Die Krautreporter behaupten, sie wollten den Online-Journalismus retten. Das ist zugespitzt formuliert, aber was ist damit eigentlich gemeint?

Bisher hat der Journalismus das Internet vor allem zur Beschleunigung genutzt, was zwangsläufig zu einer Verknappung und Oberflächlichkeit der Berichterstattung führen musste. Vernachlässigt wurde, dass das Internet auch für analytische und erzählende Beiträge bessere Möglichkeiten bietet als die klassischen Medien. Eigenständige Formate existieren bisher erst in Ansätzen, etwa beim multimedialen Storytelling. Die Webreportage Snowfall der New York Times war Vorbild für viele Redaktionen.

Lange Texte erfordern jedoch gründliche Recherche und eine aufwändige Aufbereitung. Außerdem muss ein Publikum gefunden werden, das solche Angebote schätzt. Die Redaktionen müssen lernen, wie die User mit komplexen, non-linearen Formen umgehen. Die Krautreporter haben ja bereits 17.500 Mitglieder geworben, sodass die Chancen gut stehen, dass sie neben der finanziellen Unterstützung auch reichlich konstruktives Nutzer-Feedback bekommen.

Ist Crowdfunding im Journalismus überhaupt ein Geschäftsmodell im wörtlichen Sinn oder vielmehr modernes Mäzenatentum?

Crowdfunding wird nur in Einzelfällen als Finanzierungsform gut funktionieren. Bisherige Projekte – sei es in den USA oder auch in Deutschland – mussten mit geringen Beträgen auskommen. Spot.us, die größte dieser Plattformen, vermittelt zahlende Leser für einzelne Beiträge, die Journalisten dort anbieten. Hier werden vor allem news you can use bezuschusst, also Ratgeberthemen.

Die Krautreporter suchen dagegen Mitglieder, die sich länger binden und nicht nur einzelne Beiträge, sondern das Gesamtprojekt finanzieren. Das sichert Kontinuität. Aber nur eine Minderheit der User wird sich für einen besseren Journalismus engagieren wollen. Vor allem in der Frühphase werden die Unterstützer der Krautreporter eher Mäzene sein, die ein Experiment mit offenem Ausgang fördern. Erst nach einer Anlaufphase, sobald die ersten Projekte abgeschlossen sind, wird klar sein, was das Publikum erwarten darf. Dann werden möglicherweise auch solche Nutzer hinzustoßen, die weniger am Experiment interessiert sind und mehr an guten Geschichten.

Dass ein Crowdfunding-Projekt ökonomisch und publizistisch erfolgreich sein kann, beweist die niederländische Website De Correspondent, die Ende September 2013 gestartet ist. Sie bietet investigative Recherche, vertiefende Analysen und solche Themen, die von den Mainstream-Medien vernachlässigt werden.

Die Krautreporter wollen sich nicht von Werbekunden oder der Agenda der Nachrichtenagenturen treiben lassen. Ist dadurch Unabhängigkeit gegeben?

Der Verzicht auf Werbung ist eine feine Sache. Die Verpflichtung gegenüber dem Publikum wird im Gegenzug größer. Ein permanenter Austausch mit den eigenen Lesern, wie ihn die Krautreporter planen, kann sehr fruchtbar sein und helfen, den Erwartungen des Publikums besser gerecht zu werden. Auch die Leser werden lernen können, wie Journalisten arbeiten und was sie unter Qualität verstehen.

Dennoch stellen sich hier auch Fragen: Wie stark ist die Abhängigkeit von Großförderern? Wie weit soll die Crowd in die redaktionelle Arbeit eingreifen können? Wie viel Autonomie braucht der einzelne Reporter? Nicht jeder Schritt kann infrage gestellt werden. Das würde die Arbeitsabläufe hemmen. Hier wird es darauf ankommen, die richtige Balance zu finden. Vermutlich kann die Crowd-Mitsprache nur in einem Milieu von Gleichgesinnten gut funktionieren, in dem ähnliche Qualitätsvorstellungen und Themenpräferenzen bestehen, weil nur so Endlos-Debatten vermieden werden können. Am besten einigt man sich auf einen Kodex, in dem das Qualitätsverständnis ausformuliert ist.

Was könnten die Krautreporter idealerweise mit ihrem Projekt erreichen?

Die Krautreporter setzen auf Unabhängigkeit, Exklusivität, Hintergrund und Recherche. So heißt es programmatisch auf ihrer Website. Zum Start sind im Angebot viele Auslandsthemen, die Bedeutung über den Tag hinaus haben. Die Seiten wirken aufgeräumt, der Text steht im Vordergrund. Schön, dass jeder Absatz kommentiert werden kann und die Autoren Zusatzinfos hinterlegen. Ein wenig mehr Selbstvermarktung würde nicht schaden: Damit der Leser weiß, was er bekommt, könnte man ihm ausdrücklich sagen, wie die Themen ausgewählt wurden und was er nur bei den Krautreportern bekommt.

Sollten die Krautreporter erfolgreich sein, könnten sie ein Leuchtturmprojekt werden, das für andere Redaktionen Maßstäbe setzt und damit das Niveau des gesamten Internetjournalismus heben. Unter den Krautreportern sind viele kreative Köpfe, sodass man hier optimistisch sein kann.

Einmal weitergedacht: Wenn sich Crowdfunding durchsetzt und eine wesentliche Erlösquelle wird, wie könnte sich das auf den Journalismus auswirken?

Darüber lässt sich im Moment nur spekulieren. Denkbar ist auch ein negatives Szenario: Es könnte passieren, dass die Zahler das Angebot als Sprachrohr für ihre eigenen Themen und Meinungen verstehen, die sie in einem größeren, nicht-zahlenden Publikum verbreiten wollen.

Das ginge dann in Richtung Gesinnungspublizistik: Man finanziert jenen Journalismus, der die eigenen Anliegen in die Öffentlichkeit trägt. Das erinnert an die Partei-, Konfessions- und Verbandspresse, die in Deutschland bis in die Weimarer Zeit von großer Bedeutung war. Damals gaben organisierte Interessengruppen ihre eigenen Zeitungen heraus oder unterstützten sie. Wenn aktive und finanzstarke Gruppen den Journalismus unter der Bedingung fördern, dass er sich an ihren Interessen orientiert, würde dies auch zur "digitalen Spaltung" der Gesellschaft beitragen. Schwächere Gruppen wären benachteiligt.

Dagegen führt die Werbefinanzierung von Massenmedien in der Regel dazu, dass Redaktionen ein möglichst großes Publikum erreichen und damit unterschiedliche Gruppen ansprechen wollen. Dies fördert die Vielfalt und Neutralität im Journalismus. Die heute gängige Mischfinanzierung aus Publikums- und Werbeerlösen hat also den Vorteil, dass sie einseitige Abhängigkeiten vermeidet.