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Ich mache mir Sorgen um Technologie in Deutschland. Ich befürchte, dass der Protektionismus, der von Institutionen ausgeht, die vom Internet bedroht werden – das sind vor allem Medienkonzerne und die Regierung – sowie die zunehmende kulturelle Technopanik zu schlechter Gesetzgebung, unnötiger Regulierung und gefährlichen Präzedenzfällen führen wird. Und dass ein feindliches Umfeld entsteht, in dem Technologen, Investoren und Geschäftspartner nur sehr vorsichtig in Deutschland investieren und arbeiten wollen.

Ich mache mir auch Sorgen um Technologie in Europa. Die deutsche Fortschrittsfeindlichkeit breitet sich in der EU und ihren Mitgliedstaaten aus. Der Europäische Gerichtshof hat beispielsweise ein Recht auf Vergessenwerden geschaffen und Spanien hat eine Steuer auf Hyperlinks eingeführt.

Am meisten beunruhigt mich allerdings die Beschädigung des Internets, seiner Freiheiten und seiner Zukunft, denn so werden die Möglichkeiten beschnitten, die ein freies Internet allen Menschen überall bieten kann. Drei Kräfte sind es, die das Internet gefährden: Kontrolle, Protektionismus und Technopanik.

Kontrolle ist ein weltweites Thema. Regierungen von China bis zum Iran und von Russland bis zur Türkei schränken ein, was ihre Bürger online sehen und sagen dürfen. Telekommunikationsunternehmen in den Vereinigten Staaten versuchen, die neutrale Architektur des Internets zu untergraben, um Nutzerentscheidungen zu manipulieren. Und wie Edward Snowden enthüllte, hat die NSA, ebenfalls in den Staaten, eine nie dagewesene Kontrolle über die Kommunikationskanäle erlangt und schwindelerregende Datenmengen über Bürger jeglicher Nationen gesammelt.

Protektionismus steht im Mittelpunkt des deutschen Problems: Die Zeitungsverlage, unter Führung des Axel Springer Verlags und seines Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, haben Google als willkommenen Buhmann des digitalen Zeitalters ausgemacht und ihm den Krieg erklärt. Als "Googlephobie" bezeichnet der Economist diese Kampagne und nennt sie "kurzsichtig und selbstzerstörerisch". Die Verleger haben ihren beachtlichen politischen Einfluss geltend gemacht, um die Regierung für ihren Kampf einzuspannen.

Folglich hat Deutschland seinem Urheberrecht das Leistungsschutzrecht hinzugefügt. Das Scheinargument der Verleger lautet: Wenn Google ihre Werke zitiert, um auf sie zu verlinken, stiehlt die Suchmaschine ihre Inhalte. Dabei wissen es die Verleger besser. Zweifellos ist ihnen klar, dass über die Suchmaschine monatlich zehn Milliarden Klicks auf 60.000 Verlagsangebote geleitet werden, wie Googles Vizedirektorin Rachel Whetstone in einem Blogeintrag schreibt, und dass sie erst dadurch die Möglichkeit erhalten, zu ihrem Publikum nützliche Beziehungen herzustellen.

Die Verleger haben sich erfolgreich blamiert

Das eigentliche Problem ist, dass es Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender auf der ganzen Welt versäumt haben, diese wertvollen persönlichen Beziehungen aufzubauen und die vielen Chancen zu nutzen, die das Internet ihnen bietet. Stattdessen haben sie sich auf den Erhalt einer massenmedialen Ökonomie versteift, für die nur Quantität zählt: Wie viele Augenpaare sehen diese Anzeige? Sie verübeln es Google, das Geschäftsmodell der Medien verändert zu haben, indem die Suchmaschine ihren Nutzern relevantere und wertvollere Ergebnisse liefert und den Vermarktern ein besseres Geschäftsmodell anbietet, das auf Performance basiert statt auf Masse.

