In den achtziger Jahren konnte man mit wohl temperierter Systemkritik noch staatszersetzende Ängste schüren. Spätestens seit der Finanzkrise ist radikale Systemkritik indes im Mainstream angekommen. Aber was heute bisweilen unter diesem Namen läuft, offenbart sich oft nur als die Fortsetzung des Wahnsinns mit anderen Mitteln. Das hat beispielsweise Xavier Naidoo gerade gezeigt.

Am Tag der deutschen Einheit trat der Popsänger zunächst vor einem Haufen sogenannter Reichsbürger auf, hernach bei einer sogenannten Friedensmahnwache. Also vor jenen Leuten, die sich vom "alliierten Diktat" befreien wollen und die Bundesrepublik als eine Art großangelegte Truman Show betrachten. Kritisch, wie Naidoo eben ist, empfahl er dem Publikum dann auch mal nachzudenken.

Zum Beispiel über den 11. September. Denn wer da die offizielle Geschichte glaube, "der hat den Schleier vor den Augen, ganz einfach". Nachdem diese beiden Auftritte nun für einige  Aufregung sorgten, legte er im Interview mit dem SWR nach. Er repräsentiere doch nur die Liebe und den Frieden, so wie sein Vorbild Jesus. "Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu Reichsbürgern. Auch auf die NPD. Das ist mir alles Wurst." Immerhin könne sich ja auch Frau Merkel nicht aussuchen, ob sie vor den Linken oder vor irgendjemandem spreche. "Sie muss als Bundeskanzlerin vor allen sprechen."

Naidoo, der bereits 2011 im ARD-Morgenmagazin gesagt hatte, dass er die Bundesrepublik nicht als souveränen Staat betrachtet, behält sich das Recht vor, "systemkritisch" zu sein. Deswegen habe der 43-jährige Sänger zu den "Menschen der Mahnwachen und zu den Menschen, die sich 'Reichsbürger' nennen" hingehen wollen. Sie seien alle "Systemkritiker" so wie er.

Kein wirkliches Zentrum

Der linke Philosoph Slavoj Žižek hat kürzlich auf die Frage, ob er die Plünderer, die im August 2011 Teile Londons verwüsteten, als politisches Ereignis betrachte, mit einem klaren Nein geantwortet. Dies sei nur brutaler Karneval gewesen. Wäre er ein Mitglied einer kapitalistischen Geheimorganisation, welche die Linke diskreditieren wollte, fügte Žižek polemisch hinzu, hätte er genau solche Unruhen organisieren lassen. In ähnlicher Hinsicht könnte man im Fall Naidoo sagen: Wäre man Geheimagent des "Systems", man würde sich Leute wie Naidoo ausdenken. Zumindest gäbe es kaum eine bessere Möglichkeit, den Begriff der Systemkritik nachhaltig zu diskreditieren.

Das ist natürlich umso bedauerlicher, wenn man bedenkt, dass tatsächliche Systemkritik heute dringlicher wäre denn je. Ungerechte Vermögensverteilung, inhumane Flüchtlingspolitik, voranschreitende Klimaerwärmung oder geheimdienstliche Totalüberwachung, das alles gäbe Anlass genug. Doch bei einer Systemkritik, die den Namen verdient, müsste am Anfang zunächst einmal die banale wie entscheidende Einsicht stehen, dass spätkapitalistische Demokratien zwar natürlich über machtpolitische Knotenpunkte verfügen, aber dennoch kein wirkliches Zentrum besitzen.

Naidoo ist kein Dekonstruktivist

Mit dem "System" verhält es sich, darauf hat der Kulturwissenschaftler Mark Fisher hingewiesen, wie mit Franz Kafkas Schloß: "Es gibt keine bestimmte telefonische Verbindung mit dem Schloß, keine Zentralstelle, welche unsere Anrufe weiterleitet; wenn man von hier aus jemanden im Schloß anruft, läutet es dort bei allen Apparaten der untersten Abteilungen oder vielmehr, es würde bei allen läuten, wenn nicht, wie ich bestimmt weiß, bei fast allen das Läutwerk abgestellt wäre."

