Eine Soldatin vor dem Bundeswehr-Showroom in Berlin © Bundeswehr

Gegenüber von McDonald's geht es um die Zukunft der Bundeswehr, neben dem Schuhladen, der Apotheke und dem Asia-Imbiss. Hier am hässlichen Ende der Berliner Friedrichstraße hat das Verteidigungsministerium einen Showroom eingerichtet. Unser Militär soll jünger werden! Und man muss den Nachwuchs dort aufgabeln, wo er sich rumtreibt. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht, seit also die Kreiswehrersatzämter keine Musterungsbescheide in herrischem Deutsch mehr verschicken und die Zugabteile nicht mehr jedes Wochenende von epilierten, leicht aufgeschwemmten Grundwehrdienstleistenden blockiert werden, konkurriert die Bundeswehr mit den Ausbildungsmöglichkeiten im Einzelhandel. Von "Wir. Dienen. Deutschland.", wie es über dem Eingang der neuen Militärfiliale heißt, ist es nicht allzu weit zu "Wir lieben Lebensmittel".

Gerade kam eine Lieferung brauner Kartons herein. Ein Nachschub Broschüren, tarnfarbener Schlüsselanhänger und tarnfarbenener Gummibärchentütchen. Zwei junge Soldaten packen aus. Ein Feldwebel ist im Gespräch mit zwei Schülerinnen vertieft. Auf der silbernen Bank mit den blauen Sitzkissen lässt sich die Wartezeit mit der Mitarbeiterzeitschrift Y überbrücken. Ypsilon wie das Kennzeichen der Bundeswehrfahrzeuge. Optisch und inhaltlich ist das Heft ein gelungenes Imitat des Männermagazins GQ. Der Wissensteil empfiehlt Gesundheitsapps wie Semper Fit –  ein Wortspiel mit der beliebten Marines-Tätowierung Semper Fidelis, immer treu. Außerdem im Lektüre-Angebot: ein Interview mit Matthew McConaughey und in der Mitte eine ausklappbare, modisch illustrierte Karte über Ehrenhaine in Afghanistan.

In diesem Heft, in diesem Raum spiegeln sich Ursula von der Leyens Bemühungen, die Bundeswehr als attraktiven Arbeitgeber im 21. Jahrhundert zu etablieren. Auch das "Bundeswehr Adventure Camp" – in den Sommerferien mit der Transall für eine Woche nach Sardinien – ist so eine Idee innerhalb des Kommunikationskonzepts. Genauso wie die aufwendigen, mit Filmmusik unterlegten Videoporträts, die hier, leider lautlos, über den Flatscreen laufen und die vielen Gesichter des Militärs zeigen. Vom Koch auf der Fregatte Brandenburg bis zum MG-Schützen im Kampfhubschrauber. Oft haben die Porträtierten gute, klare Namen wie Preuß, Groll oder Krieger. Am Schluss sagen sie holprige Sätze wie "Ich diene Deutschland, weil ich ein Fan des Grundgesetzes bin" oder "Weil wir es wert sind" in die Kamera.

Eine Installation wie ein Readymade

Deutschland ist nicht nur Schwarz-Rot-Gold. Der Showroom der Bundeswehr scheint sich eher am Blau der Deutschen Bank zu orientieren: Bundeswehr ist Pantone 288, Deutsche Bank ist Pantone 287. Das konsequenterweise ebenfalls blaue Eiserne Kreuz wurde nicht vergessen. Irgendwie hinübergerettet durch Kaiserreich und Nationalsozialismus hängt es an der Wand, in Sinneinheit mit den Wörtern "Bundeswehr", "Wir", "Dienen", "Deutschland". Beleuchtet wird das Ganze von Energiesparlampen. Andernorts, nicht weit von hier, würde die Installation als Readymade durchgehen.


Der Feldwebel verabschiedet die beiden interessierten Mädchen und kommt herüber. Er stellt klar, dass er kein ausgebildeter Karriereberater sei, nur ein einfacher Feldwebel. Ein Brigadekommandeur auf der Suche nach authentischen Typen, habe ihn aus einer Liste mit mehr als 5.000 Bewerbern ausgewählt. Sich sofort verpflichten, also unterschreiben, wie man das aus amerikanischen Filmen kennt, könne man hier sowieso nicht, sagt er. Wer Abitur hat, kommt für die Offizierslaufbahn infrage. Auf einem iPad zeigt er einen kurzen Film. "Machen wir uns nichts vor", sagt er, "so ein Gerät gibt's sonst in der Truppe nicht" und legt das Tablet zur Seite. Er greift zur Broschüre. Auf einem Foto schlendern Rekruten mit weiblicher Begleitung im feldgrauen Dienstanzug am Times Square entlang. New York, flirrende Weltmetropole, Schickimicki, auch das habe nicht viel mit der Realität zu tun. Mit wohltuender Distanz bewegt sich der Feldwebel durch diesen viel zu neuen, überraschend kleinen, mit Technik vollgestellten und völlig unwirklichen Raum.