Der VW Käfer Export Type 1 von 1953 © National Motor Museum

Mit Neil MacGregor ist das Sublime eingezogen in die Beziehung der Briten zu den Deutschen. Im tadellos sitzenden dunklen Anzug schlängelt sich der Direktor des Britischen Museums zur Pressevorschau durch die Menge vor allem deutscher Journalisten. Leicht vorgebeugt, mit verhaltenen Lächeln spricht er von dem Unbegreiflichen in der deutschen Geschichte. Deutschland, sagt er, sei ein Land mit beweglichen Grenzen, von immerzu sich ändernder Gestalt, die neueste Version gerade 25 Jahre alt: Geboren am 9. November 1989. "Down" steht auf einem Stück der gefallenen deutsch-deutschen Mauer, aufgebaut links neben dem dunklen, schlauchartigen Eingang zur Ausstellung. Am Ende des Korridors öffnet sich der erste Raum und dem Betrachter leuchtet ein Pappschild entgegen. Es hat die Form der vereinten Ost- und Westhälfte Deutschlands, ist schwarz-rot-gelb bemalt und in der Mitte steht mit weißen Großbuchstaben: "Wir sind ein Volk".

British Museum - Deutschland-Schau in London – abseits von Nazi-Klischees Viele Briten verbinden mit der deutschen Geschichte vor allem die Nazi-Zeit. Eine Ausstellung im British Museum in London will das nun ändern. Sie zeigt 600 Jahre deutscher Geschichte mit Goethe, Meißner-Porzellan und dem VW Käfer.

Neil MacGregor ist ein Zauberer. Mit der Ausstellung Germany – Memories of a Nation (Deutschland – Erinnerungen einer Nation) hat er eine geistreiche Skizze Deutschlands geschaffen. Mit leichter Hand einen Essay über die deutschen Lande entworfen aus Gegenständen der vergangenen 600 Jahre. Aus Dingen, die Geschichten evozieren, Zusammenhänge symbolisieren, Mentalitäten veranschaulichen. MacGregor hat diese Methode vor vier Jahren für seine Geschichte der Welt in 100 Objekten erfunden. Das Buch (2012 erschien die deutsche Übersetzung) ist in Großbritannien bis heute ein Bestseller, die dazugehörige Serie von 15-minütigen Radiosendungen war Kult. Immerhin ging es um Weltgeschichte. Aber Deutschland?

Über Jahre haben wir uns daran gewöhnt, dass Deutsche in Großbritannien zuerst einmal Nazis waren. Der Deutsche im britischen Fernsehprogramm war blond und schnarrte "Achtung!". Bevor Deutschland 2006 die Fußballweltmeisterschaft ausrichtete, schrieb die Sun über die Ähnlichkeit des Fußball-Logos mit Hitler und entdeckte ferngesteuerte Mini-Panzer in den Stadien. Als endlos witzig galt der Hinweis auf die deutsche Wesensart, gemäß der wir im Urlaub schon morgens um sechs die besten Liegen am Pool mit dem Handtuch reservieren.

Leipziger Demonstrationsplakat von 1989 © Deutsches Historisches Museum

Das änderte sich, als Briten, die 2006 zur besagten Weltmeisterschaft anreisten, ein neues, entspanntes, lachendes Deutschland vorfanden. Etwa zur selben Zeit entdeckten britische Maler und Musiker Berlin: Die Stadt war hip und bot Wohn- und Studioräume zu einem Drittel der Londoner Preise. Dann änderte sich Deutschlands Image noch einmal, als mit der Euro-Krise die deutsche Kanzlerin zur mächtigsten Person Europas, Deutschland auf einmal wieder zum reichsten, mächtigsten Staat der EU wurde.

Interesse am deutschen Wirtschaftsmodell

Das Image der Deutschen ist seitdem nicht mehr so locker, wie kurzzeitig nach dem Sommermärchen der Weltmeisterschaft. Aber es hat an Gewicht gewonnen. Jetzt interessieren sich Londoner Minister und Parteichefs brennend für das deutsche Wirtschaftsmodell. Britische und deutsche Ministerien tauschen sich fast so häufig aus wie deutsche und französische. Bilaterale Treffen sind von britischer Seite so hochrangig besetzt wie schon lange nicht mehr. Im Februar wurde der Kanzlerin unter lautem Jubel der britischen Presse die Ehre zuteil, vor beiden Häusern des Londoner Parlaments zu sprechen – das dürfen nur wenige Regierungschefs.

Neil MacGregors Ausstellung deutscher Erinnerungen steht auf der subtileren Seite im Spektrum dieser neu- und wiederentdeckten britischen Deutschlandliebe. Bis zum Ersten Weltkrieg fühlten sich Briten und Deutsche einander näher als anderen europäischen Nachbarn. MacGregor selbst stammt aus einer schottischen Familie, in der selbstverständlich davon gesprochen wurde, wie der preußische General Blücher dem englischen Herzog von Wellington half, Napoleon zu besiegen.