Feministischer Protest vor der Universität in Charleston, USA © Alice Keeney/Getty Images

Als Beyoncé dieses Jahr bei den MTV Video Music Awards vor der Videowand mit dem Wort Feminist stand, während die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie aus dem Off die Definition von Feminismus zitierte, sahen und hörten das sehr viele Menschen jeden Geschlechts. Wie viele genau, lässt sich natürlich nicht sagen, aber man darf mutmaßen, die Zuhörerzahl war größer als bei der jüngsten Vorlesung der Philosophin Judith Butler. Ist das nun schlimm? Ist das eine dadurch wichtiger als das andere, oder gar: richtiger?

Natürlich nicht. Vielmehr zeigen diese Beispiele sehr schön, dass es verschiedene Herangehensweisen an Feminismus gibt – glücklicherweise. Die spielerische oder künstlerische Auseinandersetzung erreicht Menschen, genauso wie die auf akademischer Ebene. Ob Butler oder Beyoncé, beide tragen dazu bei, den Feminismus auf ihre Weise inhaltlich voranzutreiben und Menschen näher zu bringen, die eine vorwiegend in Songzeilen auf einer Riesenbühne, die andere in theoretisch anspruchsvollen Vorträgen und akademisch voraussetzungsreichen Büchern.

Die Mittel sind verschieden, und ja, oft genug auch die Inhalte. Aber warum wird immer wieder aufs Neue das Eine gegen das Andere ausgespielt? Ich verstehe es einfach nicht. Nun ist innerfeministische Kritik natürlich gut und wichtig, aber sie sollte eben vor allem auf inhaltlicher Ebene geschehen.

Jedes Mal, wenn wir stattdessen den Fokus auf die alte, falsche Meta-Diskussion richten, verschenken wir Raum für die wirklich wichtigen Themen: die Armutsgefahr von Alleinerziehenden zum Beispiel, die vor dem Aus stehende Geburtshilfe, die Diskriminierung von Regenbogenfamilien, Aufklärung über Mythen zu sexueller Gewalt oder zu Geschlechterstereotypen, die sich negativ auf Mädchen und Jungen auswirken. Ebenso wenig geht es dann wieder mal um Morddrohungen denen feministische Aktivistinnen und Geschlechterforscher_innen im Netz ausgesetzt sind – und es wird auch nicht über das Klima des vermeintlichen "Genderwahns" gesprochen, das an jeder Ecke geschürt wird und diese Drohungen begünstigt.

Vollzeit-Feminismus-CEO?

Und doch sind wir in der deutschen Feminismus-Debatte aktuell (wieder einmal) an einem Punkt angekommen, wo so getan wird, als gäbe es nur eine echte Herangehensweise in Sachen Feminismus, verkörpert von der Einen, Wahren, der Person, die alle unter sich vereinen kann: Deutschland sucht die Super-Feministin, die x-te Staffel. Angestoßen hat den Relaunch dieses Mal die Journalistin Hannah Lühmann, die ihre Kritik in erster Linie auf den angeblich humorlosen Netzfeminismus, namentlich auch an mich richtet.

Nun, Lühmanns Sehnsucht nach der intellektuellen Führungsfigur kann ich tatsächlich nicht teilen. Vielmehr sehe ich, dass in den vergangenen Jahren der Feminismus in Deutschland endlich begonnen hat, mit den vielfältigen Perspektiven sichtbar zu werden, die er im Grunde längst hat. Der sogenannte Netzfeminismus hat hier den Anfang bereits gemacht. Netzfeminismus steht für eine heterogene Gruppe, die keine einheitliche Auffassung von Feminismus vertritt, aber doch einen gemeinsamen Diskussionsraum nutzt – mit dem Ziel, über das Netz und die Debatten hinaus gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und zu bewirken. Durch eigene Aktivität, die in vielen Fällen auch mitnichten aufs Netz beschränkt bleibt, wenn zum Beispiel Vorträge gehalten oder Diskussionsrunden veranstaltet werden.

Wer also, wie Hannah Lühmann, alle Menschen in einen Topf wirft, die das Internet als Medium für ihr feministisches Engagement nutzen, und so tut, als wäre dieses losgelöst von der Offline-Welt, geht an einer längst existierenden Realität völlig vorbei. Und wer, wie Antonia Baum zuletzt in der FAS, die Maßstäbe einer Vollzeit-"Feminismus-CEO" an Aktivistinnen anlegt, die nahezu jeden Tag ihr Herzblut in Projekte pumpen, die sie zwar viel Zeit kosten, aber keinerlei finanzielle Absicherung bringen, hat sich offenbar noch nie mit der Geschichte des (internationalen) feministischen Aktivismus auseinandergesetzt.

Lachen? Wohl kaum

Es war eben schon immer einfacher, denjenigen, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, zu sagen, sie täten es auf die falsche Weise, als den Blick auf diejenigen zu richten, die sich dem Wandel bewusst in den Weg stellen. Unsere Gesellschaft braucht aber keinen reinen feministischen Debattierclub, sondern in erster Linie eine Veränderung von Machtverhältnissen und die Auflösung diskriminierender Strukturen.

Ein ziemlich alter Hut ist Lühmanns Forderung, Feminist_innen (worunter sie offenbar ausschließlich Frauen versteht) sollten ihre Kritik doch einfach mit einem Lächeln und Scherz auf den Lippen präsentieren, zwecks besserer Erfolgsaussichten. Ein Argument, das man bestens aus der antifeministischen Ecke kennt. Warum sich Lühmann ausgerechnet dieses Klischee zu eigen macht? Ich weiß es nicht. Schleierhaft ist mir auch, warum sie gleich dem ganzen Netzfeminismus komplette Humorlosigkeit attestiert, nur weil sie den Humor meines Buchs nicht teilt.

Mal von Pauschalisierungen abgesehen: Woher kommt eigentlich die bei keiner anderen ernsthaften Debatte anzutreffende Erwartungshaltung, dass es bei feministischen Themen nun ausgerechnet besonders humorvoll zuzugehen habe? Sollte es nicht erlaubt sein, über Ungerechtigkeiten auch mal wütend zu sein? Auf diese Weise wurden uns schließlich unter anderem das Frauenwahlrecht und mehr sexuelle Selbstbestimmung beschert – dass sich diese Themen nicht immer in leicht verdauliche Schenkelklopfer verpacken lassen, liegt in der Natur der Sache. So öffnet zum Beispiel der Tod von Tuğçe A. Raum für eine Diskussion darüber, wie Alltagssexismus im öffentlichen Raum leider auch aussehen kann. Hier sind Wut und Trauer absolut angemessene Reaktionen. Lachen? Wohl kaum.