Der Wunsch nach einem schmerzfreien Ableben, so lässt sich vermutlich ohne Übertreibung sagen, ist ein menschliches Ur-Bedürfnis. Nicht umsonst sind in der griechischen Mythologie der Gott des Todes, Thanatos, und der Gott des Schlafs, Hypnos, Brüder. Allerdings existiert dieses Bedürfnis seit je auch im Kontext bestimmter Kultursysteme. Und das bedeutet, dass das Verlangen nach Schmerzvermeidung im Zweifelsfall von ethischen oder religiösen Imperativen überdeterminiert wird.

Ganz konkret zeigt sich dies am kulturellen Verhältnis zum Selbstmord. Während beispielsweise die kynischen und stoischen Philosophen den Freitod im Fall einer schweren Erkrankung als vernunftbasierte Option ansahen, gerät der Suizid im Christentum zum Sakrileg. Darf nur der Herr über Leben und Tod richten, wird das Leiden zur gottgewollten Prüfung. Nur wenige christliche Denker erhoben dagegen Einspruch.

In seinem 1516 erschienen Roman Utopia schrieb der Humanist Thomas Morus, der 1935 von der Katholischen Kirche heilig gesprochen wurde, jedoch einige erstaunliche Sätze, die mitten in die aktuelle Sterbehilfedebatte führen. Sei "die Krankheit nicht nur unheilbar, sondern dazu noch dauernd qualvoll und schmerzhaft", so Morus, "solle er nicht darauf bestehen, die unheilvolle Seuche noch länger zu nähren, und nicht zögern zu sterben, zumal das Leben doch nur eine Qual für ihn sei". Der Mensch solle sich "getrost und hoffnungsvoll aus diesem bitteren Leben wie aus einem Kerker oder aus der Folterkammer befreien oder sich willig von anderen herausreißen lassen". Der Tod beende schließlich nicht die Freuden, sondern nur das Martern.

Diese Sätze waren für ihre Zeit, das christliche Spätmittelalter, zweifellos eine Zumutung.

Für viele Menschen sind sie es auch 500 Jahre später noch. Die Vorstellung, dass ein Kranker sich "willig aus dem Leben herausreißen lässt", also aktive Sterbehilfe beansprucht, berührt hierzulande nach wie vor Tabugrenzen. Das hat jüngst nicht nur die Sterbehilfedebatte im Bundestag gezeigt, sondern wurde auch im Zuge der vieldiskutierten Fälle von Udo Reiter und Brittany Maynard deutlich. Während der ehemalige MDR-Intendant, der lange für das Recht auf Freitod kämpfte, sich am Anfang Oktober erschoss, nahm sich die 29-jährige Amerikanerin, die an einem unheilbarem Tumor litt und ebenfalls medienwirksam für das Recht auf Suizid plädierte, kaum einen Monat später das Leben.

Machtverhältnis zwischen Staat und Individuum

Obschon Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Deutschen die aktive Sterbehilfe befürwortet, haben die letzten Wochen dennoch klargemacht, dass eine signifikante Liberalisierung der hiesigen Rechtslage kaum zu erwarten ist. Aktuell gilt die Beihilfe zum Suizid, etwa durch die Beschaffung von Medikamenten, welche die Betroffenen dann selbst einnehmen, als straffrei. Vorausgesetzt es liegt eine entsprechende Patientenverfügung vor, ist der Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen gesetzlich vorgeschrieben. Eine Tötung auf Verlangen, beispielsweise durch die Verabreichung einer letalen Medikamentendosis, ist indes verboten.   

Letzteres ist in den Niederlanden anders. Das dortige Gesetz sieht vor, dass ein Patient auf Verlangen getötet werden darf, wenn er diesen Wunsch freiwillig, wohlüberlegt und wiederholt äußert. Darüber hinaus muss sein Zustand aussichtslos und sein Leiden unerträglich sein. Schließlich ist der behandelte Arzt dazu verpflichtet, mindestens einen unabhängigen Kollegen zu konsultieren, der die gesamte Prozedur überprüft.  

Dass eine vergleichbare Regelung in Deutschland nicht in Aussicht steht, hängt zunächst auch damit zusammen, dass die hiesige Sterbehilfedebatte gemeinhin als rein bioethische Auseinandersetzung firmiert. Es stimmt natürlich, dass die Frage nach den normativen Grundlagen des "guten" Sterbens hier im Vordergrund steht. Tatsächlich geht es in Teilen aber auch schlichtweg um einen machtpolitischen Verteilungskampf. Und zwar in doppelter Hinsicht. Einerseits würde eine Liberalisierung der Sterbehilfe nämlich das Kräfteverhältnis zwischen Staat und Individuum neu justieren. Zur Disposition steht die buchstäblich existenzielle Frage, ob der Leviathan bereit ist, sein Tötungsmonopol im Fall des selbstbestimmten Suizids, wohlgemerkt unter strengen Voraussetzungen, einzuschränken. 

Andererseits zeigt sich die Debatte aber ebenso als einer der vielleicht letzten großen Verteidigungskämpfe des politischen Christentums. Wenngleich die assistierte Sterbehilfe nicht nur aus religiösen Gründen abgelehnt wird und manche CDU-Abgeordnete diese sogar ausdrücklich befürworten, wird implizit auch stets die politische Restrelevanz des christlichen Wertekanons verhandelt. Offenbart sich die Spätmoderne bekanntlich als sukzessive Säkularisierung, allen voran in Fragen von Abtreibungs- oder Familienpolitik, kreist die Debatte ebenfalls darum, ob jenes ideengeschichtliche Erbe, das den Suizid als Sünde sieht, der politischen Bewahrung bedarf.