Ihr Kampf nahm immer absurdere Züge an:
1. Zunächst wurde ein Leistungsschutzrecht entworfen, um Google et al. zu verbieten, kurze Textausschnitte der Verlagsinhalte zu zitieren.
2. Anschließend wurde das Gesetz überarbeitet, um diese sogenannten Snippets zu erlauben.
3. Nichtsdestotrotz verklagten die Verleger Google für die Verwendung von Snippets und forderten von Google elf Prozent der dadurch erwirtschafteten Einnahmen.
4. Google kündigte an, keine Snippets der klagenden Verleger mehr zu zeigen.
5. Daraufhin warfen besagte Verleger Google vor, sie mit der Entfernung der Snippets erpressen zu wollen, die die Verleger ihrerseits ja nutzten, um Google zu erpressen.
6. Beamte verspotteten die Verleger vor dem Kartellamt.            
7. Die meisten Verleger kapitulierten, weil sie auf den Traffic von Google angewiesen sind.
8. Springer verweigerte Google die Erlaubnis, kostenlos Auszüge aus der Welt und drei weiteren Angeboten zu publizieren, genehmigte aber Snippets seiner Supermarke Bild.
9. Springer gestand ein, zu viel Datenverkehr von Google zu verlieren, kapitulierte schließlich und argumentierte, dies beweise nur Googles erdrückende Marktmacht. Die Verleger haben sich selbst, ihre Branche und ihr Land erfolgreich lächerlich gemacht.

Die deutschen Verleger haben beschlossen, nicht etwa auf dem freien Markt zu konkurrieren, sondern untereinander und im Bundestag. Sie nutzen ihren Einfluss auf den Gesetzgeber, um Google zu schaden und den Konzern zu zwingen, sich einige nicht näher spezifizierte Zugeständnisse abhandeln zu lassen. Dieser Versuch zeitigt unbeabsichtigte Folgen. Man schaue sich nur an, wie in Spanien aus dem Kampf gegen Google ein Kampf gegen den Link geworden ist. Verleger wie Regierung drohen damit, Google-Links zu besteuern, um schwächelnden veralteten Medienunternehmen zu helfen. Der Link aber, diese zentrale Erfindung von Tim Berners-Lee, trägt das gesamte World Wide Web. Wer den Link besteuert, tötet das Internet.

Springer hat darüber hinaus Verlage in ganz Europa sowie Rubert Murdochs News Corp. zusammengetrommelt, um die EU-Kommission – erfolgreich – unter Druck zu setzen: Sie soll ihren eigenen kartellrechtlichen Vergleichsvorschlag mit Google verwerfen. Zu diesem Zweck veröffentlichte Springers Döpfner einen maßlosen Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem er Google aller möglichen Sünden bezichtigte. Er verglich Google mit der Mafia, Big Brother und einem Wagner'schen Drachen. Er beschuldigte den Google-Gründer Larry Page, er wolle einen Inselstaat errichten, seine eigene Technokratie. Er behauptete, Angst vor Google zu haben.

Wie die Financial Times berichtet, soll das Europäische Parlament jetzt über die Forderung abstimmen, Google zu zerschlagen. Der deutsche Europaabgeordnete Andreas Schwab ist für dieselbe Anwaltskanzlei tätig wie Ole Jani, einer der Architekten des Leistungsschutzrechts. In einem seltenen Moment politischen Widerspruchs gegen die deutsche Googlephobie bezeichnete Kurt Lauk, der Präsident des CDU-Wirtschaftsrates, das Vorhaben als "Verlierer-Debatte" und mahnte im Handelsblatt: "Wir haben die Chance an einem 20-Billionen-Markt teilzuhaben, wenn wir das Internet und die Digitale Revolution nicht weiter eher wie eine Bedrohung behandeln." Sogar der EU-Internetkommissar Günther Oettinger widersprach der Idee von Googles Zerschlagung und nannte sie ein Instrument der Planwirtschaft, "nicht der Marktwirtschaft".

