neuen Ton in diese Debatten, eine Direktheit und Deutlichkeit, eine Unspießigkeit und Lebendigkeit, die wirklich neu waren. Von Anfang an war darin die Leidenschaft eines Journalisten, der seine Zeit nicht nur in Zeilen fassen, sondern sie auch prägen, wenn nicht beherrschen wollte.

Das war deutlich: Das Genie seines Schreibens wurde noch übertroffen von der Genialität seiner machtstrategischen Instinkte. Mit 34 Jahren wurde er im Jahr 1994 der für das Feuilleton zuständige Herausgeber der FAZ. Seither bestimmte er auf seiner Zeitungsbühne und als Buchautor die intellektuelle Agenda der jungen Berliner Republik.

Themen immer ein bisschen früher gesetzt

Er setzte immer ein bisschen früher als alle anderen die Themen: die Überalterung der Gesellschaft, der Geburtenrückgang in Deutschland, der Zerfall der alten Familienstrukturen, die Bedeutung der Genforschung. In den letzten Jahren hatte er sein  großes Lebensthema gefunden und als einer der ersten vor dem Ausmaß der digitalen Revolution gewarnt. Hier, im Netz, im Kampf gegen die Übermacht von NSA und den großen Internet-Giganten ging die Schlacht um die Geschichte, die ihn elektrisierte, in die nächste entscheidende Runde. Hier war er endlich im absoluten Zentrum der Gegenwart angekommen, da, wo sie täglich neu hergestellt wird, wo ihr Herz schlägt.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" - Frank Schirrmacher ist tot

Sein Horizont, der zu Beginn seiner Karriere noch von den alteuropäischen Portalsfiguren Ernst Jünger, Gottfried Benn, Franz Kafka und Stefan George abgesteckt war, erweiterte sich in den letzten Jahren bis in die unglaublichsten Verästelungen der amerikanischen Netzdebatte. Sein allerletzter Artikel in der FAZ vor sechs Tagen war ein Lob des kritischen Internet-Intellektuellen Jaron Lanier. Sein letzter Satz: "Jeder weiß, wie man ein Smartphone bedient; die politische Frage lautet umgekehrt: wie man verhindert, dass man vom Smartphone bedient wird."

Schirrmachers Angstlust war immer im Spiel

Die Angstlust, die dabei immer im Spiel war, der existentielle katastrophische Ton dieser Warnungen und Kassandra-Rufe, nach denen man süchtig werden konnte wie sonst nur nach starker Literatur, waren echt. "Ich habe das sichere Gefühl, dass die großen Tragödien und Katastrophen erst noch kommen werden, gerade für mich und meine Generation", hat er schon 1991 gesagt. Dieses Schicksalsgefühl, in dem er sein intellektuelles Leben verbracht und das ihn befeuert hat, hat sich auf aberwitzige Weise an diesem Donnerstag bewahrheitet.

Wir haben sehr viel verloren an diesem Tag. Wir – die Kulturjournalisten in Deutschland, weil er das deutsche Feuilleton so erfindungsreich politisiert, verlebendigt und dramatisiert hat. Wir – die Printmedien, für die er bedingungslos gekämpft hat. Wir – die Leser, die den wunderbaren Anarchisten, das geniale Kind, das abenteuerliche Herz dieses großartigen Journalisten vermissen werden.