Xavier Naidoo Mitte Juli während eines Konzerts in Regensburg © Isa Foltin/Getty Images

In den achtziger Jahren konnte man mit wohl temperierter Systemkritik noch staatszersetzende Ängste schüren. Spätestens seit der Finanzkrise ist radikale Systemkritik indes im Mainstream angekommen. Aber was heute bisweilen unter diesem Namen läuft, offenbart sich oft nur als die Fortsetzung des Wahnsinns mit anderen Mitteln. Das hat beispielsweise Xavier Naidoo gerade gezeigt.

Am Tag der deutschen Einheit trat der Popsänger zunächst vor einem Haufen sogenannter Reichsbürger auf, hernach bei einer sogenannten Friedensmahnwache. Also vor jenen Leuten, die sich vom "alliierten Diktat" befreien wollen und die Bundesrepublik als eine Art großangelegte Truman Show betrachten. Kritisch, wie Naidoo eben ist, empfahl er dem Publikum dann auch mal nachzudenken.

Zum Beispiel über den 11. September. Denn wer da die offizielle Geschichte glaube, "der hat den Schleier vor den Augen, ganz einfach". Nachdem diese beiden Auftritte nun für einige  Aufregung sorgten, legte er im Interview mit dem SWR nach. Er repräsentiere doch nur die Liebe und den Frieden, so wie sein Vorbild Jesus. "Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu Reichsbürgern. Auch auf die NPD. Das ist mir alles Wurst." Immerhin könne sich ja auch Frau Merkel nicht aussuchen, ob sie vor den Linken oder vor irgendjemandem spreche. "Sie muss als Bundeskanzlerin vor allen sprechen."

Naidoo, der bereits 2011 im ARD-Morgenmagazin gesagt hatte, dass er die Bundesrepublik nicht als souveränen Staat betrachtet, behält sich das Recht vor, "systemkritisch" zu sein. Deswegen habe der 43-jährige Sänger zu den "Menschen der Mahnwachen und zu den Menschen, die sich 'Reichsbürger' nennen" hingehen wollen. Sie seien alle "Systemkritiker" so wie er.

Kein wirkliches Zentrum

Der linke Philosoph Slavoj Žižek hat kürzlich auf die Frage, ob er die Plünderer, die im August 2011 Teile Londons verwüsteten, als politisches Ereignis betrachte, mit einem klaren Nein geantwortet. Dies sei nur brutaler Karneval gewesen. Wäre er ein Mitglied einer kapitalistischen Geheimorganisation, welche die Linke diskreditieren wollte, fügte Žižek polemisch hinzu, hätte er genau solche Unruhen organisieren lassen. In ähnlicher Hinsicht könnte man im Fall Naidoo sagen: Wäre man Geheimagent des "Systems", man würde sich Leute wie Naidoo ausdenken. Zumindest gäbe es kaum eine bessere Möglichkeit, den Begriff der Systemkritik nachhaltig zu diskreditieren.

Das ist natürlich umso bedauerlicher, wenn man bedenkt, dass tatsächliche Systemkritik heute dringlicher wäre denn je. Ungerechte Vermögensverteilung, inhumane Flüchtlingspolitik, voranschreitende Klimaerwärmung oder geheimdienstliche Totalüberwachung, das alles gäbe Anlass genug. Doch bei einer Systemkritik, die den Namen verdient, müsste am Anfang zunächst einmal die banale wie entscheidende Einsicht stehen, dass spätkapitalistische Demokratien zwar natürlich über machtpolitische Knotenpunkte verfügen, aber dennoch kein wirkliches Zentrum besitzen.