"Ich scroll mir gerade einen Wolf", schreibt eine Nutzerin unter einen der ersten Krautreporter-Artikel. Damit ist eigentlich schon sehr viel gesagt über das neue Journalismusportal, das vor einigen Monaten Schlagzeilen mit seiner großmäuligen Crowdfunding-Kampagne machte ("Der Onlinejournalismus ist kaputt") und seit letzten Freitag offiziell online ist. Die Krautreporter, ein Zusammenschluss von rund 30 erfolgreichen freien Journalisten, waren im Vorfeld provokant und selbstbewusst aufgetreten, um jetzt sympathisch und bescheiden um Nachsicht mit den noch vorhandenen Kinderkrankheiten der Webseite zu bitten. Aus Marketingsicht haben die Gründer also alles richtig gemacht. Und so waren die ersten Reaktionen wenn auch nicht euphorisch, so doch freundlich.

Was kriegt man denn nun geboten für fünf Euro im Monat? Die Seite ist wie versprochen werbefrei, sie ist optisch schlicht und schön, Schriftbild und Fotos sind angenehm großzügig. Man kann jeden Absatz eines Artikels direkt kommentieren oder sich Erläuterungen des Autors anzeigen lassen. Dazu kommt die Kommentarfunktion am Ende des Artikels. Beide Funktionen lassen sich ein- und ausblenden, und beide sind der Community, also den zahlenden Abonnenten, vorbehalten. Der Gratisnutzer darf lediglich die Texte lesen, bleibt aber von der Diskussion ausgeschlossen. Noch hakt es hier und da, der Umbruch in der Kommentarspalte funktioniert nicht richtig, aber das sind Details, die kaum der Erwähnung wert sind.

Auffällig ist etwas anderes. Nämlich dass die Krautreporter es mit ihrer Kritik an den großen deutschen Newsportalen offenbar doch sehr ernst meinen. Dort würde man nur auf Zugriffszahlen und Suchmaschinenoptimierung schielen und den Leser mit möglichst reißerischen Überschriften anlocken. Nicht, um ihn zu informieren, sondern um ihn als Klickvieh zu missbrauchen.

Die radikale Antwort der Krautreporter auf diese weitverbreiteten Boulevardstrategien lautet: Keine Cliffhanger, nirgends. Jeder Artikel ist komplett "ausgeklappt", es gibt keine Unterseiten, auf die man erst weiterklicken muss. Man scrollt und scrollt und scrollt und wenn man einen Artikel irgendwann zu Ende gelesen hat, beginnt nahtlos der nächste. Das ist durchaus ungewohnt und latent ermüdend, zumal die Texte allesamt von epischer Länge sind. 

Keine Ressorts, nur Reporter

Und auch ein weiterer gestalterischer Aspekt der Seite zeigt, dass hier Onlinejournalismus anders betrieben werden soll als bei der Konkurrenz. Bei Krautreporter gibt es keine Ressorts, so wie es auch keine tagesaktuelle Berichterstattung gibt. Es gibt die chronologische Übersicht über alle bereits erschienenen Artikel – oder wahlweise die Übersicht über die einzelnen Autoren. Man kann durch diese Autorenliste scrollen und gucken, was Stefan Niggemeier schon veröffentlich hat, oder Thilo Jung oder Thomas Wiegold oder Christoph Koch oder Richard Gutjahr. Sie alle sind bekannt für bestimmte Themen und Formate.

Von der Strahlkraft dieser Namen will Krautreporter nicht nur indirekt profitieren. Der Autor ist die Message, der Journalist, dessen Texte die Leserschaft kennt und schätzt und wiederfinden will. Man kann diesen journalistischen Ansatz eitel, selbstbezogen und größenwahnsinnig nennen, man kann aber auch argumentieren, dass er einem Trend der Branche ("Sei eine Marke!") konsequent Rechnung trägt.