Nach der Eröffnung des Alexa hatte es in Berlin eine intensive Debatte über den um sich greifenden Einkaufszentren-Investoren-Stumpfsinn gegeben. Harald Huth, der Inhaber der in Berlin bereits mit mehreren Einkaufszentren vertretenen High Gain House Investments GmbH (sic!), gelobte damals, sich mit seinem 76.000 Quadratmeter großen Shopping-Quartier vom üblichen Einheitsbrei der Branche abheben zu wollen. Davon ist wenig zu sehen. Zwar ist The Mall of Berlin Teil eines fast die gesamte Fläche zwischen Leipziger Platz, Voßstraße und Wilhelmstraße einnehmenden Neubaukomplexes, der auch mehr als 250 Wohnungen sowie Büroflächen und ein Hotel umfasst. Doch unter den 270 Geschäften findet sich nicht viel anderes als bei der Konkurrenz auch. Einzelhandelsvielfalt bedeutet hier, das von Aldi bis Zara reichende Spektrum nationaler und internationaler Filialunternehmen unter einem Dach zu versammeln. Dass es auch anders geht, zeigt etwa das Bikini Berlin am Zoologischen Garten, das auch architektonisch einen Lichtblick darstellt.

Die unter PR-Gesichtspunkten clevere Anlehnung an die Tradition des legendären Warenhauses Wertheim entpuppt sich als hohles Versprechen. Mit dem nach Plänen von Alfred Messel gebauten Kaufhaus, das im frühen 20. Jahrhundert als eines der schönsten Deutschlands galt, hat das Projekt am gleichen Ort etwa so viel zu tun, wie Einsteins Relativitätstheorie mit der Behauptung, alles sei relativ. Die taz bringt es auf den Punkt: Wo nun die Mall steht, war einst das Wertheim. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Während Messel Architekturgeschichte schrieb, zeigt The Mall das Unvermögen und den Unwillen heutiger Immobilienentwickler, an die bemerkenswerte Geschichte europäischer Geschäfts- und Warenhausarchitektur anzuknüpfen. Damit sei nicht gesagt, dass sie allein die Bau-Unkultur verantworten, die bundesweit Fußgängerzonen und Geschäftsstraßen überzieht. Verantwortung trägt auch die kommunale Politik. Statt ihre Planungshoheit geltend zu machen, um auf mehr architektonische und städtebauliche Qualität hinzuwirken, nimmt sie seelenlose Belanglosigkeiten und Scheußlichkeiten in Kauf oder heißt sie sogar gut.

"Ist das hässlich!"

Im Fall des sich immer weiter verhässlichenden Alexanderplatzes hatte Klaus Wowereit zumindest noch Position ergriffen. 2007 soll er beim Anblick des Alexa und des damals im Bau befindlichen Geschäftshauses Die neue Mitte voller Abscheu "Ist das hässlich!" geseufzt haben. Für The Mall of Berlin fand Berlins Regierender Bürgermeister dagegen nur lobende Worte. Ohnehin egal, könnte man denken, die Mall liegt ja in einer Gegend, von der sich viele Berliner gedanklich bereits vor Jahren verabschiedet haben.

Nicht egal ist jedoch, dass der Mall-Inhaber Harald Huth schon jetzt davon träumt, zu expandieren. Weitere 50 Geschäfte auf 20.000 Quadratmetern sind am Leipziger Platz in Planung, und wenn es nach ihm geht, könnte gleich das ganze Areal vom Potsdamer Platz bis zum Hackeschen Markt in ein "Shopping District" umgewandelt werden. In den dreißiger Jahren sei man "vom Alexanderplatz bis zum Potsdamer Platz" nur an Geschäften vorbeigelaufen, "das war wunderbar urban", sagte Huth der Berliner Morgenpost. Städte wie London seien faszinierend, so Huth weiter, weil "ich vier Stunden durch die Stadt laufe und immer noch im Shopping-District bin". Dass viele der Qualitäten, die er mit dem Berlin der dreißiger Jahre oder dem London der Gegenwart verbindet, auch damit zu tun haben, dass Berlin damals und London heute von Projekten wie seinen verschont geblieben sind, kommt ihm nicht in den Sinn.

65 Einkaufszentren in Berlin

Schon heute machen Shopping-Center Schätzungen zufolge mehr als ein Viertel der gesamten Verkaufsfläche Berlins aus und damit ein Vielfaches mehr, als es zum Beispiel in London der Fall ist. Projekte in der Größenordnung von The Mall sucht man zumindest im Stadtzentrum Londons vergeblich. Berlins Mallification dagegen schreitet ungebremst voran: 65 großflächige Einkaufszentren gibt es bereits und weitere werden folgen. Denn die Marktlage gibt es her. Für die Politik scheint diese Tatsache Grund genug zu sein, immer neue Vorhaben zu genehmigen. Aber zu welchem Preis? Projektentwickler und Investoren wie Harald Huth argumentieren, dass ein größeres Angebot perspektivisch mehr Kunden und somit auch mehr Einnahmen für die Stadt bedeuten würde. Schon jetzt zeichnet sich jedoch ab, dass der Preis dieser Entwicklung paradoxerweise exakt jene städtischen Qualitäten sind, die Harald Huth in seinen Interviews anpreist.

Urbanität erschöpft sich nicht im Konsum. Urbanität entsteht durch Mischung, durch Möglichkeiten der Aneignung, durch kulturelle, räumliche und soziale Kollision. Zu diesen Eigenschaften städtischen Lebens wissen großflächige Einkaufszentren fast nie etwas beizutragen. Im Gegenteil: Sie nehmen ihnen nicht nur den Raum, sich zu entfalten, sondern verzerren und pervertieren sie. All dies ist bekannt und durch sozialwissenschaftliche Studien hinreichend belegt, die zeigen, wie Städte von Einkaufszentren beschädigt werden. Diese Studien stellen nicht in Abrede, dass Einkaufszentren punktuell wirtschaftliche Impulse zu setzen vermögen. Sie zeigen aber auch, dass die Monotonie standardisierter Konsum- und Erlebniswelten solche Städte zunehmend ihrer Besonderheiten beraubt – und damit mittel- und langfristig auch möglicher Standortvorteile.

Dabei könnten wir von anderen europäischen Großstädten lernen. Rotterdam zum Beispiel zeigt, wie es besser geht. Dort eröffnete Anfang dieser Woche eine vom Architekturbüro MVRDV geplante futuristische Markthalle in Form eines gigantischen Triumphbogens –  100 Meter lang, 70 Meter breit, 40 Meter hoch und bereits jetzt ein neues Highlight im Zentrum der Stadt. Die fortschreitende Transformation städtischer Räume in pseudo-öffentliche Konsumhöllen ist weder gottgegeben noch folgt sie einem Naturgesetz. Sie ist folglich auch nicht unumgänglich. Um es mit Dante auszudrücken: Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt!

Eine erste Fassung dieses Textes ist erschienen bei CARTA.