Der Historiker und Russlandexperte Wolfgang Leonhard ist tot. Er starb am Sonntagmorgen im Alter von 93 Jahren nach schwerer Krankheit in einem Krankenhaus in Daun in der Eifel. "Es war ein langer Kampf", sagte seine Frau Elke Leonhard. 

Zu Leonhards bekanntesten Werken zählt die 1955 erschienene autobiographische Erzählung Die Revolution entlässt ihre Kinder, in der er seine Wandlung vom begeisterten Kommunisten zum Kritiker der Sowjetunion beschreibt.

Der als Wladimir Leonhard in Wien geborene Junge verbrachte Teile seine Kindheit in der Sowjetunion und wurde dort erzogen. Seine Mutter Susanne Leonhard, eine deutsche Kommunistin, wurde ins Lager gesteckt. Leonhard brach mit dem Stalinismus und zog in die sowjetische Zone Deutschlands. Dort war er politisch tätig und lehrte unter anderem an einer SED-Parteihochschule.

Ulbricht passte der Vorname nicht

Kurz vor der Kapitulation Hitler-Deutschlands wurden die Genossen nach Deutschland gebracht, um dort einen kommunistischen Staat aufzubauen. "Das mit dem Wladimir ist schlecht, hast du keinen deutschen Vornamen?" sagte der spätere DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht während des Fluges am 30. April 1945. Leonhard berichtete, er habe Wolfgang angeboten, Ulbricht habe zugestimmt.

In der sowjetischen Besatzungszone sah Leonhard seine Hoffnung auf den Aufbau einer antifaschistischen und demokratischen Republik aber bald enttäuscht, das stalinistische System empfand er als schlimm. 1949 floh er deswegen nach Jugoslawien. 1950 siedelte Leonhard dann in die Bundesrepublik um und machte sich schnell einen Namen als Ostexperte. In den USA lehrte er zudem 21 Jahre lang als Kommunismusexperte an der Eliteuniversität Yale.

Analytiker des real existierenden Kommunismus

Leonhard galt als letzter Zeitzeuge aus dem innersten kommunistischen Führungskreis, der die spätere Gründung der DDR vorbereitet hatte. "Es ist nicht dasselbe, ob man von politischen Gegnern, die man bekämpft, oder von seinen eigenen Leuten umgebracht wird", sagte er einst bitter. Die deutschen Kommunisten seien "die einzige politische Bewegung, in der ungefähr gleich viele Menschen von den Nazis und von den Stalin-Leuten in der Sowjetunion umgebracht wurden".

Leonhard verbrachte den größten Teil seines Lebens in der Eifel in Manderscheid – umgeben von mehr als 6.000 Büchern über die UdSSR und die DDR, mit der Analyse des real existierenden Kommunismus.