Es gibt ein Land, das die Politikerin Sahra Wagenknecht arg vermisst. Man kann es in ihren Büchern nachlesen, man kann es in ihren Reden heraushören. Ein Land, in dem Post und Bahn, Wasser und Strom verstaatlicht sind. Ein Land, das seinen Sozialstaat hegt und pflegt. Ein Land, in dem die Mieten erschwinglich und die Preise stabil sind. Ein Land, in dem es kaum Arbeitslose gibt. Ein Land, das sich aus militärischen Konflikten wie humanitären Missionen raushält. Ein Land, das keine zentrale Rolle in Europa spielen will.

Genau: Sahra Wagenknecht vermisst die alte BRD.

Nicht die sogenannte Alternative für Deutschland mit ihrer plumpen Deutschtümelei, über die man von Kiel bis Freiburg die Nase gerümpft hätte, und ihren antieuropäischen Ressentiments, für die ihnen übrigens von Adenauer bis Kohl sämtliche Kanzler der alten Bundesrepublik die Ohren lang gezogen hätten, hält das Erbe dieses kleinen Staates hoch – sondern die mittlerweile im Saarland, im wirklich allertiefsten Westdeutschland lebende, einst als Stalinistin verschrieene Sahra Wagenknecht.

Dazu zwei Fragen: Was ist passiert? Oder ist es nach vorherrschender Meinung nicht die DDR, die spurlos verschwunden und in der Bundesrepublik aufgegangen ist?

Die Antwort ist nicht ganz einfach, aus zwei Gründen.

Anders als in der DDR, deren Bürger ihren Staat sehr offensichtlich satt hatten und die bei den Volkskammerwahlen über das Schicksal ihres kleinen Landes abstimmen durften, waren die Westdeutschen Ende der Achtziger weder in Revolutionsstimmung, noch wurden sie gefragt, ob sie gerne in einem anderen Land leben wollen würden. Wollten sie auch nicht, die Ausreisewelle gen DDR, aber auch ins sonstige Ausland hielt sich doch sehr in Grenzen. Als 1987 die letzte Bundestagswahl vor der Wiedervereinigung stattfand, war Gesamtdeutschland so wahrscheinlich wie eine Marsmission.

Zweitens lässt sich das Ende der alten BRD, anders als das der DDR, nicht auf einen Zeitpunkt, einen Ort oder einen symbolischen Akt herunterbrechen. Während die DDR auf dem Leipziger Goerdelerring und dem Berliner Alexanderplatz in aller Öffentlichkeit zu Grabe getragen wurde, starb die alte BRD einen langsamen, fiesen Tod, fernab jeder Öffentlichkeit. Ja, der Umzug der Regierung nach Berlin war ein Sargnagel, aber weder die Todesursache, noch das eigentliche Begräbnis.

Eigentlich sollte das niemand besser wissen als die tapferen DDR-Bürger, die 1989 auf die Straßen gingen, weil sie aus der westdeutschen Tagesschau wussten: Ein besseres Land ist möglich.

Bloß: Diese DDR-Bürger, die Stasi und Volksarmee trotzten, die sich von der VoPo nicht einschüchtern ließen und das Honecker-Regime gemeinsam mit Michael Gorbatschow aus dem Staatsratsgebäude jagten, wurden betrogen.

Denn dieses Deutschland, das sie nach 1990 bekamen, war eben nicht die gemütliche, sozial ausbalancierte und primär funktionable Bundesrepublik, bloß auf größerem Boden. Sondern es war ein von Neoliberalismus und von den politischen Umbrüchen aufgepeitschter, siegestrunkener neuer Staat auf nationalem Selbstfindungstrip und mit ständigem Rekurs auf das Kaiserreich.

Vor allem der von den Chicago Boys ausgeheckte und von Ronald Reagan und Margaret Thatcher als Gegenmodell zur sozialen Marktwirtschaft in Stellung gebrachte Fundamentalkapitalismus ergriff die Chance, die sich durch den Umbruch in Europa bot. Die Treuhandanstalt war der erste Agent dieser neuen Ideologie: Betriebe wurden auf Wirtschaftlichkeit geprüft und ohne jede weitere Überlegung, welche sozialen Folgen daraus resultieren könnten, geschlossen.

Das gleiche Schicksal ereilte auch den Westen, wenn auch grob acht Jahre später: Bahn, Strom und Post wurden, immer unter dem Vorwand der Effektivität und der angeblich so bürokratischen Strukturen, privatisiert und marktkonform geschliffen. Mit Ludwig Erhard, diesem Säulenheiligen der BRD, hatte das nicht mehr viel zu tun.