Wenn auf WG-Toiletten nicht mehr die Titanic, sondern die Landlust liegt, wenn bereits Zwanzigjährige Gärten zum Abschalten pachten und für die Semesterferien einen Aufenthalt im Schweigekloster planen, dann heißt das Entschleunigung. Es ist die Antwort auf Burnout-Statistiken, Depression und Leistungsdruck.

Neu ist nicht nur, dass die Bewusstseinswelle von der arbeitenden Bevölkerung um die 50 zunehmend auf jüngere Altersgruppen übergreift, sondern dass sie sich jetzt auch am Knotenpunkt der Rast- und Zeitlosen breitmacht: dem Bahnhofskiosk. Zwischen Motorsport und Tageszeitung wartet dort in pastelligen Tönen ein lesbares Wohlfühlversprechen, das sich Mindstyle-Magazin nennt. Es firmiert unter Titeln wie Flow, Slow und Bewusster leben, Yoga Journal und Happinez, und ist erkennbar an einem festen Symbol-Repertoire. Titelblatt: Frau in Natur. Blütenknospe.

Die Leserin (man konzentriert sich sichtlich auf die weibliche Kaufkraft) bekommt dabei einen klaren Auftrag suggeriert. Sie soll mehr Gutes tun, speziell für sich selbst. Genussvoller sein. Entspannter. Ruhiger. Fokussierter. Sinnlicher. Ob der Weg dorthin in der Praxis über den Dalai Lama (S.74, Bewusster leben) oder ein Date mit dem Selbst (S. 64, ebenda), über Glückstraining (S.94, Vital), bewusstes Aufräumen (S.130, Flow), Brotbacken oder Aussteigerberichte (S. 18, Slow) führt, ist im Grunde egal. Es geht ums Einfach-mal-positiv-Sein.

Müßiggang wird gesellschaftsfähig

Während die Redaktionen von Happinez und Bewusster leben den drohenden Burn-out offenkundig mit einer großzügigen Dosis Spiritualität löschen wollen (Gimmick-Beispiel: Runen-Karten für Mittsommer-Prophezeiungen), setzen Flow und Slow auf Gutmensch-Geschichten, Ökologie und Nachhaltigkeit (Gimmick-Beispiel: Achtsamkeits-Übungstagebuch aus Umweltpapier).

Blüten auf Umweltpapier: Cover der aktuellen Ausgabe des Magazins "Flow" © Flow Magazin

Flow und Slow sind die Jungspunde unter den Nachhaltigkeitsheften. Sie sind hip, weil sie retro sind, irgendwo zwischen Landlust und Vice. Das heißt konkret: mattes, festes Umweltpapier. Ruhiges Layout. Tusche-Illustrationen über meditativen Reise-Fotostrecken. Sri Lanka. Uckermark. High-Heels. Gummistiefel. Schönheit. Und ein paar sympathisch-engagierte Role Models dazu. All das liegt sich gut im urbanen Jute-Beutel, und deshalb verkauft es sich.

Zwischen den naturgrauen Design-Seiten von Flow und Slow wird der Müßiggang vorzeigbar und gesellschaftsfähig. Dazu kommt ein Inhalt, der die menschliche Bedürfnispyramide treppauf, treppab mit Notwendigkeiten speist. Wir lernen, dass Scheitern okay ist. Dass ziemlich viele kluge Köpfe vielseitig zitierbare Kommentare zur Entschleunigung gegeben haben, und dass diese in Schreibmaschinenschrift gut zur Geltung kommen. Dass in Erdbeer-Mandel-Frühstücks-Muffins die Schale einer halben Bio-Zitrone gehört, und dass es beim Zeitunglesen auf den positiven Fokus ankommt.