Naidoo und seine systemkritischen Freunde sind jedoch auf der Suche nach einem opaken Fixpunkt der Macht. Mit dem Psychoanalytiker Jacques Lacan gesprochen, kreist deren Denken um einen "Herrensignifikanten", der am Ende aller Signifikationsketten steht und somit die symbolische Ordnung strukturiert. Das ist dann wahlweise der Ami, der Jude oder irgendeine Notenbank. Dementsprechend stehen jene, die auf "Mahnwachen" und "Montagsdemonstrationen" gehen, in der Regel für das exakte Gegenteil von Systemkritik. Was dort geboten wird, ist vielmehr hysterisches Desinteresse am Realen, eine organisierte Verweigerung des Denkens.

Blendet man indes für einen Moment aus, dass Naidoo sich offensichtlich zum verschwörungstheoretischen Politesoteriker entwickelt hat, und unterstellt hypothetisch, dass es ihm wirklich um "Liebe" und "Frieden" geht, so berührt sein Argument, dass man schließlich mit jedem reden müsse, also auch mit Reichsbürgern und der NPD, einen neuralgischen Punkt. Es verweist nämlich auf die alte Frage, wie eine Demokratie mit Nicht-Demokraten umgehen sollte, ja umgehen darf.

Rechtsradikale Sehnsüchte

Der Philosoph Jacques Derrida beschreibt in seinem Essay Schurken (2003) den Umstand, dass der Demokratie per se gewisse "Autoimmunreaktionen" eingeschrieben seien. Ein Paradox: Sobald die Demokratie wehrhaft gegenüber ihren Feinden wird, läuft sie Gefahr, sich selbst abzuschaffen. Die Anti-Terror-Gesetzgebung, die alle Bürger zu potenziellen Verdächtigen erklärt, ist hierfür wohl aktuell das markanteste Beispiel. Derrida entwirft vor diesem Hintergrund nun das Konzept der "kommenden Demokratie". Einer Demokratie, die stetig neue Grenzziehungen zu vermeiden versucht, indem sie anerkennt, dass es kein platonisches "Urbild" von ihr gibt und sie keinen Telos besitzt. Sie ist buchstäblich nicht abgeschlossen, sondern eben immer nur "kommend".

Ist Naidoo also vielleicht bloß ein Dekonstruktivist wie Derrida? Klare Antwort: nein.

Bei Derrida geht es zwar in der Tat um eine Öffnung der Demokratie, jedoch mit dem Ziel, diese als einen Raum maximaler Heterogenität zu denken. Demokratie wäre in seinen Augen eine politische Praxis, die denweitest möglichen Abstand zu den Ideen von Ursprünglichkeit, Geburt und Abstammung hält. Sie wäre eine Ordnung jenseits der Genealogie. Eine Ordnung, die den Fremden umarmt. 

Reichsbürger vertreten hingegen auch in diesem Punkt das Gegenteil. Aus einem reaktionären – und bisweilen antisemitischen – Geiste sollen buchstäblich revanchistische Identitäten entstehen. Hier werden schlicht rechtsradikale Sehnsüchte bedient. Dass Naidoo, der sich ja seit Langem gegen Rassismus engagiert, dies nicht erkennen kann oder will, ist geradezu tragisch.

Aber so eine "Systemkritik", die dunklen Geheimmächten nachspürt, hat natürlich zwei unschlagbare Vorteile. Zum einen schrumpft die Welt mit einem Schlag auf die Größe einer Nussschale. Zum anderen funktioniert solch eine solipsistische Realitätsverweigerung ja in ihrer Logik immer als eine Art ideologische Selbsterhaltung. Wie alle Verschwörungstheorien lässt sie sich nämlich nicht widerlegen. Steht beispielsweise in der Zeitung, dass die Twin Towers nicht von der CIA gesprengt wurden, so muss ja erst recht das Gegenteil wahr sein. Denn die "Systempresse", die sieht man natürlich kritisch.