Springer und die verschiedenen in diesem Kampf engagierten Verlegerverbände betreiben ihre Lobbyarbeit gegenüber der EU mit Anzeigen und Videos, in denen sie argumentieren, Google nutze seine Marktmacht auf unfaire Weise aus. Die Verleger stellen dabei neue Maßstäbe auf: Es sei nicht fair von Google, auf seine eigenen Dienstleistungen und Werbekunden zu verweisen. Doch diesen Maßstäben werden die deutschen Verleger selbst nicht gerecht. In dem Video, in dem sie Google angreifen, schlagen die Verleger vor, bei Google nach "Schuhen" zu suchen: Man fände Googles Werbekunden an der Spitze der Suchergebnisse. Alles Weitere zum Thema Schuhe folge darunter. Und jetzt gehen Sie auf Springers Bild.de, klicken auf den "Schuhe"-Link oben auf der Seite, und Sie werden die Werbekunden der Bild finden – und nichts anderes. Soll man den Spiegel verpflichten, für den Focus zu werben? Wäre das nicht fair?

Es ist schon komisch, dass solche Bastionen des wirtschaftlichen und politischen Konservativismus wie Springer und News Corp. sich jetzt unter den Rock der Regierung flüchten wollen. Sicherlich ist es den Verlegern gelungen, die Politiker nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat die Zerschlagung von Google gefordert. Justizminister Heiko Maas hat Google aufgerufen, seinen Algorithmus offenzulegen – eine absurde und sinnlose Forderung, die einzig und allein den Spammern dienlich wäre.

Auf dem diesjährigen Zeitungskongress in Berlin gab sich Bundeskanzlerin Merkel pflichtbewusst die Ehre, um die schrumpfenden Vermögen und Redaktionen ihrer Gastgeber zu beklagen. Und der SPD-Abgeordnete Thomas Oppermann machte sich dort lieb Kind, indem er gelobte, Googles Marktmacht einzuschränken.

Deutschlands spezifische Technikangst

Angst und Groll der alten Institutionen gelten nicht allein Google. In seinem offenen Brief in der FAZ verglich Döpfner Facebook mit der Stasi. Französische Taxifahrer streikten gegen Uber. In Deutschland wurde Uber verboten, bis ein Gericht das Urteil aufhob. Umsichtig mahnte Neelie Kroes, die scheidende Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, dass man auf diese Weise den Fortschritt wohl kaum in den Griff bekomme. "In der Tat verändern digitale Technologien viele Aspekte unseres Lebens", sagte sie. "Wir können diesen Herausforderungen nicht gerecht werden, indem wir sie ignorieren, bestreiken oder versuchen, diese Neuerungen durch Verbote aus der Welt zu schaffen."

Die dritte Kraft, die gegen das Internet und den Fortschritt wirkt, ist kultureller Natur: eine moralische Angst, die Verleger und Politiker gern begünstigen und verstärken. Ich nenne sie Technopanik.

Erinnern wir uns an die Reaktionen, als Google Street View nach Deutschland kam. Politiker stachelten fast 250.000 Bürger an, von Google die Unkenntlichmachung ihrer Wohnhäuser zu fordern. Dies führte zur Erfindung des Worts Verpixelungsrecht, und meine schelmischen deutschen Freunde auf Twitter benannten ihr Land um in Blurmany. Google verzichtete darauf, Street View in Deutschland auszubauen und macht keinen Gebrauch mehr von seinem Recht, öffentliche Ansichten öffentlicher Orte zu fotografieren. Ich fürchte: Sollte jemals Privatsphäre im öffentlichen Raum beansprucht werden, so könnte dieser Präzedenzfall herangezogen werden, um das Recht der Bürger zu beschneiden, festzuhalten und zu berichten, was ihnen in der Öffentlichkeit widerfährt. Ich fürchte, er könnte sogar benutzt werden, um Journalismus zu behindern.

Eine sehr viel gravierendere Beeinträchtigung der freien Rede ist mit dem Recht auf Vergessenwerden verbunden, einem weiteren neu erdachten Prinzip, das von Europapolitikern unterstützt und vom Europäischen Gerichtshof umgesetzt wurde. Dieser Beschluss tritt das Recht der anderen, sich zu erinnern, mit Füßen. Gerade stellen Nachrichtenanbieter fest, was es bedeutet, wenn die Links zu ihren Inhalten nicht mehr angezeigt werden – so beeinträchtigt das Recht auf Vergessenwerden auch das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit. Sollte nicht gerade Europa vor dem Versuch gefeit sein, die Geschichte umzuschreiben, Wissen zu kontrollieren und mächtigen Institutionen  – ob Regierung oder Unternehmen – die Entscheidung zu überlassen, welche Informationen nicht bekannt werden dürfen? Sollte die wahre Lektion unserer öffentlichen Online-Peinlichkeiten nicht lauten, dass wir alle Fehler machen und anderen gegenüber toleranter werden müssen?

