Am Silvesterabend des Jahres 1989 steht ein Mann auf der Terrasse seines Hauses hoch über dem Rhein. Im Hintergrund läuft die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers. "Das vor uns liegende Jahrzehnt kann für unser Volk das glücklichste des Jahrhunderts werden", sagt der Kanzler. Der Mann hört nicht länger hin, sondern verliert sich in seinen Gedanken. Das glücklichste aller Jahrzehnte, so lautet sein Fazit, liegt nicht vor uns, sondern geht gerade zu Ende. Die Achtziger, ausgerechnet, die viel gescholtenen.

Eine Romanszene, die sich der Schriftsteller Jochen Schimmang für seinen Roman Das Beste, was wir hatten ausgedacht hat. Eine Szene mit hohem Symbolcharakter. Kürzlich war in einem der vielen nun zum 25. Jahrestag des Mauerfalls veröffentlichten Texte zu lesen, es existierte nicht nur das Wort "Westalgie" nicht, sondern auch nicht das dazu gehörende Gefühl. Denn wonach solle man sich sehnen? Ich kann das sehr genau erklären.

Denn erst jetzt, ganz leise, erheben sich schüchtern die Stimmen, die auszusprechen wagen, was im Bewusstsein einer ganzen Generation als Empfindung, die verteidigt werden muss, vorhanden ist: Auch wir hier im Westen haben in den Jahren nach 1989 unser Land verloren, immer ein Stückchen mehr und mehr. Es ist untergegangen, eliminiert worden und noch dazu verspottet als miefig, eng, spießig und wie sonst die Modeworte der Berliner Republik noch so heißen mögen.

Ein Sicherheitsgefühl

"Wir haben unsere Identität verloren", brüllt der Ostchor, "unser Land wurde uns genommen mit seinen Errungenschaften, die Vollbeschäftigung, die Frauenrechte." Stimmt, das einzige, was geblieben ist, sind Männer: das Ampel- und das Sandmännchen. Das ist doch mal eine Bilanz.

Ich habe in Bezug auf dieses Land etwas, was manche vielleicht nicht haben. Ich nenne es mein Deutschlandgefühl. Und es ist mir im Grunde komplett abhanden gekommen. Die alte Bundesrepublik, in der ich aufgewachsen bin, ist ein friedliches Land und ein schönes. Hessen, irgendwo in der Nähe von Darmstadt. Es ist ein Land, in dem ein einziges höheres Beamtengehalt, das mein Vater bezog, ausreichte, um ein Haus zu bauen, eine vierköpfige Familie zu ernähren, zwei Söhne studieren zu lassen und im Alter keine Sorgen zu haben. So funktionierte dieses Land.

Mein Deutschlandgefühl ist ein Sicherheitsgefühl. Die erste Bedrohung meiner Kindheit war der Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Meine konservativen Eltern packten meinen Bruder und mich damals ein und fuhren in den Stadtwald von Mörfelden-Walldorf, wo wir im Hüttendorf saßen, gemeinsam mit den demonstrierenden Umweltschützern, und dem Schriftsteller Peter Härtling zuhörten, wie er aus seinen Büchern vorlas. Das war alles. Hat selbstverständlich nichts genutzt; heute donnern die Flugzeuge im Minutentakt über die Köpfe meiner Eltern (und über meinen). Und wie war das noch mal im Großen? Ein Land, dessen größte Gefährdung in einer Boheme-Guerilla wie der RAF bestand, ist ein glückliches Land. Und dass die DDR dann einen Großteil dieser Witztruppe aufgenommen hat, ist eine weitere ironische Pointe der Geschichte.

Die DDR, ja, die gab es. Auch bei uns. Meine Großmutter väterlicherseits stammt aus Thüringen. Ich bin also ein Viertelossi. Mein Vater, ein geborener Hamburger, hat die letzten Kriegsjahre in seiner thüringischen Mutterstadt verbracht. Ein einziges Mal bin auch ich in jenem Land gewesen, das früher DDR hieß. Es war das Jahr 1982; mein Vater und ich besuchten meinen Onkel in jener thüringischen Kleinstadt. Ich merkte, dass ich in einem anderen Land war. Die Menschen hatten komische Namen; mein Cousin hieß Roger, was alle aussprachen wie "Rotscher"; mein Onkel holte uns in seinem hellblauen Wartburg vom Bahnhof ab; es roch sehr seltsam überall, und die Schokolade, die ich von meiner Tante bekam, hatte mit Schokolade, so wie ich sie kannte, nichts zu tun. Sie brachten uns in ihr Kleingartenhäuschen (wahrscheinlich nannten sie es "unsere Datsche"), wo mein Cousin mir massenhaft Tittenmagazine zeigte, die mein Onkel unter der Eckbank lagerte. Das fand ich ganz gut.