Schwer zu sagen, wann das alles losging. Wann sich diese lose baumelnde Empfindsamkeit zur handfesten Euphorie entwickelte. Wann Menschen zu Einwohnern des entpolitisierten Gefühlsterritoriums "Schland" geworden sind , in dem die herrschende Farbkombination "Schwarz-Rot-Geil" heißt und in dem man kollektiv "Sieg" brüllt, ohne dass einem dabei etwas auffällt. Weil Fußball eben Fußball ist, heißt es, müsse man das nicht so eng sehen, weil die anderen Nationen das ja auch dürften. Und so ist jeder eine Spaßbremse, der asphaltdeutschen Regungen zurückhaltend gegenübersteht: Fahnenschwenken, Landesnamen rufen und der allgemeinen Begeisterung über einen nationalen Ausnahmezustand, an dem Journalisten fröhlich mitarbeiten. 

Während Teile des Politikjournalismus mittlerweile in einer Sprache des Boulevards schwelgen, die jede Seelenregung der Politiker ausdeutet, in der Sätze nicht mehr gesagt, sondern "gegeifert", "geblafft", "gebrüllt" und "gewinselt" werden – so haben sich Teile des Sportjournalismus, die öffentlich-rechtlichen zumal, in diesen Tagen ganz der Mobilisierung der Gefühle verschrieben, der Euphorie wie der Empathie. Wem die Entrüstungsindustrie nicht reicht, der soll sich gefasst machen auf die Befindlichkeitsindustrie.   

So kam es, dass vorab eine ganze Nation wochenlang Manuel Neuers Schulter begutachtete, Philipp Lahms Knie umsorgte und den Ausfall von Marco Reus solange bedauerte, bis sie "Syndesmosebandteilabriss" um drei Uhr nachts noch buchstabieren konnte. Der anschließenden Anreise in Brasilien folgten Eilmeldungen über die "sichere Landung". Oliver Bierhoff ließ ausrichten, dass alle vom "Rhythmus des Landes" erfasst und freundlich empfangen worden seien, was wiederum einigen Nachrichtenseiten zur Topmeldung des Tages taugte.     

Journalismus auf der Suche nach Spektakel hält in solchen Zeiten selbst das Wahrscheinlichste für eine unerhörte Begebenheit. Bastian Schweinsteigers Abtransport aus dem deutschen Camp folgte sofort die triumphierende Entwarnung: Routineuntersuchung! Na, ein Glück! Wir sehen zwischendurch Joachim Löw im Sonnenuntergang joggen. Hummels, der mit den obligatorischen Kopfhörern aus einem Bus steigt. Und ein Ex-Torwart namens Lutz Pfannenstiel hofft, dass die Brasilianer viele Spiele gewinnen, damit es im Land nicht zu Protesten kommt. Nun: feiernde Deutsche in Berlin, Hamburg, Hannover, München und Saarlouis, nach dem 4:0 gegen Portugal. Fans jubeln und Kamerateams verbreiten die Jubelbilder in die Wohnzimmer, wo ebenfalls gejubelt wird. 

Nun hat das in seiner Penetranz mit Journalismus kaum noch was zu tun. Vielmehr lässt sich ein Emotionsmanagement beobachten, auf das sich die Sender scheinbar geeinigt haben: die Selbstreflexion der Euphorie, das knallvergnügte Abbilden des Knallvergnügten, die delirante Selbstbezüglichkeit, die auf nichts mehr verweist, außer auf ein nationales Befinden. Auch Dasein und Dabeisein sind fürderhin gleich. So sitzt Kathrin Müller-Hohenstein neben Lukas Podolski und beide baden ihre Füße im Pool. Man hört, dass die "Stimmung im Team" gut sei, dass "alle heiß" seien und man "alle Mannschaften nicht unterschätzen" dürfe. Hinterher schenkt Müller-Hohenstein Podolski Badeschlappen, weil es das Sendekonzept so mit jedem Nationalspieler vorsieht, der nicht schnell genug die Flucht ergreift. Gemüt, das glaubt man dort offenbar, kommt ja in erster Linie von Gemütlichkeit.                

Die Mitteilungsleere dieses erheblichen Sendeaufwands bringt auch Wörter hervor, an denen sich alle Kommentatoren festklammern, um etwas wie Analysetiefe und Faktenschwere zu simulieren. In diesem Jahr ist es das "Umschaltspiel", das "Gegenpressing" als Plastikwort abgelöst hat, und man lernt, dass sich Argentinien und Bosnien damit schwer tun, Obacht indes vor den Portugiesen. 

Und selbstredend findet so was auch Einlass in die Wenndudanndastehst-Sätze von Oliver Kahn, in denen Menschen grammatisch nur mit unbestimmtem Artikel existieren: ein Müller, ein Neuer, ein Ronaldo, ein Messi. Plötzlich hat ein Vorstopper in der Mixed-Zone wieder jemanden vors Mikrofon bekommen. Dann geht's sofort von der Strandidylle in die sogenannten Katakomben. Und es bleibt eines der zahlreichen ungelösten Rätsel, warum dort verschwitzte Spieler kurios begierigen Reportern antworten müssen, dass sie glücklich sind, weil sie gewonnen haben oder traurig, weil sie verloren haben. Egal, die Gefühlsmaschine läuft.

Zu den eindrucksvollsten Etüden dieses pompös inszenierten Nichts gehört allerdings die ergebnisunabhängige Reporterfrage: "Woran lag's?" Weil sie gar nichts wissen will, weil sie eh alles besser weiß, beziehungsweise, haben es ja eh alle gesehen. Anschließend sagt es einer der Welkes oder Scholls oder einer der Beckmänner noch einmal und alle sind glücklich, dass sie derselben Meinung sind. Aber darum geht es ja: um die permanente rhetorische Verdopplung und die fröhliche Affirmation. Und wer weiß, vielleicht hinterlässt dieses Prinzip ja manche wie die Stücke von Eugène Ionesco, in denen sich alle Sprache aufgelöst hat und dabei das Geplapper der Welt umso deutlicher zu hören ist. Dann wäre es immerhin Kunst, was wir in den nächsten Wochen während der Moderationen sehen können. Falls sich der ein oder andere nicht doch rechtzeitig erinnert, wer das Umschaltspiel am besten beherrscht: die Fernbedienung.