Matthias Platzeck war als Brandenburgs Ministerpräsident Mitglied der Deutsch-Russischen Freundschaftsgruppe des Bundesrates. Seitdem er kein politisches Mandat mehr hat, ist er zum Deutsch-Russischen Forum gewechselt, dessen Vorsitz er im März übernahm. Der Unterschied zwischen beiden Veranstaltungen ist, dass in der Freundschaftsgruppe des Bundesrates ausschließlich offizielle Staatsvertreter, also Parlamentarier sitzen, wohingegen das Forum auch für Wirtschaftsleute und Vertreter der Zivilgesellschaft, wie beispielsweise Stiftungen, geöffnet ist.

Diese Art von Einrichtungen sind dafür geschaffen, abseits von Parteibeschlüssen und Gesetzesvorhaben Politiker und Politiken anderer Länder kennenzulernen und – an dieser Stelle holt die Kolumnistin den altmodischen Begriff vom Kaminsims herunter und pustet den Staub herunter – Völkerfreundschaft herzustellen. Eine Art Diplomatie mit Käsefondue.

Während einander nicht wohlgesonnene Staats- und Regierungschefs staatstragende Reden halten, die später in Geschichtsbüchern zitiert werden, sitzen Mitglieder beider Staaten von Foren und Freundschaftsgruppen in den Hinterzimmern und rühren mit den Fonduegabeln im Käsepott und lachen und sind ausgelassen, weil nichts von dem, was man tut, wenn es gut läuft, weitreichende Konsequenzen haben wird. Derweil wird mal eben ein Teil der Ukraine nach guter alter Kriegsmethode von Russland erobert und annektiert oder es werden Separatisten auf ukrainischem Staatsgebiet von Russland unterstützt. Und nun? Muss man die Fonduegabeln zur Seite legen, einen kräftigen Schnaps trinken und sich positionieren.


Matthias Platzeck meinte Haltung zeigen zu müssen, vielleicht weil er dachte, da trinke ich jahrein, jahraus Schnaps mit den Russen, nun muss ich auch mal was sagen: "Die Annexion der Krim muss nachträglich völkerrechtlich geregelt werden, sodass sie für alle hinnehmbar ist" und weiter:

Der Klügere gibt nach.

Despektierlich heißt es ja neuerdings, wenn man versucht, das politische Handeln eines Autokraten nachzuvollziehen, man sei ein "Versteher". Die Bezeichnung "Putinversteher" implementiert ein affirmatives Verständnis für Putins Politik, auf gewisse Art also auch eine Billigung seiner militärischen Taktik.

Die Etiketten Russlandversteher und Putinversteher werden jedoch schon geklebt, sobald ein Politiker oder Journalist vor der politischen Analyse zunächst einmal den Weg der Erkenntnis abzustolpern versucht. Allein, wie soll man sich einer Lösung annähern, wenn man den Vorgang nicht nachvollzieht? Verständnis als Schimpfwort ist schon ganz schön skurril.

Versuchen wir also Matthias Platzeck zu verstehen, ohne ihn in der üblichen Rhetorik zu etikettieren. An deutsch-russischen Freundschaftszirkeln nimmt üblicherweise niemand teil, wer sich zuvor, egal ob Russe oder Deutscher, als Kritiker oder Oppositioneller der russischen Politik einen Namen gemacht hat. Insofern ist es keineswegs originell, wenn Matthias Platzeck, der aktuell ein Politiker ohne Mandat ist, aus dem deutsch-russischen Plüschsessel heraus Ratschläge an die Politik verteilt, die sich im Wesentlichen so zusammenfassen lassen: Putins Politik für die Krim akzeptieren und legalisieren. Des lieben Friedens willen, der völkerrechtlichen Zuordnung halber, zur Befriedung der Kriegsgebiete. Was aber hat es mit dem Sprichwort auf sich: Der Klügere gibt nach?

Wer ist der Klügere? Deutschland? Die Ukraine? Die Krimtataren? Und was ist mit den anderen umkämpften ukrainischen Gebieten? Wenn man akzeptiert, was Putin auf der Krim tat, akzeptiert man dann auch, was Separatisten in Donezk veranstalteten? Und wann ist das Ende der Legalisierung von Krieg erreicht? Und warum ist irgendwer in dieser Angelegenheit klug? Wenn man den Intellektuellen glauben darf, findet eine unglaubliche Propaganda in den Medien statt. Wie kann man mit manipulierter Presse klug sein? Und wieso hat Platzeck seine Meinung nicht drei Tage vorher kundgetan, sondern erst, als die Kanzlerin auf dem G-20-Gipfel Putin gegenüber leichte Anflüge von Strenge zeigte? Ist der Zeitpunkt seiner Intervention nicht reichlich tollpatschig? Oder gewollt? Hat man ihn in seinem deutsch-russischen Fonduezirkel gedrängt, sofort einzuschreiten? Und was wollen die Bürger, die nicht Separatisten sind? Was ist bloß mit der ukrainischen Gesellschaft los? Sollte man nicht besser versuchen, den Nationalismus der Bürger zu verstehen und ein Mittel dagegen finden, statt allerorten nachzugeben? Fragen über Fragen. Wird irgendjemand klug aus allem?