In dieser Debatte über Privatsphäre erinnert man mich oft daran, dass Deutschlands jüngste politische und kulturelle Geschichte von zentraler Bedeutung ist für sein verbissenes Streben nach dem Schutz persönlicher Daten. Das mag schon stimmen. Zugleich aber müssen wir eine ausgewogene und nüchterne Debatte nicht nur über die Risiken, sondern auch über den Nutzen von Technologie führen, über den Nutzen der Sharing-Kultur, der Offenheit und der Kontakte, die das Internet ermöglicht. Denn wenn wir alles Schlechte verbieten, das dieser Wandel hervorbringen könnte, berauben wir uns auch aller noch unbekannten Vorzüge.

Bevor wir davon ausgehen, dass die düsteren technopanischen und googlephobischen Vorahnungen der Medien und der Regierung denen der deutschen Bevölkerung entsprechen, sollten wir uns eines bewusst machen: Es waren die deutschen Nutzer, die Google seinen zweitgrößten Anteil im weltweiten Suchmaschinenmarkt beschert haben – er liegt rund 50 Prozent über dem in den USA. Die Deutschen nutzen und, so darf man annehmen, mögen Google, während die Medien und die Regierung den Konzern angreifen. Aber Google sollte sich darauf nicht ausruhen, denn subjektive Wahrnehmung kann schnell Realität werden.

Diesen Prozess, den wir gerade beobachten, hat die Gesellschaft schon oft durchlebt, wenn im Zuge neuer Technologien Veränderungen dräuten. Als Gutenberg den Buchdruck erfand, fürchteten sich manche vor seinen Erzeugnissen. Im 17. Jahrhundert sorgte sich der englische Autor Richard Atkyns, die Presse verstopfe "das Königreich mit so vielen Büchern und die Gehirne der Leute mit so vielen gegensätzlichen Meinungen, dass diese Papierpresslinge so gefährlich werden wie Gewehrkugeln".

Auch die Telegrafie beunruhigte viele Menschen. In den 1860er Jahren veröffentlichte die New York Times Briefe, die der Sorge Ausdruck verliehen, "dass das Telegraphieren keine Sache ist, der sich Frauen widmen sollten". Sie warnten vor den Auswirkungen des Telegrafen auf Romantik und Ehe. 1852 berichtete das Telegraph Magazine über eine Gesetzesinitiative im Kongress, "um den Telegrafen daran zu hindern, das Land Tag für Tag mit vorsätzlichen und bösartigen Unwahrheiten zu überschwemmen". Und 1858 klagte ein namenloser Korrespondent in der New York Times: "Es kann kein vernünftiger Zweifel daran bestehen, dass der Telegraf gewaltige Schäden verursacht hat. Oberflächlich, unvermittelt, ungeprüft, zu schnell für die Wahrheit muss jede telegrafische Information sein. Wird somit nicht auch die öffentliche Meinung zu schnell für die Wahrheit? Binnen zehn Tagen erhalten wir die Post aus Europa. Welcher Bedarf soll da bestehen für Nachrichtensplitter binnen zehn Minuten?" Oder zehn Sekunden?

