Wer den Begriff "Blutkrieger" googelt, bekam bis vor Kurzem in erster Linie Treffer aus dem Fantasy-Bereich. Die Welt der Blutkrieger ist zum Beispiel die Welt des Halbbluts Rik, der halb Mensch, halb dunkle Elfe ist und gegen einen finsteren Lord kämpft. Seit Montag hat das Halbblut Rik Konkurrenz durch Bastian Schweinsteiger.

Dass Sportereignisse, vor allem wenn es sich um Fußball handelt, mit Metaphern aus dem Kriegsbereich gedeutet werden, ist nicht neu, und es ist auch nicht exklusiv deutsch. Ausländische Medien machen so etwas auch. Die Charakterisierung der deutschen Nationalmannschaft als "Panzer" zum Beispiel ist zwar kein Sportjournalismus, da mittlerweile nicht mehr zutreffend, aber immer noch beliebt.

Aber nur weil etwas üblich ist, kann es trotzdem dummes Zeug sein. Der martialische Blutkrieger jedenfalls, den die Onlineausgaben von Welt und Focus heute in Schweinsteiger sehen, ist daneben. Wenn man sich vorstellt, dass eine angemessene Charakterisierung wie ein Torschuss in den Winkel ist, geht diese hier Richtung Seitenauslinie.

Die Fakten sind ja die: Schweinsteiger hat während des WM-Endspiels einen Schlag ins Gesicht bekommen und anschließend geblutet. Es ist ebenfalls ziemlich eindeutig, dass er sich auf dem Fußballplatz körperlich sehr verausgabt hat. Man könnte also sagen, Schweinsteiger ist ein Fußballer, dessen Spiel am Sonntag von großem Einsatz geprägt war und der aus einer Wunde unter dem Auge blutete – für knapp eine Minute, dann war die Wunde zu. Aber nö. Blutkrieger. Die Nummer kleiner ist gerade aus.

Goldener Krieger gegen Brutalo-Gauchos

Es ist nicht die einzige Kriegsmetapher, die in der Nach-Finalberichterstattung auftaucht. Wo sich jemand beim Sport ein Knie aufschürft, ist zum Beispiel die Assoziation "Blut, Schweiß und Tränen" nicht weit. "Blut, Schweiß und Tränen" ist ein abgewandeltes Zitat aus der bekanntesten Churchill-Rede. Dieses Zitat ist ins Gemeingut übergegangen, es ist daher völlig in Ordnung, es ohne Urheberhinweis zu benutzen. Aber es ist schon interessant, in welchem Zusammenhang es Churchill gebrauchte. Es war 1940.

Wenn man aber ein Kriegsmetaphernlexikon im Regal des Sportressorts stehen hat, muss man es offensichtlich auch benutzen. Journalistenkollegen, denen aufgefallen ist, dass Schweinsteiger nach der "Schlacht im Maracana" einen goldenen Pokal in der Hand hatte, bezeichneten ihn in einer vergleichsweise vernünftig anmutenden Titelvariante als "goldenen Krieger". Ihre andere Variante lautete: "Heroisch trotzte Blutkrieger Schweinsteiger allen Angriffen der Brutalo-Gauchos."

Erinnert sei auch an die Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor acht Tagen – das Halbfinale gegen Brasilien stand bevor –, auf der ein blonder muskulöser Hüne in weiß-rotem Dress einem gelb-grün gewandeten Gegner an Krücken gegenübergestellt wurde. Der Hüne hatte zwar etwas von einem US-amerikanischen Superhelden. Dass die erste Assoziation mancher Betrachter trotzdem Riefenstahl war, muss nicht nur an ihnen liegen.

Kann natürlich sein, dass das alles nur Schall und zu viel Pathos ist. Aber Worte und Bilder bedeuten etwas. Genauso ist es nicht bedeutungslos, ob man einen Mann wie Schweinsteiger, der ein tolles Spiel machte und spätestens nach dem WM-Finale im Nebenberuf als gesellschaftliche Projektionsfläche arbeitet, zum "Krieger", "Berserker" und "Führer" macht oder doch lieber andere Bezeichnungen findet. Allerdings ziehen sich die martialischen Bilder nicht durch alle Medien. Sie tauchen nur in einigen auf.

Embedded journalism

Wenn man aber schon über die WM-Berichterstattung spricht, muss man auch auf die Einbettung des WM-Journalismus in die PR des Deutschen Fußball-Bunds eingehen. Anfangs fiel die große Nähe zum DFB nur bei den Öffentlich-Rechtlichen auf, die derart viel Geld für Übertragungsrechte der WM-Spiele ausgeben, dass sie gar nicht anders können, als die WM an sich spitze zu finden. Man stelle sich vor, ARD und ZDF zahlten viel Gebührengeld für die Fernsehrechte, um dann herauszufinden, dass diese WM völlig überschätzt sei – geht natürlich nicht. So kam es, dass man manchmal "nicht wusste, ob es sich noch um Werke der Sportredaktionen handelt – oder schon um solche des DFBs". Dass die FAS nun aber bereits vor dem Finale ganzseitig auf der Titelseite das Logo des DFB abdruckte, zusammen mit vier Sternen, die für vier Weltmeistertitel stehen sollen, sorgte für den Eindruck, dass der DFB nicht nur Fernsehen macht, sondern auch Zeitungen.

Fußball ist ein Spiel, ein tolles, das einen mitreißt und aufregt und ärgert. Ein WM-Finale ist noch mal extra besonders, und große Emotionen sind eh was Feines. Aber wie sich der DFB in den vergangenen Jahren als Sinn- und Identitätsstifter in die Fußballberichterstattung gemogelt hat, ist bemerkenswert. Der Dachverband der Fußballvereine hat es hingekriegt, als Synonym für "Deutschland" wahrgenommen zu werden. Seit der WM 2006 in Deutschland – das war die, bei der der Bundestrainer Jürgen Klinsmann empfahl, die Polen "durch die Wand zu hauen" –, sind Hulahula-Ketten und Außenspiegelpräservative in den Nationalfarben im Straßenbild während eines Turniers völlig üblich.

Nationale Symbolik mag, wohlwollend betrachtet, beim Fußball etwas Spielerisches haben. Die Spielerei verfestigt sich aber, wenn man sie in Kriegsmetaphern steckt. Anders gesagt, es ist ein Unterschied, ob man sich für ein tolles Spiel und eine sympathische Mannschaft begeistert und ihr auch eine Vorbildfunktion zuschreibt. Oder ob man sie mit nationalen und militärischen Kategorien auflädt. Diese Aufladung geschieht nicht nur auf der Fanmeile. Sie geschieht auch in Medien. Wenn es "deutsche Panzer" gibt, dann sind es nicht die Fußballer, sondern manche Journalisten.