Dass es dem Recht auf einen selbstbestimmten Tod nun nach wie vor an Anerkennung mangelt, hat zudem mit einer romantischen Verklärung des Leidens zu tun. Im Mittelalter äußerte sich dieses beispielsweise im Genre der Ars-moriendi-Literatur, christliche Erbauungsschriften, mit denen die "Kunst des Sterbens" eingeübt werden sollte. Die seelische Imprägnierung gegen den Schmerz kam somit als eine Art spirituelles Re-Enactment der Passionsgeschichte daher. Besieht man die aktuelle Sterbehilfedebatte, meint man indes noch Schwundformen dieser Argumentationslinie zu erkennen.

In der ZEIT fragte kürzlich Ulrich Greiner rhetorisch, ob die "größere Würde" beim Sterben nicht darin liege, "sein Schicksal anzunehmen". Jakob Augstein konstatierte in seiner Spiegel-Online-Kolumne wiederum: "Aber am Ende sollten wir im Tod etwas üben, was wir im Leben leicht verlernen: Demut." Solch pastorale Rhetorik mag zwar besinnlich klingen, impliziert jedoch drastische Konsequenzen. Sterbenskranken wird hier nämlich ein geradezu literarischer Opfermut abverlangt. Denn im Ernstfall bedeutet der Ruf nach "Demut" und "Schicksal" nichts anderes, als dass man sein Martyrium bitte erdulden möge, um mit einem vermeintlichen Überschuss an Würde belohnt zu werden.

Gleichwohl kommen Argumente gegen die Sterbehilfe auch von links. In einer kapitalismuskritischen Lesart firmiert diese denn als biopolitische Ausweitung der neoliberalen Kampfzone. So warnte etwa Franz Müntefering kürzlich in den Tagesthemen nachdrücklich vor einer möglichen Kommerzialisierung des assistierten Suizids. Und da ist ihm nur beizupflichten: Die bloße Vorstellung, dass die Sterbehilfe als deregulierte Dienstleistung der kapitalistischen Verwertungslogik überantwortet wird, erscheint schrecklich.

Nun müsste aber gerade der sozialdemokratische Ex-Arbeitsminister wissen, dass die Privatisierung medizinischer Leistungen kein Naturgesetz, sondern politisch gewollt ist. Genauso wie die Große Koalition die Instrumente besäße, um die Pflegesituation zu verbessern oder die fortschreitende Ökonomisierung des Gesundheitswesens zu stoppen, ließe sich per politischer Regulierung sehr wohl verhindern, dass die Sterbehilfe zum Gegenstand der Geschäftemacherei avanciert.

Erst der letzte Herzschlag, dann die bürokratische Maschine

Neben kapitalismuskritischen Argumenten werden in der Debatte aber auch noch seelenökonomische Bedenken ins Feld geführt. Das Individuum, auch das sterbenskranke, habe einfach kein Recht auf Freitod. Missachte der Mensch nämlich sein eigenes Leben, so verletze er dieses auch als solches. Diese in Zügen kryptoesoterische Beweisführung erscheint schon eigentümlich. Während im irdischen Dasein fortlaufend alles mögliche privatisiert wird, von der Wasserversorgung bis zum Gesundheitswesen, soll im Moment des Todes eine Art Seelenkommunismus herrschen. Dabei ließe es sich andersherum viel eher plausibilisieren.

Entgegen der neoliberalen Anthropologie, die den Menschen als solitären Homo oeconomicus verbucht, müsste die Sozialität des Menschen gerade in seinen Lebzeiten akzentuiert werden. Im Moment des Sterbens sollte der Einzelne – unter strengen Voraussetzungen – hingegen über das selbstbestimmte Recht verfügen, seinem unheilbaren Leid ein Ende zu setzen. Aber wie ließe sich ein solches Recht heute begründen? Um dies zu beantworten, muss man den Tod zunächst als Gegenstand eines machtpolitischen Beziehungsgeflechts betrachten.

In dieser Hinsicht offenbart sich das Sterben zuvorderst als staatlich kontrollierter Verwaltungsakt. In der Regel findet es in öffentlichen Krankenhäusern statt und wird von dortigem Personal begleitet. Mit dem letzten Herzschlag läuft sodann die bürokratische Maschine an: die Ausstellung des Totenscheins, die Austragung aus Renten- und Sozialversicherung und schließlich die gesetzlich geregelte Bestattung.

Der Prozess des Sterbens ist jedoch nicht nur verwaltungstechnisch gerahmt, sondern an sich bereits eine Projektionsfläche von Macht. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert avanciert der Körper zum politischen und ökonomischen Interventionsfeld. Michel Foucault hat dies auf den Begriff der Biomacht gebracht. Darunter lassen sich im Wesentlichen all jene Techniken fassen, die auf eine kollektive Regulierung der Körper abzielen. Bestanden frühere Formen der Souveränität vor allem darin, "sterben zu machen und leben zu lassen", verschiebt sich der biopolitische Diskurs nun dahin, "leben zu machen und sterben zu lassen".