Im Flur ist ein Regal zusammengekracht. Kniehohe Bücherstapel lehnen an der Wand und warten darauf, sortiert und sorgfältig wieder zurück auf die Bretter gestellt zu werden. Und nein, das ist kein schlechtes Omen, kein Symbol eines drohenden Zusammenbruchs. Nur die Folgen eines Umzugs. Der Deutsche Kulturrat hat hier kürzlich seine neuen Büroräume bezogen. Geschäftsführer Olaf Zimmermann weist den Weg in ein kleines, mit Raufaser tapeziertes Besprechungszimmer.

Ein sonniger Vormittag Ende Mai, wir befinden uns im Seitenflügel des ehemaligen Allianz-Gebäudes in Mitte, einem klassizistischen Bau von 1915. Lange war hier der Sitz der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft; ein Mosaik mit einer Bauernszene im Entrée zeugt noch davon. Jetzt zieren etliche Messingschilder den Eingang: Landesverband Berliner Galerien, Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine, Deutscher Museumsbund, Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste, ChanceTanz, credo:film, Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler. Wollte man einem ahnungslosen Amerikaner erklären, wie groß und breit und weit verzweigt die deutsche Kulturszene ist, dann wäre der Gehsteig vor der Mohrenstraße 63 kein schlechter Ort dafür.

Aber wir sind nicht hier, um Erklärungen abzugeben. Wir suchen nach Antworten. Vielleicht auch erst mal nur nach den richtigen Fragen. Seit Monaten erhitzt das Transatlantische Freihandelsabkommen, kurz TTIP, die Gemüter. Vor allem die Intransparenz, mit der man in Brüssel mit den Amerikanern verhandelt, ist der kritischen Zivilgesellschaft ein Dorn im Auge. Insgesamt 715.000 Unterschriften hat das Bündnis "TTIP unfairhandelbar", dem unter anderem Attac, die Beteiligungsplattform Campact.de und das Umweltinstitut München angehören, bisher Ende Mai gegen das Abkommen gesammelt.

Was aber hat das mit dem Deutschen Kulturrat zu tun, der die Interessen von 237 Bundeskulturverbänden vertritt? Und was mit dem quietschfidelen Kulturstandort Berlin, wo man an einem durchschnittlichen Donnerstag im Juni die Wahl zwischen 12 Lesungen, 15 klassischen Konzerten oder 46 Theater-, Opern- und Tanzvorstellungen hat, das Angebot für Kinder nicht mal mitgerechnet. Wo in 66 Kinos Hunderte Filmvorführungen stattfinden und 96 Museen, Galerien und Kunsträume gleichzeitig 148 Ausstellungen zeigen. Bei Handelsabkommen geht es üblicherweise nicht um Kultur, sondern um den Abbau von Zöllen und die Vereinheitlichung von Sicherheitsstandards, technischen Normen oder Wettbewerbsregeln.

Olaf Zimmerman ist das, was man einen hauptamtlichen Kulturlobbyisten nennen darf; der Deutsche Kulturrat versteht sich ausdrücklich "als Ansprechpartner der Politik". Was TTIP für die Kultur bedeuten könnte, bringt der Geschäftsführer auf eine einfache Formel: "Viele unserer Förderstrukturen sind marktverzerrend. Diese Eingriffe erschweren anderen Marktteilnehmern den Eintritt in den Markt." In Europa wird Kultur hauptsächlich durch die öffentliche Hand finanziert, direkt und indirekt, manchmal um drei oder vier Ecken herum. Der Staat ermöglicht, unterstützt, fördert, reguliert, begünstigt. Das fängt bei den Zuwendungen für Museen, Opern und Stadttheatern an, geht über die großen Kulturfonds, die Filmfördertöpfe, die verminderten Mehrwertsteuersätze für Theaterkarten und Bücher, bis zum Rundfunkbeitrag und der Buchpreisbindung. Werden amerikanische Unternehmen sich diesen staatlichen Protektionismus bieten lassen? Werden sie der Kulturszene ihre Finanzierungen streitig machen? Vor Gerichte ziehen? Oder sogar Gesetze zum Kippen bringen, indem sie – ultimatives Horrorszenario – einzelne Staaten vor Schiedsgerichten auf Schadensersatz wegen entgangener Gewinne verklagen?

Für unrealistisch hält Zimmermann das alles nicht. "Für die Amerikaner ist der Kultur- und Medienbereich der zweitwichtigste Außenhandelsbereich." Amerikanische Kulturgüter lassen sich hervorragend nach Europa exportieren, der Markt ist groß und lukrativ. Umgekehrt gilt das Gegenteil. Trotzdem geht es nur vordergründig um kulturelle Inhalte oder Dienstleistungen, glaubt Zimmermann. "Das eigentliche Interesse der amerikanischen Unternehmen liegt im Ausbau der Distributionsstrukturen." Gemeint sind die Geschäftsmodelle von Google, Apple und Amazon. "Aus ökonomischer Sicht ist unsere Vielfalt unsinnig. Mit kultureller Einfalt kann man viel mehr verdienen."

TTIP und das Parallelabkommen CETA, das die EU mit Kanada abschließen will, hält er für den alles entscheidenden Präzedenzfall. "Es gab bei früheren Handelsabkommen immer eine Grundübereinstimmung, dass der Kulturbereich an den Rändern berührt werden kann – aber eigentlich nimmt man ihn raus." Umgesetzt wurde das mithilfe von Positivlisten, in denen definiert wurde, auf welche Wirtschaftsbereiche das Abkommen anzuwenden ist. Bei TTIP ist das erstmals anders, hier ist alles betroffen, was nicht ausdrücklich ausgeschlossen ist.
Das kulturelle Europa kann man sich als verwirrendes, kleinteiliges, wuseliges Gebilde vorstellen, ein hoch subventioniertes, hochgradig ausdifferenziertes Wimmelbild. Gut und richtig und gesellschaftlich gewollt sei dieser Zustand, sagt Zimmermann. Leider aber trauten sich nur die Franzosen, die sich schon zu Beginn der TTIP-Verhandlungen für eine "Exception culturelle" ausgesprochen hatten, gegenüber den Amerikanern deutlich Stellung zu beziehen. Die Deutschen haben lieber mal wieder geschwiegen.