Wo sind eigentlich all die schreibenden Installateure, Hebammen, Mathematiker, Fernfahrer, Kieferorthopäden, Bäcker und Bestatter hin? Auf der Bühne des 22. Open Mike im Neuköllner Heimathafen saßen sie jedenfalls nicht. Das Berufsfeld der Finalisten des mittlerweile etablierten Literaturwettbewerbs ließe sich in etwa so zusammenfassen: Sie machen fast alle was mit Medien. Was noch auffälliger war: Die Literaturinstitute Hildesheim und Leipzig hatten ihre Tore weit geöffnet, um schon einmal einige ihrer Absolventen als Vorhut auf das hart umkämpfte Schlachtfeld des Literaturbetriebs zu schicken. Sie haben dann ihre Pfeile auch ganz ordentlich abgeschossen; allein sie trafen nicht.

Bewerben durfte sich jeder, der nicht älter als 35 Jahre ist und noch keine Buchveröffentlichung vorzuweisen hat. Aus knapp 600 Einsendungen wählten sechs Lektoren großer und kleiner Verlage 22 Texte aus, darunter sieben Gedichte. Auf die Frage, was den diesjährigen Open Mike ausgezeichnet habe, antworteten sie wie aus einem Munde: Professionalität. In der Tat – man konnte sich gut vorstellen, wie mancher Autor stundenlang damit beschäftigt war, seine Kommas und Gedankenstriche wie Sofakissen zu drapieren oder darüber grübelte, wann er endlich das Wort Fickmaschine, Titten, Hühnerärsche, Schwanz und Scheiße einbaut. Wie der Lesemarathon bewies, leisten die Literaturinstitute hier ganze Arbeit, damit ihre Absolventen derlei Obszönitäten wie Fensterchen in ihre schweißtreibend ermeißelte Syntax setzen.

Allein, sie vermögen weder etwas zu erhellen, noch entdeckt man dahinter Erwähnenswertes, geschweige denn Unerhörtes. Man konnte nicht einmal viel Erlebtes entdecken und leider auch nichts sensationell Erfundenes. Wie gut ist es da, dass jeder einmal zur Schule ging und auf seine Erlebnisse als Pennäler zurückgreifen kann, um daraus eine Geschichte zu machen. "Ich war unmenschlich verliebt, so verliebt, wie man nur sein kann, wenn man vierzehn ist und plötzlich verstanden hat, was das Leben zu bedeuten hat", schreibt Jennifer Johanna Becker in Molicure Moss. Aus der Pubertät geschrieben hat sich anscheinend auch Nora Linnemann mit Jacki-Olé. Ihr Lektor Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag versprach immerhin  einen "saustarken Schluss", aber der finale Satz erschöpfte sich nur im faden Bekenntnis: "Ich treibe ab." Oder soll das gar das Unerhörte, das Originelle sein? Das Publikum applaudierte jedenfalls zum ersten Mal lautstark. Es kann aber auch sein, dass es gar nicht das Publikum war, sondern die Klassenkameraden vom Leipziger Literaturinstitut. 

Inszenierung ist alles

Ludwig Thomas Lausbubengeschichten haben da immer noch mehr zu bieten. Banale Schulhofstorys gespickt mit hinkenden Vergleichen wie: "Sein Pimmel lag wie ein Schoßhündchen auf seinem Bein" müssen selbst als literarischer Versuch infrage gestellt werden. Da nützt auch die beste Vortragsweise nichts. Es fiel überhaupt auf, dass so gut wie alle Autoren ihre Texte derart souverän und routiniert vorlasen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Auch hier Professionalität, wohin das Ohr hört. "Ein Autor, der weiß, dass er sich nicht inszenieren kann, der würde sich hier auch gar nicht bewerben", sagt Gunnar Cynybulk vom Aufbau Verlag. Das lässt aufhorchen. 

Um nun noch einmal auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen und sie wie eine Matroschka zu öffnen, um ihr eine weitere entschlüpfen zu lassen: Kann es sein, dass sich unter den Hebammen, Bestattern und Kieferchirurgen zwar die besseren Autoren befinden, die vor einer Selbstinszenierung aber zurückschrecken? Die Universität Hildesheim bietet ihren Schreibstudenten seit Kurzem einen Kurs für die professionelle Inszenierung auf Lesebühnen an. Das ist gewiss eine zeitgemäße, aber traurige Entwicklung.

Beim diesjährigen Open Mike waren alle Lektoren der Ansicht, dass die Texte durch das Vorlesen noch einmal an Qualität gewonnen haben. Im Falle von Alexandra Riedel wurde das besonders deutlich. Sie las Die Prinzessin mit so einer akkurat einstudierten dramatischen Intonation vor, dass es einem Schauer über den Rücken jagte; wohlgemerkt wegen der kalt hingehauchten Vortragsweise und nicht, weil in der Geschichte die Tochter ihren Vater, an dessen Hosenbein sich allabendlich der Dackel selig rammelt, irgendwann umbringt. Liest man die meisten der Texte in seinem stillen Kämmerchen, so verdampft ihr Inhalt schon nach den ersten Sätzen. Eine Todesanzeige wird eben noch lange kein Aphorismus, nur weil man sie laut singt.

Autoren, die Plastiktexte produzieren

Hätte es diese Schulmeisterlichkeit und Marketingmentalität schon immer gegeben, wir hätten keinen Kafka, keinen Kleist, keinen Doderer und erst recht keinen Musil. Und um sich nicht dem Vorwurf des Ewiggestrigen auszusetzen: auch keinen Lutz Seiler. Der Literaturbetrieb mit seinen Instituten, Schreibwerkstätten und Universitäten vollzieht fast unbemerkt einen Standortwechsel: nämlich weg von der Mitte der Gesellschaft, in der die erzählwürdigen Geschichten entstehen. Er macht seinem Namen als Betrieb mehr und mehr Ehre, er produziert Autoren, die Autoren produzieren Plastiktexte. Dass gleich zwei von ihnen beim diesjährigen Wettbewerb die Literaturinstitute selbst zum Thema ihrer Geschichte machten, sollte gewiss Respekt vor so viel Selbstironie abtrotzen, wirkte aber nur hilflos. Der Witz kam ungelenk daher, der erste Zuschauer schlief ein, und der Juror Andreas Maier ging vom Wasser zum Wein über. 

Fein ziselierte Gedankeneskapaden

Die Jury, in der neben Andreas Maier auch Marion Poschmann und Björn Kuhligk saßen, vergaben den zweiten Preis für Prosa verdientermaßen an Mareike Schneider für Holzmieten, in der sie über den Tod des Großvaters schreibt. Die Vergabe des ersten Preises an Doris Anselm für Die Krieger des Königs Ying Zheng ist leider nicht nachvollziehbar – eine Mischung aus Kiezdeutsch und Kanak Sprak, die nur schwer auszuhalten ist, aber von der Radioreporterin natürlich beeindruckend vorgetragen wurde.

Der Lyrikpreis ging an Robert Stripling für seine Prosagedichte, die ganz gewiss die intelligentesten Texte des Wettbewerbs waren. Wenn man etwas aus den Textkonvoluten zu Literatur erheben wollte, dann seine fein ziselierten Gedankeneskapaden. "Sie glauben gar nicht", sagte einmal Joseph Roth, "welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist." Um das Leben mit mehr guten Romanen zu bereichern, auch darum wünscht man dem Open Mike für die Zukunft weniger Professionalität.