Zu einem der mittlerweile ausreichend beschriebenen Ärgernisse dieser Weltmeisterschaft gehören die Berichterstatter, die als bloße Gratulanten im Kabinengang warten. Reporter relevanzen sich an atemlose Fußballer, um die atemlosen Zuschauer mit atemlos emittierten Sätzen zu versorgen, deren Aussagen sich voneinander kaum unterscheiden. Froh, weil gewonnen. Traurig, weil verloren. Solange dieses Ritual ordnungsgemäß vollzogen wird, ist alles in Ordnung.

Nun wurde Per Mertesacker, ein deutscher Nationalspieler, wütend und ließ den ZDF-Reporter Boris Büchler auflaufen, wie das sowohl im Fußball als auch im Journalismus heißt. "Was wollen Sie jetzt von mir, so kurz nach dem Spiel?", lautete eine von Mertesackers Antworten, weil er sich offenbar keine Fragen stellen lassen möchte, deren Antwort schon jeder kennt, und die das ZDF ohnehin in quälender Länge noch einmal aufbereiten wird, unter Einsatz allerneuester Digitaltechnik. Seine Reaktion wird nun sowohl in sozialen Netzwerken als auch in den Zeitungen verhandelt, teils mit Sympathie für den Innenverteidiger, teils mit Unverständnis, weil der Reporter doch nur kritische Fragen gestellt hat, möglicherweise bloß zum falschen Zeitpunkt.

Seine Eingangsfrage schloss Büchler etwa mit den Worten: "Dass man sich noch steigern muss, dürfte auch Ihnen klar sein." Man kann nur rätseln, in wessen Namen Mertesacker hier zur Selbstkritik aufgefordert wird. Offenbar im Namen einer gesamten Fußballnation. Denn die hoffe ja, wie vermutlich auch die Sendeleitung des ZDF, noch auf einen "Wow-Effekt", wie Büchler das nennt. In diesem Wort steckt all jene Unterhaltungserwartung, die seit einiger Zeit an den Sport gestellt wird, als seien die Sportler dies dem Zuschauer schuldig, als verlange dies die offizielle, emotional aufgemöbelte Berichterstattung der WM.    

Immer diese Gaudiburschenlaune

Darin liegt das ganze Dilemma: Die DFB-Mannschaft soll nicht bloß gewinnen, sondern schön spielen und hinterher auch bester Stimmung sein. Und so erklärt sich zumindest die Begeisterung für Thomas Müller und Lukas Podolski, die verlässlich Gaudiburschenlaune verbreiten. Im Fernsehen, wo notorisch "magische Momente" eingefordert werden, hat Negativität keinen Platz mehr. Man will lieber Wirklichkeit mit dem Emotionswert der Soap-Opera. Man will "echte Tränen", "echte Freude" und alles, was sonst noch unter dem Modewort "Authentizität" firmiert, die nur gut ist, solange sie sich anpasst und irritationsfrei konsumierbar ist.

In dieser Logik ist ein aus der Haut fahrender Mertesacker ein Problem, obwohl er diese WM tatsächlich um einen authentischen Moment bereichert hat, nämlich den Zorn. Zorn ist nicht rational, er überfällt einen. Und Zorn ist, anders als jene Affekte, die sich mit Hintergrundmusik einseifen lassen, ein einsames Gefühl. Der Zornige ist im Augenblick seines Ausbruchs allein, weit weg von jeder abwägenden Vernunft, sodass es auch Mertesacker nun in Kauf nehmen muss, zu einem Protagonisten erbarmungswürdiger "Darüber lacht das Netz"-Formate zu werden, die sich kaum ein Medium noch verkneifen kann.   

In Zeiten, da die Säue zwar immer kleiner werden, aber die Dörfer immer größer, ist die lässige Toleranz für einen spontanen, im Grunde harmlosen Affektüberschuss kaum noch vorhanden. Die Bild-Zeitung befragte bereits ihre Leser im üblichen Moraltremolo: "Darf Mertesacker so reagieren?" Natürlich, er soll sogar! Und sei es als Aufbegehren gegen ein Verhaltensideal, das inzwischen in allen Segmenten der Gesellschaft herrscht: die professionelle Munterkeit und die Mentalität des wendigen Karrieristen. Von allen Leidenschaften befreit ist diese Sprache, in der man "weiter hart an sich arbeitet", sich auf "die nächste Herausforderung" freut und das "Team" im Mittelpunkt steht. Es grenzt ohnehin an ein kognitives Wunder, dass Fußballer sich an solche Konversationsregeln nach 90 Minuten erinnern können – zumal dann, wenn sie auf ein Selbstverständnis von Journalisten treffen, die sogar noch den Piloten eines soeben abgestürzten Flugzeuges nach dem "Warum" befragen würden, falls der noch zu einer Antwort in der Lage wäre.

Man muss also vielleicht mal an diese Worte erinnern: Wem der Zorn fehlt, dem fehlt die Selbstachtung. Könnte glatt von Mertesacker sein. Oder doch von Aristoteles.