Der Medienjournalist und Google-Fanboy Jeff Jarvis lebt in einer einfachen Welt. In dieser ist Google gut und alles was gegen Google ist, ist böse. Einfache Gemüter sind oft glücklichere Menschen, doch nicht Jeff Jarvis: In der vergangenen Woche machte er sich auf ZEIT ONLINE Sorgen. Sorgen um Technologie in Deutschland. Deutschland und die gesamte EU litten unter "Eurotechnopanik" und die Diskussionen um Google Streetview, die jüngste Debatte um das sogenannte Leistungsschutzrecht seien Beweise, dass seine Bedenken richtig sind. 

Eigentlich aber sorgt sich Jarvis als Google-Aktionär darum, dass der Widerstand gegen den Suchmonopolisten in Deutschland und in Europa wächst. Dabei verwechselt er die Bedenken, die Google als Unternehmen von Gesellschaft und Politik entgegengebracht werden, mit einer von ihm attestierten Technologiepanik oder gar einer Internetfeindlichkeit. Den Grund für die sich seiner Meinung nach von Deutschland über die ganze EU ausbreitende Technopanik sieht er darin, dass vor allem deutsche Verleger, allen voran Axel Springer, einen Kreuzzug gegen Google führten. Jarvis' Vorwürfe sind umfangreich, dafür wenig konkret. Die Argumentation seiner Polemik geht dann in den Bereich des Abenteuerlichen, wenn er die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs als fortschrittsfeindlich deklassiert.

Sein Text ist deshalb besonders fragwürdig, weil er durchweg Google mit dem Internet und das Internet mit Google verwechselt oder gleichsetzt. Diese Gleichsetzung illustriert Jarvis’ Hybris beziehungsweise die Hybris des Unternehmens, von dessen Dividende er profitiert.

Sein Verwechselspiel macht oft schwer zu packen, was er überhaupt sagen will. Jarvis pflegt eine Sprache der permanenten Ausweichbewegung: Immer wenn man ihm etwas entgegnen möchte, verwandelt sich sein Text zu einem Wackelpudding, den man nicht an die Wand nageln kann. Ich versuche es trotzdem. 

Bizarres Bild der deutschen Politik und Verlagslandschaft

Jarvis' erste These ist, dass das Internet Medienkonzerne und Regierungen bedroht. Das ist falsch. Das Internet als neutrale Infrastruktur tut erst mal gar nichts, außer seinen Nutzern zu ermöglichen, Dienste aufzubauen und Daten auszutauschen. Google eben ist ein solcher Dienst und ja, Google bedroht Medienkonzerne. Deswegen, weil Googles Geschäftsmodell das Geschäftsmodell ist, von dem die Medienbranche über Jahrzehnte gut lebte: Werbung. Das muss man sich in der emotional und polemisch geführten Debatte um Google immer wieder vor Augen führen: Es geht um den Verkauf von Werbung.

Das Unternehmen generiert fast 100 Prozent seines Umsatzes damit. Da sind natürlich die Unternehmen, die sich früher über den Verkauf von Werbung finanziert haben, nicht erfreut, wenn ein neues Unternehmen ihnen einen Teil dieser Umsätze streitig macht. Es ist daher überhaupt nicht überraschend, wenn sich diese Unternehmen wehren. Ob diese Gegenwehr, Beispiel Leistungsschutzrecht, immer so intelligent war, sei dahingestellt, aber Jarvis zeichnet ein bizarres Bild einer deutschen Politik, die von Springer und der deutschen Verlagswelt gesteuert wird. Dass eine Regierung auch selbst ein Interesse daran haben könnte, einer Branche in Schwierigkeiten zu helfen, kommt Jarvis nicht in den Sinn. 

Besonders lustig wird Jarvis' Lobbyvorwurf vor dem Hintergrund der von ihm unerwähnten Tatsache, dass Google selbst kräftig ins Säckel greift, um Politik in den USA und Deutschland zu beeinflussen. Allein in den USA hat Google in den ersten drei Quartalen des Jahres 2014 13 Millionen US-Dollar ausgegeben, um Politik durch Lobbyisten zu beeinflussen. Damit gab Google mehr Geld für Lobbying aus als Facebook, Amazon und Apple zusammen. Googles Political Action Committee hatte darüber hinaus bis Oktober 1,6 Millionen US-Dollar direkt an Kandidaten für politische Ämter gespendet, in gleichen Teilen für Demokraten wie Republikaner.