Es ist zu früh, das Internet zu regulieren

Dieser Anpassungsprozess erfordert Zeit. Zwar mag es uns erscheinen, als rase der Wandel mit beispielloser Geschwindigkeit an uns vorbei – so umfassend und schnell, dass wir annehmen, er müsste bald abgeschlossen sein. Doch ich möchte behaupten, wir stehen noch ganz am Anfang. Man muss sich nur die Chronik des Druckwesens vor Augen führen. Gutenberg zog aus, um die Produkte von Kopisten und sogar deren Handschrift nachzuahmen; die Druckerkunst wurde zunächst als eine Art automatisiertes Schreiben verstanden. Es dauerte 50 Jahre, bis das Buch seine heute bekannte Form entwickelt hatte. Es dauerte ein Jahrhundert, bis das Buch seinen Einfluss auf die Gesellschaft voll entfaltet hatte, wie die Gutenberg-Spezialistin Elizabeth Eisenstein schreibt. Und es dauerte anderthalb Jahrhunderte, bis jemand das erfand, was uns heute als nächstliegendes Erzeugnis der Druckerpresse erscheint: die Zeitung. Anfangs ahmte sie die Produkte ihrer Vorgänger nach und gefährdete die Existenz eben jener privaten Nachrichtenkorrespondenten mit ihren handgeschriebenen Manuskripten ­– genau wie sich heute die Digitalwirtschaft auf den traditionellen Journalismus auswirkt. Und wie im Fall der Digitalwirtschaft brauchte es Zeit, Experimente und Niederlagen, bis die frühe Zeitungsindustrie nachhaltige Geschäftsmodelle entwickeln konnte.

Wir haben vor gerade einmal 20 Jahren, im Oktober 1994, die Einführung des ersten kommerziell nutzbaren Browsers erlebt und damit die Geburt des Internets für alle. Es ist zu früh, viel zu früh, das Internet jetzt zu definieren und zu limitieren. Es ist zu früh zu glauben, wir wüssten, welche Formen es annehmen wird und welche Geschäftsmodelle wertschöpfend sein werden. Es ist zu früh, das Internet zu regulieren. Es ist zu früh, seine Schollen aufzuteilen.

Bislang habe ich deutsche und europäische Politiker und Verleger dafür kritisiert, dass sie die Debatte über den technologischen Wandel mit ihrem Protektionismus dominieren. Für ihre Panikmache und die Einflussnahme auf Journalismus und Behörden in ihrem eigenen Interesse. Jetzt werfe ich Google vor, ihnen die Diskussion überlassen zu haben.

So sehr Dr. Döpfner Google auch fürchten mag: Erstaunlicherweise verhält sich gerade Google oft wie ein scheues, verschrecktes Tier. Google und der Rest des Silicon Valley haben zu lange geschwiegen über den Missbrauch von Kommunikationssicherheit und privaten Daten durch die NSA; über alles, was Technologiefirmen in Zusammenarbeit mit der NSA oder im Rahmen ihrer gerichtlichen Verfügungen getan und nicht getan haben; über das, was die NSA vor den Technologiefirmen geheim hielt; darüber, welche Auswirkungen die Aktivitäten der NSA auf die Vertrauenswürdigkeit des Internets haben, auf die der Cloud und amerikanischer Unternehmen; und über die Notwendigkeit, Nutzer und Bürger mit Verschlüsselungssoftware und anderer Sicherheitstechnologie zu schützen.

Google und andere amerikanische Großunternehmen wollten sich verstecken vor dem Furor über ihre zu geringen Steuerzahlungen in Europa und Amerika. Es ist in der Tat ihre treuhänderische Pflicht gegenüber ihren Anteilseignern (Ja, ich bin einer), Kosten – und somit auch Steuern – auf ein Minimum zu reduzieren. Man sollte von diesen Firmen nicht erwarten, dass sie ihre eigenen Steuersätze festlegen. Sie bewegen sich allem Anschein nach im legalen Rahmen. Aber sie wären gut beraten, Gesetzgeber und Diplomaten aufzufordern, ihre Arbeit zu machen, Steuergesetze und –abkommen neu zu fassen und Fairness sowohl für die Unternehmen als auch für andere Steuerzahler zu schaffen. Es ist höchste Zeit, dass Irland sein Versprechen einlöst, eines seiner Steuerschlupflöcher zu schließen. Man könnte die europäische Feindseligkeit gegenüber Google als Antiamerikanismus oder Antikapitalismus entschuldigen, aber eben dieser Steueraspekt spricht dagegen

