Am 11. März 2014 wurde in Wien der Direktor des Burgtheaters, Matthias Hartmann, entlassen. So etwas hatte es in der Geschichte der Burg nie zuvor gegeben. Das Theater, eine der größten und reichsten Bühnen der Welt, war tief verschuldet. Und nicht nur das: Es hatte im Finanzwesen des Hauses eine Fülle von Abschreibungstricks und Unregelmäßigkeiten gegeben; das alles war so blickdicht verschleiert worden, dass auch externe und interne Revisoren es lange nicht gemerkt hatten.

Am 3. Januar 2014 entließ Hartmann die ehemalige kaufmännische Direktorin der Burg, Silvia Stantejsky, die, so hatte ein Gutachten gezeigt, eine Zentralagentin der Misswirtschaft im Haus gewesen war. Am 11. März musste dann auch Hartmann gehen. Der österreichische Kulturminister sah ihn als Mitverantwortlichen der Finanzkatastrophe.

Jetzt sagt Hartmann in der aktuellen Ausgabe der ZEIT: "Ich habe die Schulden aufgedeckt, deshalb musste ich gehen. Ich kam der Sache so nahe, dass ich gefährlich wurde, und bin deshalb entsorgt worden."

Hartmann wurde vom österreichischen Kulturminister Josef Ostermayer aufgrund eines Gutachtens entlassen, das den Burg-Direktor stark belastet. In demselben Gutachten, das der ZEIT vorliegt, wird aber auch Hartmanns Vorgesetzter Georg Springer, Chef der österreichischen Theaterholding und Aufsichtsratsvorsitzender der Burgtheater GmbH, stark belastet – ein Umstand, den der Kulturminister nicht erwähnte, ja den er in Interviews mit österreichischen Zeitungen sogar bestritt.

Hartmann bekam die Garantie, ein schuldenfreies Haus zu übernehmen

Georg Springer hatte bereits am 24. September 2006 dem designierten Direktor Hartmann schriftlich versichert, dass dieser "keine Verlustvorträge aus Vorjahren" übernehmen müsse. Hartmann bekam die Garantie, dass man ihm das Haus im Jahr 2009 schuldenfrei übergeben werde.

In einer investigativen Reportage der ZEIT in der aktuellen Ausgabe wird erstmals aus einer Aufsichtsratssitzung vom Juni 2008 zitiert, in der das Budget für das Geschäftsjahr 2008/2009 genehmigt werden sollte (Hartmann übernahm die Direktion im Jahr 2009). Das Budget enthielt zum Unmut des Aufsichtsrats ein Minus von 4,4 Millionen. Der Aufsichtsratsvorsitzende Georg Springer sagte: "Die 4,41 Millionen müssen verschwinden. Wie sie verschwinden, ist dem Aufsichtsrat wurscht." 

Undurchsichtige Buchungen und Barauszahlungen von Gagen

Dem Burgtheater wurde auferlegt, innerhalb der nächsten drei Monate für eine schwarze Null zu sorgen, gleichgültig wie. In der Sitzung saß auch Silvia Stantejsky, die ehemalige kaufmännische Direktorin der Burg – von der mittlerweile bekannt geworden ist, dass sie Teile des Ensembles in ein Netz aus undurchsichtigen Buchungen und Zuwendungen eingesponnen hat, etwa mit Barauszahlungen von Gagen. In einem sogenannten Containersystem waren Gelder, offenbar seit dem Jahr 2002, trickreich verschoben worden, um Defizite zu verdecken.

Vieles spricht mittlerweile dafür, dass Hartmann die über viele Jahre vollzogenen Unregelmäßigkeiten in ihrer Drastik gar nicht erfassen konnte. Peter F. Raddatz, zuletzt Generaldirektor der Berliner Opernstiftung und derzeit Geschäftsführer des Hamburger Schauspielhauses, wurde 2011 von Hartmann als externer Revisor nach Wien gerufen. Raddatz sagt jetzt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT auf Nachfrage der Redaktion: "Hartmann hat die Schattenwirtschaft, die da betrieben wurde, gar nicht durchschauen können." Frau Stantejsky habe "finanzielle Transaktionen (...) uneinsehbar ablaufen" lassen. "Dieses System gab es schon seit 2002, also lange vor Hartmanns Zeit."