Im Inneren der Mall of Berlin: 270 Geschäfte, aber wenig anderes als bei der Konkurrenz auch © Reuters

Bei der Einweihung des Alexa am Berliner Alexanderplatz vor sieben Jahren gab es mehrere Verletzte. Tausende Schnäppchenjäger konnten damals nur durch ein Großaufgebot von Polizei und Sicherheitspersonal davon abgehalten werden, dem riesigen Shoppingkomplex bereits vor Eröffnung die Türen einzurennen. Architekturkritiker, die sich lediglich ein Bild des neuen innerstädtischen Ensembles machen wollten, hatten es an diesem Eröffnungstag durchaus nicht leicht.

Nun eröffnete am vergangenen Wochenende The Mall of Berlin, eine Einkaufspassage der Superlative und der lang erwartete Lückenschluss am Leipziger Platz. Ohne Massenpanik. Und im direkten Vergleich zum – am treffendsten wohl als rosafarbener "Kotzbrocken" bezeichneten – Alexa, wirkt der jüngste Neuzugang auf dem umkämpften Berliner Einzelhandelsmarkt geradezu zurückhaltend.

Abgesehen davon ist der Eindruck, den The Mall of Berlin hinterlässt, so enttäuschend wie erwartet. Nur schlimmer. Sollten Theaterschaffende jemals auf die Idee kommen, Dantes Göttliche Komödie im Berlin der Gegenwart spielen zu lassen – ich würde ihnen noch immer das Alexa als möglichen Höllenschauplatz ans Herz legen. Aber als Vorhölle käme The Mall sicherlich in die engere Wahl.

Schmerzhafte Architektur

Dantes Höllentor ziert die Inschrift: "Ihr, die ihr eingeht, lasst hier jedes Hoffen." Vom Potsdamer Platz kommend, lässt schon der äußere Anblick des mehr als eine Milliarde Euro teuren Mammutkomplexes alle Hoffnung weichen, der neuen Mall vielleicht etwas Positives abgewinnen zu können. Weitgehend belanglose, durch penetrante Werbung zusätzlich verunstaltete Gebäudefassaden sollen Maßstäblichkeit und Kleinteiligkeit vermitteln, wo keine ist. Fenster wurden durch Ladeneinbauten im Inneren ihrer Funktion beraubt, nichts will hier zusammenpassen. Dem Alexa ließe sich mit etwas Wohlwollen zugutehalten, besonders nachts einen Hauch Pop zu versprühen, in all seiner Scheußlichkeit wenigstens eine Haltung zu vertreten: "Fuck Architecture." Das Alexa bedeutet für die Stadtentwicklung in etwa das, was Dieter Bohlen für die Musik ist. Die Mall of Berlin dagegen ist, wie Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung treffend beobachtet, ein "architektonisches Nicht-Ereignis". Sie beschränkt sich auf eine Architektur, die niemandem wehtun will und gerade deshalb Schmerzen hervorruft.

Insofern fügt sich das neue zweitgrößte Einkaufszentrum der Stadt nahtlos in das umgebende, vom ehemaligen Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann verordnete "urbane Stakkato", das Berlin zwar verdichtet, aber mitnichten "urbaner", im Sinne von lebendiger, gemacht hat. Die staatstragende Tristesse des zentralen Viertels zwischen Friedrichstraße und Tiergarten mit seinen historisierenden Steinfassaden und Architekturen von der Konfektionsstange hat die Stadt nicht nur um die Chance gebracht, nach dem Mauerfall wirklich etwas Neues zu wagen. Wenn der Hype um Berlin einmal nachlässt, wird die Banalität dieser Gegend für die Stadt zum Problem werden. Schon jetzt runzeln viele Besucher die Stirn und fragen: Das also soll eine zukunftsgewandte Stadt sein?