Google war in seinem Umgang mit Verlegern – unter anderem auch denen, die sich nun zu seinen Feinden erklärt haben, nicht immer besonders klug oder geschickt. Ja, Google hat Schritte unternommen, um sie zu beschwichtigen; kleine Projekte, um die Form eines Artikels neu denken oder Mikrobezahlsysteme einzuführen. Google ist nicht dazu verpflichtet, Verleger zu retten, die dazu selbst nicht in der Lage sind. Aber Google und der Rest des Silicon Valley sind der Gesellschaft moralisch verpflichtet, ihre Denkweise, ihre Technologie, ihr Geschäftsverständnis – und im Zuge der Investitionen auch ihren enormen Reichtum – bestmöglich einzusetzen, um ein gesundes Nachrichten-Ökosystem und damit eine informierte Gesellschaft zu schaffen. Google könnte neuen und alten, großen und kleinen Nachrichtenanbietern beibringen, wie sie ihre altmodischen Massenmedienstrategien hinter sich lassen und stattdessen als Individuen und Gemeinschaften wie Google der Öffentlichkeit mit Relevanz und Nutzwert dienen können.

Googles größter Fehler war es, die Eurotechnopanik auf kultureller und besonders politischer Ebene nicht angemessen anzugehen. Das Problem ist eben, dass Google-Leute Ingenieure sind. Wie Mister Spock aus Star Trek verabscheuen sie alles Unlogische. Aber Menschen und vor allem Politiker sind unlogisch. Europa zeigt Google, dass der Konzern diese Mächte nicht ignorieren kann. Google ist verpflichtet – und das liegt im aufgeklärten Eigeninteresse der Firma begründet –, für das Netz, seine Offenheit, seine Freiheiten und Vorteile zu kämpfen.

Google sollte in Deutschlands wachsende Start-up-Szene investieren und zum Aufbau einer innovativen, starken Technologiegemeinde beitragen, die sich seinem Kampf um den Schutz des Internets vor Kontrolle, Protektionismus und Panikmache anschließen wird. Auch das ist in Googles wohlverstandenem Eigeninteresse.

Google sollte sich mehr Mühe geben, Europa zuzuhören und daraus zu lernen. Und es sollte die Vorzüge, die der Gesellschaft und den Bürgern aus dem Teilen von Informationen und Wissen erwachsen können, besser vermitteln und erklären. Und schließlich sollte Google andere an seiner Begeisterung für die Wunder der Technik und des Internets teilhaben lassen.

Früher war mehr Staunen

Bei meinen Recherchen zu früheren Erscheinungsformen von Technopanik bin ich nicht nur auf Momente irrationaler Angst gestoßen, sondern auch auf Momente irrationalen Überschwangs, die durch neue Technologien ausgelöst wurden. Als die erste telegrafische Botschaft Europa und Amerika über den Grund des Atlantiks hinweg verband, haben die New Yorker Paraden und Feuerwerke veranstaltet, während Präsident James Buchanan in seinem ersten transozeanischen Telegramm erklärte: "Möge sich der Atlantische Telegraf unter Himmels Segen als ein Band des ewigen Friedens und der Freundschaft zwischen zwei verwandten Nationen erweisen."

Während des gesamten Industriezeitalters wurden im Zuge der Entwicklung neuer Technologien Weltausstellungen ausgerichtet. Die Pavillons waren erfüllt vom Staunen über die Erfindungen, von der Elektrizität über die Glühbirne bis zum Film, von der Dampfmaschine über das Automobil bis zum Raumschiff, vom Telegrafen über das Telefon bis zum Bildtelefon. Ja, es gab Ängste vor den Veränderungen, die diese Technologien mit sich bringen würden – oder vielmehr vor dem, was wir Menschen damit anstellen könnten. Aber es gab auch immer Zeit und Raum, um zu staunen und die Vorstellungskraft mit den Möglichkeiten wachsen zu lassen. Staunen über die Wunder der Technik.

Aus dem Amerikanischen von Michael Adrian und Rabea Weihser

Jeff Jarvis ist Autor von "Geeks Bearing Gifts: Imagining New Futures for News" und "Public Parts". Auf Deutsch sind "Gutenberg, der Nerd" und "Was würde Google tun?" erschienen. Er ist tätig als Professor und Direktor des Tow-Knight Center for Entrepreneural Journalism an der City University of New York. Außerdem gibt er den Podcast "This Week in Google" heraus. Er hält Aktien von Google, Apple und Amazon. Google hat ihn als Redner zu seinen Veranstaltungen eingeladen und die Reisekosten übernommen, ihm aber nie ein Honorar gezahlt.